Das Spiel mit den Identitäten

QueerNicegirlB

 

Eines Tages traf die eierlegende Wollmilchsau Nicegirl wieder. Vielleicht war es auch einfach eine, die ihr irgendwie ähnlich sah – wer weiß.

Nicegirls gibt es ja viele. Sie sind einfach das weibliche Pendant zum aalglatten Arschloch. Klar, dass nicht jede, die sich zu verkaufen weiß, ein echtes Biest ist, genau, wie auch nicht jeder, der für seine Karriere so Einiges zu tun bereit ist, auch einer ist, der über Leichen geht.

EINE REVOLUZZERIN, DIE GUT ANKOMMT

Aber trotzdem: Die eierlegende Wollmilchsau hat sich gewundert, was aus dem netten Mädchen geworden ist: Tough und flippig, eine, die – wie hätte es auch anders sein sollen – genau dem Zeitgeist entspricht. Eigentlich wollte die eierlegende Wollmilchsau die Zähne fletschen und gemeinsam mit anderen eierlegenden Wollmilchsäuen all den netten Mädchen und karrierebewussten Jungs den Kampf ansagen. Aber so langsam wird klar: Die sind ja alle selbst eierlegende Wollmilchsäue.

Ja, auch Nicegirl hat Erfahrung mit Arbeitslosigkeit: Die zwei Wochen, bis sie ihre neue Stelle in Berlin angetreten hatte, irgendetwas, das mit feministischem Engagement zu tun hat. Aus Nicegirl ist eine richtige Revoluzzerin geworden, eine Frau, die immer auf der Seite der Schwachen steht und sich selbst so gar nicht mit traditionellen Geschlechterrollen identifizieren kann. Irgendwie hat es mit Judith Butler* zu tun und dem Spiel mit den Identitäten, dass es jetzt einfach darauf ankommt, wie man sich selbst definiert.

*Mehr Informationen zu Judith Butler gibt es z. B. auf Wikipedia.

VERTAUSCHTE ROLLEN?

Die eierlegende Wollmilchsau wird den Eindruck nicht los, dass Nicegirl sich mit ihren Federn schmücken möchte. War sie nicht diejenige gewesen, die sich an der Uni gegen Rassismus und für die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern eingesetzt hat? Hatte sie nicht immer schon irgendwie „zwischen den Geschlechtern“ gelebt, einfach, weil es ihr auch immer egal gewesen war, ob Mann oder Frau, weil das einfach ihre Natur war?

Nicegirl dagegen hatte die klassische Weibchenrolle voll ausgekostet, mit ihrer vermeintlichen Hilflosigkeit alle tyrannisiert und sexistisches Spießertum kein Stück in Frage gestellt. Anders als einige ihrer Kommilitoninnen. Und sie hatte nicht schlecht davon profitiert.

FEMINISMUS FÜR ELITEFRAUEN

Die Frauen um Nicegirl herum verstehen keinen Spaß. Schmallippig taxieren sie die eierlegende Wollmilchsau: Trans- oder intersexuell? Nein, wohl kaum. Oder doch? Es ist nicht ganz ausgeschlossen, bei dem Benehmen. Ängstliche Gesichter. Aber hatte man ihnen nicht gesagt, dass diese Wollmilchsau ü-ber-haupt-nicht feministisch sei? Ein doofes Weibchen wohl eher. Ausländerin? Ich glaube nicht. Nein, ganz sicher nicht. Arbeiterkind? Nein, nein, keine Sorge, da muss man nicht nett sein. Alles andere sind wir schon selber….

Die eierlegende Wollmilchsau fühlt sich veräppelt. Was sind das nur für Leute? Aber sollte sie sich nicht eigentlich auch ein bisschen freuen, dass aus den ganzen netten Mädchen von früher jetzt emanzipierte Frauen geworden sind? Und überhaupt, ist es nicht auch ein bisschen hochnäsig, dem Nicegirl vorzuwerfen, es sei ein solches Nicegirl? Vielleicht irrt die eierlegende Wollmilchsau sich da ja…. Die eierlegende Wollmilchsau kommt sich engherzig vor. Nur begegnet man bzw. frau auch ihr nicht gerade mit Offenheit.

Es scheint, als sollte sie für immer das brave Nutztier sein. Aber in jeder eierlegenden Wollmilchsau steckt eben auch eine wilde Bestie: Schon einmal von einem Schaf gebockt worden? Einen Stierkampf mitgemacht? Oder einen Hahn in voller Phonstärke krähen gehört? Na also!

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