#Indiana: Oder wessen Freiheit ist mehr wert?

QueerSweets

Seit ein paar Tagen ist es Thema: Im US-Bundesstaat Indiana wurde ein Gesetz verabschiedet, das es erlaubt, Menschen zu diskriminieren – und sich dabei auf die Freiheit des Individuums beruft.

Der „Religious Freedom Restoration Act“ will – wie schon der Name sagt – eine „Freiheit“ wieder herstellen und zwar die, anderen Menschen „aus religiösen Gründen“ Dienstleistungen zu verweigern, falls sie z. B. einen Blumenstrauß kaufen oder in einem Restaurant essen möchten.

DAS ENDE DER CHRISTLICHEN NÄCHSTENLIEBE

Mit „Religion“ ist vermutlich vor allem das erzkonservative evangelikale Christentum gemeint und es ist die Homo-Ehe, an der sich die Gemüter erhitzen. Kein „gläubiger“ Christ soll dazu gezwungen werden, eine gleichgeschlechtliche Hochzeit gewissermaßen zu „unterstützen“, indem er oder sie sie durch die Bereitstellung entsprechender Dienstleistungen möglich macht. Die Homo-Ehe passt nicht in’s konservativ-christliche Weltbild. Für evangelikale und fundamentalistische Christen ist Homosexualität eine Krankheit und Verirrung, ein Abweichen vom „rechten Weg“, das es zu „heilen“ gilt, notfalls auch mit reichlich Druck und Zwang.

Eine solche Denkweise ruft bei Menschen, die sich für aufgeklärt halten und für Toleranz und Vielfalt eintreten, unweigerlich Widerwillen hervor.

TOLERANZ AUCH FÜR DIE INTOLERANTEN?

Aber es gibt auch immer welche, die sich freuen, den angeblich doch so „gutmenschlichen“ Linken und Liberalen ein’s ‚reinwürgen zu können.

Auf Twitter wurde unter dem Hashtag #BoycottIndiana u. a. das blutrote Bild einer hysterisch schreienden Frau gepostet. Untertitelt ist es mit „Democrats – The Party of Tolerance. Unless you disagree with them, then it’s: „Shut the …. up you lying, Racist, Hater!“*

*Bitte das Bild selbst auf Twitter unter #BoycottIndiana suchen.

Gestern stolperte ich  – als noch relativ unerfahrener Twitter-Neuling – beim Suchen unter #Indiana mehr oder weniger zufällig in eine Diskussion. Ich wurde gefragt, was ich denn tun würde, wenn eine Gruppe Nazis Einlass in eine Disko fordern würde oder ich einem Nazi eine Nazi-Torte backen müsste.

Der Hintergedanke bei solchen Argumenten ist klar: Wer immer Toleranz fordert, wenn es um die eigenen Belange geht, muss das Gleiche auch anderen zugestehen, auch wenn deren Ansichten und Lebensgewohnheiten dann nicht mit einem linken Weltbild zu vereinbaren sind.

DIE FREIHEIT DES EINEN HÖRT DA AUF, WO DIE DES ANDEREN ANFÄNGT

Allerdings ist es – wie ich finde – nur eine Scheinargumentation. In Deutschland hat man mit einem allzu liberalen Laissez-faire immerhin schlechte Erfahrungen gemacht. Der Nationalsozialismus hat eigentlich eindrucksvoll genug gezeigt, dass die Gegner der Freiheit die Freiheit zerstören – und zwar für alle! – wenn man ihnen die Freiheit dazu lässt.

So ähnlich steht es ja auch im Grundgesetz. Die Freiheit des/der einen hört halt immer da auf, wo die des/der anderen anfängt.

Aber was soll man machen, wenn man es mit jemandem oder etwas zu tun hat, bei dem sich einem einfach der Magen umdreht? Ich würde einem Nazi keine Nazi-Torte backen. Auch niemandem anderen. Ich würde mich darauf berufen, dass ich nicht dazu beitragen kann – auch wenn es nur indirekt ist – eine Gesinnung zu verbreiten, bei der anderen ihre Grundrechte abgesprochen werden – und das z. T. sehr brutal.

Außerdem würde ich davon ausgehen, dass eine Gruppe Nazis, die in die Disko will, u. U. ein erhebliches Gefahrenpotential für die anderen Disko-Besucher darstellt – eben weil Nazis häufig gewaltbereit auftreten.

Man kann sich ja auch diskomäßig zurechtmachen, wenn man in die Disko will. Die Disko ist ja kein politischer Raum. Und ebenso hat natürlich auch jeder das Recht, beim Bäcker eine Torte zu kaufen, selbst dann, wenn vielleicht allgemein bekannt ist, dass er/sie politisch rechts-außen steht. Aber es darf eben keine Nazi-Torte sein, die er oder sie verlangt.

MENSCHSEIN ODER MEINUNGSSACHE?

Bei der Homo-Ehe liegen die Dinge allerdings ein bisschen anders. Man kann das gut oder schlecht oder – wenn es denn gar nicht anders geht – auch „krank“ und „abstoßend“ finden, aber davon, dass zwei Menschen gleichen Geschlechtes heiraten, hat niemand einen Nachteil. Es ist nicht ansteckend und es steckt auch kein missionarischer Gedanke dahinter.

Was dagegen bedrohlich ist – so sehe ich es zumindest und es ist dabei eigentlich egal für oder gegen wen es sich richtet – ist die Vorstellung, dass man im Restaurant nicht bedient oder in der Schlange beim Bäcker geflissentlich „übersehen“ wird, weil die Leute sich nicht mit einem gemein machen wollen.

Und außerdem, wo ist da die Grenze? Im Moment ist in Indiana und anderen u.s.-amerikanischen Bundesstaaten die Homo-Ehe im Gespräch. Es betrifft also eine Minderheit. In ein paar Jahren weigert sich ein Bäcker aber vielleicht, eine Hochzeitstorte zu backen, weil die Braut ihm zu „nuttig“ durch die Gegend läuft und er als „aufrechter“ Christ einen solchen Menschen nicht „unterstützen“ möchte.

Wer weiß, eines Tages bist „dieser Mensch“ vielleicht auch Du?

*Quellen:

Art. „How Indiana’s religious freedom law sparked a battle over LGBT rights“ v. German Lopez, in: Vox.com v. 31. März 2015.

Art. „„Pro-discrimination „religious freedom“ laws are dangerous“ v. Tim Cook, in: The Washington Post v. 29. März 2015.

Art. „Indiana schießt ein Eigentor“ v. Dorothea Hahn, in: Tageszeitung v. 31. März 2015.

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