Mein linker, linker Platz ist frei. Und der rechts neben mir auch.

 

ParkbankB4

Es war an einem milden Juniabend vor zwei Jahren: Ich war zu Besuch bei einer Freundin, die damals in einer der größeren westdeutschen Universitätsstädte lebte. Hier wehte ein liberalerer Wind als ich es gewohnt war. Man konnte alles Mögliche studieren und ausprobieren und es gab jede Menge Treffpunkte, Zirkel und Gruppen für jede nur erdenkliche Nischenexistenz. Bei der Fülle an Möglichkeiten war es eigentlich eher Zufall, das ich von dem Bi-Treffen erfahren hatte, das in einer angesagten Szenekneipe stattfinden sollte.

EIN BUNT GEMISCHTER HAUFEN

Ich rufe mir die Szenerie noch mal vor Augen: Es sind viele Leute da. Gleich mehrere Tische sind durch das Treffen belegt. Manche sehen nach Bikerclub aus oder schwarzer Szene, Gothic, Grufties, andere wiederum wirken wie biedere Bürohengste. Die meisten Frauen haben lange Haare und sind hübsch zurecht gemacht. Sie sitzen mit sittsam übereinandergeschlagenen Beinen da, lächeln und hören eher zu. Bis auf ein paar Männer, die das eine oder andere schwule Klischee bedienen, macht alles einen sehr heteronormativen Eindruck. Ich fühle mich etwas unwohl, als sei ich ein plumpes, großmäuliges Mannweib. Deshalb bin ich fast erleichtert, als ein lesbisches Pärchen hereinkommt, das mit großem Hallo begrüßt wird und etwas theatral einige Zärtlichkeiten austauscht. Beide wirken eigentlich eher zurückhaltend, aber auf den ersten Blick nicht unsympathisch. Lisa*, kurze, mausbraune Haare und Brille, studiert Medizin und das leider schon etwas länger als geplant. Ihre Freundin Sina*, eine langhaarige, feminin wirkende Blondine, macht Pädagogik.

SMART & SEXY ODER SYMPATHIETRÄGER?

Es dauert keine halbe Stunde, da werde ich das erste Mal angeflirtet. Das nervt. Ich bin nicht zum Baggern da. Außerdem wirkt es aufgesetzt. Ich versuche, nonverbal klar zu machen, dass ich den Typen nett finde, aber keine Lust habe, zu flirten. Ich unterhalte mich mit Lisa darüber, dass das manchmal ein Problem bei Bisexuellen ist: Da man bzw. frau ja ‚was mit beiden Geschlechtern anfangen kann, ist theoretisch immer auch beides drin: Freundschaft oder Liebe, nett plaudern oder One-Night-Stand. Ich denke aber, dass das Problem wirklich nur ein theoretisches ist. Auch eine heterosexuelle Frau interessiert sich ja schließlich nicht für jeden Mann, der ihr über den Weg läuft. Es gibt nun einmal eine ganze Bandbreite an Gefühlen, die zwischen Menschen bestehen: Sympathie, Zuneigung, tiefe Verbundenheit oder eben prickelnde Erotik, sexuelle Anziehungskraft, romantische Liebe. Im Grunde ist doch arm, wer nur einen kleinen Teil davon empfinden kann – oder?

WAS BITTE IST BIPHOBIE?

Bei mir „prickelt“ im Moment jedenfalls gar nichts. Ich erzähle Lisa, dass ich das biphob* finde, wenn man immer dumm angemacht wird, weil die Leute denken, man sei scharf auf alles, was zwei Beine hat und nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Für mich ist es nun einmal so, dass manche Männer nette Bekannte sind und andere „mehr“. Und mit Frauen geht es mir ähnlich bzw. es kommt noch hinzu, dass viele einfach nichts mit anderen Frauen anfangen können. Das spürt man bzw. frau. Und selbst wenn ich weiß, dass eine auf Frauen steht, dann ist da nicht unbedingt eine erotische Spannung. Ich glaube, das kommt nur auf, wenn es ein bisschen auf Gegenseitigkeit beruht oder man bzw. frau das jedenfalls vermutet oder hofft. Es „funkt“ halt nur manchmal. Und dann muss man gucken, was wirklich Sache ist, ihn oder sie erst mal kennenlernen, sich da langsam herantasten, im Zweifelsfall reden, die Dinge klarstellen, Missverständnissen vorbeugen, Körbe hinnehmen, auch wenn’s schwer fällt. Geht doch alles, wenn man/frau nur will. Eigentlich lernt man das doch auch in jungen Jahren, diese ganze Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen und dass man trotzdem ein Leben lang auf die Nase fliegen kann….

