Er, sie, es – queer?!

„Queer“ ist ein absolutes Modewort. Schon dem Wortlaut nach scheint es irgendwie mit „verquer“ zu tun zu haben, mit Menschen also, die nicht so ganz dem entsprechen, was „anständige“ Bürger gern als Nachbarn hätten. Gerade das ist aber die Frage: Geht es eigentlich darum, den „Bürgerschreck“ zu geben?

 „FRAG EIN KLISCHEE“

Ein Youtube-Kanal mit dem Namen „Frag ein Klischee“ der Leuphana Universität Lüneburg gibt in kurzen, knackigen Video-Spots Antworten auf Fragen, die man den „Außenseitern“ dieser Gesellschaft gerne mal stellen würde, die man dann aber meist doch nicht stellt, weil man damit vielleicht jemandem zu nahe treten würde.

Zum Thema „Queer“ sagt die Berliner Rapperin und Queer-Aktivistin Sookee in dem Spot „Frag eine Queer-Person: „Was heißt „queer sein“?“, dass es einerseits um sexuelle Orientierungen gehe, dass Queer andererseits aber auch eine politische Einstellung sei. Queer bedeute einfach, davon auszugehen, dass es mehr als zwei Geschlechter gäbe.

Sicher hätte Sookee noch mehr dazu gesagt, wenn der Spot länger gewesen wäre. Aber so ganz klar ist das mit den vielen Geschlechtern eigentlich nicht. Was hat es also mit der Kategorie „Geschlecht“ auf sich?

„MAN WIRD NICHT ALS FRAU GEBOREN, MAN WIRD DAZU GEMACHT.“

Ende der 1940er Jahre nimmt sich die französische Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir* der Sache an und schreibt einen dicken Essay – „Das andere Geschlecht“ (frz.: „Le Deuxième Sexe“, im Original erschienen 1949) – in dem sie „Frau“ als sozialen Gegenenwurf zu „Mann“ betrachtet und dies mit vielen historischen Beispielen belegt. Der wichtigste Satz des Essays ist „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“

*Mehr Informationen zu Simone de Beauvoir gibt es auf Wikipedia.

DAS DRITTE GESCHLECHT

Die Bezeichnung „das dritte Geschlecht“ ist dagegen laut Wikipedia ursprünglich auf Bisexuelle bezogen gewesen und geht auf einen 1899 erschienenen, gleichnamigen Roman von Ernst von Wolzogen zurück.

Gemeinhin verbindet man mit dem „dritten Geschlecht“ aber vermutlich eher Intersexualität. Da einen nicht nur die Geschlechtsorgane, sondern auch der Chromosomensatz (XX für Frauen, XY für Männer) und der Hormonhaushalt zum Mann oder zur Frau machen, ist alles, was davon abweicht, „intersexuell“. Anders als man vielleicht denken könnte, ist allerdings nicht jedeR, der/die intersexuell ist, androgyn und vom Aussehen her schwer einem der beiden Geschlechter zuzuordnen. Es gibt auch Intersexuelle, die äußerlich eindeutig als Mann oder Frau erkennbar sind und trotzdem einen dazu nicht passenden Chromosomensatz haben und innerlich (oft verkümmerte) Organe des anderen Geschlechtes. Umgekehrt ist nicht jede Person, bei der man das Geschlecht nicht auf den ersten Blick erkennen kann, wirklich intersexuell.

*Einen ausführlichen Überblick über die verschiedenen Formen von Intersexualität gibt Wikipedia.

Außerdem beschreibt der Spielfilm „XXY“ (Argentinien 2007, Regie: Lucìa Puenzo) eindrucksvoll das Leben eines intersexuellen Teenagers.

ALLES EINE FRAGE DER ÄUSSEREN ERSCHEINUNG?

Manchen Leuten macht es Spaß, ihre Umgebung zu verwirren und – bei entsprechender körperlicher Veranlagung – damit zu kokettieren, dass man sie nicht so leicht einem Geschlecht zuordnen kann. Andere dagegen haben von Kindesbeinen an das sichere Gefühl, dass sie nicht im richtigen Körper geboren worden sind. Transvestiten, also Männer, die sich als Frauen verkleiden (Drag Queens) und Frauen, die vom Kleidungsstil und Verhalten her „den Mann“ geben (Drag Kings), sind anders als Transsexuelle, die eigentlich nur mithilfe einer Geschlechtsumwandlung ein normales, ihrem inneren, psychosexuellen Geschlecht entsprechendes Leben führen können.

*Einen guten Einblick in das Leben eines kleinen amerikanischen Transmädchens vermittelt der Artikel „About a Girl: Coy Mathis Fight to change Gender“ von Sabrina Rubin Erdely (erschienen am 28. Okt. 2013 im „Rolling Stone“, englisch).

Um ein Mädchen, das sich so wenig als Mädchen fühlt, dass es sich als Junge ausgibt, geht es in dem Spielfilm „Tomboy“ (Frankreich 2011, Regie: Céline Sciamma)

Zusätzliche Informationen zu Transsexualität und Transgender bietet die Ausgabe „Devenir Garçon, devenir Fille“ der französischsprachigen Zeitschrift „Sciences humaines“ (Juli 2014), die die Themen „Queer“ und „Gender“ zum Schwerpunkt hat. Neben neurobiologischen und gendertheoretischen Fragestellungen werden auch historische und interkulturelle Aspekte angesprochen.

Das mit den vielen Geschlechtern ist also alles nicht so einfach. Allerdings sind die meisten (deutlichen) „Abweichungen“ vom (biologischen) Frau-Mann-Schema nicht so häufig. Vielleicht ist Queer bei vielen Leuten eher eine Art Lebensgefühl?

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