Mensch oder Monster?

„KRÄHENMÄDCHEN“

Man möchte am liebsten ausspuken vor Ekel, sich schütteln und laut aufschreien, aber zum Glück ist Victoria Bergman nur eine Romanfigur, Mittelpunkt des skandinavischen Thrillers „Krähenmädchen“*, der als Auftakt einer Trilogie letztes Jahr in die deutschen Buchhandlungen kam.

*Erik Axl Sund: „Krähenmädchen“. Die deutsche Ausgabe erschien 2014 im Goldmann Verlag.

Victoria Bergman wurde als Kind sexuell missbraucht. Manchmal – so wie im Falle des „Krähenmädchens“ – zieht sich Inzest wie ein unseliger roter Faden durch eine Familie und hinterlässt bis auf die Grundfesten zerstörte Menschen, die irgendwann Gewalt und Missbrauch weitergeben.

Der Thriller schildert Kindesmissbrauch als Perversion und Einblick in das Böse, das hinter der zivilatorischen Fassade einiger Menschen lauert. Vielleicht liegt das am Genre. Vielleicht hat das Albtraumhafte, das in dem Buch „Krähenmädchen“ zum Ausdruck kommt, für einige Betroffene auch etwas Reales an sich. Ich weiß es nicht, denn ich habe selbst keinen sexuellen Missbrauch erlebt. Ich kann das nur von außen beschreiben und nehme literarische Werke zu Hilfe. Man möge mir das verzeihen.

Es ist klar, dass sexueller Missbrauch nicht immer so drastische Folgen hat, wie bei Victoria Bergman. Die meisten Opfer entwickeln keine multiple Persönlichkeitsstörung und werden auch nicht zur Gefahr für andere. Es sind normale Frauen und Männer, die von Vätern, Brüdern, Onkeln oder Nachbarn, manchmal auch Frauen, missbraucht wurden und deren Verhältnis zur Sexualität ein gespanntes ist, etwas, das sie sich im Laufe vieler Therapien mühsam erarbeitet haben.

DER KINDERSCHÄNDER VON SEITE 1

Dass sexueller Missbrauch etwas Furchtbares ist, da sind sich wohl alle einig. Da darf es kein Pardon geben. „Kinderficker“ stehen sogar im Knast in der Hierarchie der bösen Jungs ganz unten. Das Problem ist nur, dass Kindesmissbrauch meistens nicht so offensichtlich ist. Zwar gibt es ihn, den fremden Mann, vor dem alle Eltern ihre Kinder warnen, dass sie unter gar keinen Umständen mit ihm mitgehen dürfen, der mit Süßigkeiten, Späßen und guten Worten lockt und versucht, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, damit er sie missbrauchen kann und alles endet dann damit, dass irgendwann eine verwesende Kinderleiche in einem abgelegenen Waldstück gefunden wird. Aber der klassische „Kinderschänder“, wie er häufig auf den Titelseiten der Boulevardpresse gezeigt wird, ist eigentlich eher selten. Mit DNA-Analysen kann man solchen Männern heute relativ leicht auf die Spur kommen, vor allem, wenn sie sich schon vorher im Umfeld ihrer Opfer aufgehalten haben. Das Risiko, erwischt zu werden, ist also nicht gerade gering.

Trotzdem ist nicht jeder freundliche, kinderliebe Mann ein potentieller „Triebtäter“. Sporttrainer, Lehrer, Jugendgruppenleiter und Kindergrärtner haben es besonders schwer, denn sie stehen schon durch ihren Beruf von vornherein unter Verdacht. Es ist zwar sicher richtig, auf die ersten Anzeichen zu achten und im Falle des Falles konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um Schlimmeres zu verhindern, aber was ist, wenn es zu Missverständnissen kommt, wenn etwas fehlinterpretiert wird? Kleine Kinder können sich noch nicht so gut ausdrücken. Sie richten sich unbewusst oft nach dem, was die Erwachsenen gerne hören möchten. Und manche Erwachsenen möchten nur zu gerne hören, dass sich etwas Furchtbares ereignet hat.

„DIE JAGD“

Wie ein bloßer Verdacht und die Hysterie der vermeintlich „anständigen“ Bürger das Leben eines Menschen zerstören kann, zeigt der dänische Spielfilm „Die Jagd“*: Kindergärtner Lucas soll sich der kleinen Klara unsittlich genähert haben. Kaum ausgesprochen, macht der Verdacht die Runde und plötzlich ist jeder erpicht darauf, Lucas zu zeigen, was er von Typen wie ihm hält. Eine Lawine der Gewalt wird losgetreten. Man fragt sich, ob hinter so manch einem der eifrigsten Eiferer nicht vielleicht selbst ein „Kinderschänder“ steckt. Lucas jedenfalls kann nicht beweisen, dass er nichts getan hat und wird immer mehr zum Tier in der Falle. Erst, als es fast zu spät ist, erkennt das kleine Mädchen, das ihm eigentlich nur ein bisschen böse war, was es angerichtet hat. Geholfen hat „die Jagd“ letztendlich nicht einem einzigen Kind.

*Spielfilm „Die Jagd“ (Dänemark 2012, Regie: Thomas Vinterberg)

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