AB WANN IST MAN WIRKLICH BI?

Lisa nickt. Und macht mich an. So richtig mit dem Vorschlaghammer, damit ich das auch kapiere. Normalerweise schießt mir in Momenten wie diesen die Zornesröte in’s Gesicht. Wenigstens das, wenn ich es nicht schaffe, etwas zu sagen, wie: „Hör mal, was soll das? Bist Du bescheuert oder was?“. Diesmal bin ich baff. Lisa hat mir ja zugestimmt, dass das biphob ist. Nur ist sie selbst bisexuell. Sie darf das, da kann ich nichts sagen. Vielleicht bin ich ja nicht bisexuell genug? Sonst würde ich das lockerer sehen? Ich fühle mich vorgeführt und unter Druck gesetzt. Als sei das eine Art „Bisexuellen-Test“.

MANCHE SIND HALT EIN BISSCHEN AKTIVER

Ich gucke nach Bi-Gruppen im Internet. Die meisten, die sich als bisexuell bezeichnen, suchen nach eigenen Angaben vor allem nach „bisexuellen Erfahrungen“. Manche sind obszön, preisen ungeniert die eigenen Vorzüge an. Wenn man danach geht, dann hat Bisexualität in erster Linie mit „viel Sex“ und sexuellen Grenzerfahrungen, „flotten Dreiern“, Swingerclubs und z. T. auch BDSM zu tun.

Mich stößt das alles ab. Manche Menschen sind ja vielleicht ganz besonders neugierig und vielleicht auch sexuell aktiver als andere, aber – und das muss man auch mal sagen – manchmal ist es auch so, dass jemand zwar alles ausprobiert, ihn oder sie am Ende aber gar nichts glücklich gemacht hat.

NICHT FISCH NICHT FLEISCH SEIN

Die Moral von der Geschichte ist jedoch: Es stimmt, dass Bisexuelle sowohl von Homo- als auch von Heterosexuellen oft nicht so richtig ernst genommen werden. Um richtig Rückhalt entweder in der Mehrheitsgesellschaft oder aber in der homosexuellen Community zu finden, wäre es wahrscheinlich besser, sich in sexueller Hinsicht zu entscheiden.

Andererseits ist die Bisexualität in den letzten Jahren in „alternativen“ und Lifestyle-orientierten Kreisen zu einer beliebten Mode und für manche sogar zu einem neuen, trendigen Identitätsstifter geworden, denn anders als z. B. das Lesbischsein wird sie mit einem mondänen Lebensgefühl und sexueller Libertinage verbunden. Es geht um das „Mehr“ an Sexualität. Bisexualität ist, so könnte man meinen, für schillernde Paradiesvögel und extravagante Schönheiten in Lack und Leder.

Klar, dass niemand als „sexuell verklemmt“ oder gar „asexuell“ gelten möchte. Niemand möchte also der „Antityp“ zu dem/der sinnenfreudigen und fantasievollen Bisexuellen sein oder auch nur „nicht bisexuell genug“. Dennoch sollte man/frau sich vor Augen halten, dass da wo Leute ganz besonders viel Aufhebens um etwas machen, oft nicht viel dahintersteckt. Manchmal versuchen Menschen nämlich auch, andere als „fade“ und „lustfeindlich“ vorzuführen, damit keiner darauf kommt, wie „normal“ und unscheinbar sie eigentlich selbst sind. Denn letztendlich ist „bisexuell“ nur eine sexuelle Orientierung und meint, dass man/frau sich sowohl in Männer als auch in Frauen verliebt. Mehr nicht.

In diesem Sinne: Take care and bi curious!

MEHR INFO?

*Dieser Text soll eine – mehr oder weniger – literarische Auseinandersetzung mit Bisexualität und Biphobie, Klischees und Vorurteilen sein. Er ist also fiktiv. Allerdings entspricht vieles den Erfahrungen, die bisexuelle oder als sexuell ambivalent wahrgenommene Menschen tagtäglich machen, z. T. auch innerhalb der „Szene“. Dennoch sind Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt.

*Wer sich über Bisexualität näher informieren möchte, wird bei dem deutschen Bisexuellen-Netzwerk BiNe fündig oder auf der Homepage des englischsprachigen The Bisexual Index.

Einen sehr umfassenden Überblick über biphobe Handlungen und Denkweisen gibt der Artikel „Biphobie: Unsichtbarkeit von Bisexualität und Stereotype gegenüber Bisexuellen.“ v. Freddy Schindler, der am 6. Mai 2013 in einer gekürzten Fassung auf der Homepage der Grünen Jugend erschienen ist.

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