Let’s start a Start-Up!

Im Berliner Prenzlauer Berg zwischen all den Latte-Macchiato-Muttis wurde der eierlegenden Wollmilchsau der Kaffee zu teuer. Sie hatte gesehen: Manche Frauen hatten aus der Not, keinen Job gekriegt zu haben, einfach die Tugend, sich ganz besonders der Kindererziehung zu widmen, gemacht. Die eierlegende Wollmilchsau meint, dass jede Frau selbst entscheiden sollte, ob sie Vollzeitmutter sein will oder Karrierefrau oder Kinder und Beruf irgendwie unter einen Hut bringen will. Dass man ihrer Generation die Entscheidung aber gewissermaßen abgenommen hatte und nun auch noch über die ganzen „Turbo-Muttis“ gelästert wurde, fand sie irgendwie nicht fair. Die eierlegende Wollmilchsau wollte keinen „Versorger“. Heiraten kam also nicht in Frage. Sie wollte sich lieber die quirlige Berliner Kreativszene einmal genauer angucken.

EINFACH MAL WAS EIGENES MACHEN

Stadtteile wie Kreuzberg oder ganz besonders Neukölln locken mit unzähligen kleinen Galerien und Cafés, fantasievollen Shops und einfallsreichen Start-Ups. Berlin scheint nur so überzusprudeln vor Ideen und in allem steckt offensichtlich viel Herzblut drin. Die eierlegende Wollmilchsau ist begeistert. Das geht also auch: Wenn einen einfach niemand für einen Nine-to-Five-Job haben will, dann eben einfach ab in die Selbstständigkeit. Immerhin sind sowieso viele Jobs für Geisteswissenschaftler nur noch „Freelance“, also mit anderen Worten: Man ist eh‘ selbstständig und für alles allein verantwortlich: Krankenversicherung, Rente und statt ALG I eben direkt Hartz-IV, wenn man zum Leben nicht genug erwirtschaften kann.

Also: Wenn einem alle Türen verschlossen bleiben, warum nicht sich selbst einfach eine Hütte zusammenzimmern? Doch genau da liegt auch das Problem: Man braucht Baumaterial, also Startkapital und wer sagt einem, dass ein windschiefes, nur mit Sperrmüll und dem Allerbilligsten zusammengeschustertes „Eigenheim“ auch wirklich den ersten harten Winter übersteht? Selbstständigkeit ist ein Risiko, nicht nur, aber vor allem auch in finanzieller Hinsicht. Und dann: Man ist ja kein Architekt, sprich: Man ist kein Experte. Eigentlich hat man von gar nichts Ahnung und muss sich alles autodidaktisch aneignen. Für das eigene Business bedeutet das: Businessplan, Buchhaltung, Grundkenntnisse in BWL, usw..

OHNE NETZ UND DOPPELTEN BODEN

Die eierlegende Wollmilchsau sieht, dass viele Cafés, Galerien und Geschäfte nicht lange Bestand haben. In One-Man- bzw. One-Woman-Unternehmen stehen die Leute den ganzen Tag im Laden und schlagen sich dann die Nächte mit dem Orga-Kram um die Ohren. Selbst wer es schafft, auf Dauer schwarze Zahlen zu schreiben, gibt irgendwann auf, weil niemand grenzenlos belastbar ist. Burn-Out ist vorprogrammiert. Da ist die Arbeit „im Kollektiv“ wahrscheinlich sinnvoller. Auch wenn auch das gewisse Probleme mit sich bringt. Denn es gibt eben genug Leute, die sich selbst die nächsten sind….

Die eierlegende Wollmilchsau tut sich um und erfährt, dass manche Start-Ups – oft die, die ihr ganz besonders gut gefallen – eine sehr lange Vorlaufphase hatten und – selbst wenn sie sich ganz gut anlassen – noch lange nicht abzusehen ist, dass die Leute, die sie gegründet haben, auch von ihnen leben können.

„ARM ABER SEXY“

Die eierlegende Wollmilchsau ärgert sich. Berlin pumpt sich mit seinem „arm, aber sexy“*-Image auf und lockt jede Menge Leute, Touristen, Investoren und Unternehmer an und alle wollen sie profitieren von der bunten Mischung der Stadt, von der Coolness und Kreativität, vom Charme des prekären Leben, aber keiner will etwas tun für die Leute, die für diesen Ruf verantwortlich sind.

Wütend schiebt sich die eierlegende Wollmilchsau an neugierigen Touristen, erlebnishungrigen Studenten und arroganten Rich-Kids vorbei. Vielleicht ist das hier ganz cool, wenn man Sohn oder Tochter eines berühmten Schauspielers ist oder aber nur für ein paar Tage in der Stadt. Ansonsten scheint hinter der farbenfrohen Fassade nicht viel zu stecken. Unterschwellig ist überall Aggression spürbar. Altlinke hetzten gegen Hipster. Hipster benehmen sich, als gehörte die Welt ihnen allein. Minderheiten gehen sich gegenseitig an die Gurgel, Schwule haben Stress mit Migranten, Migranten haben Stress mit allen anderen. Niemand mag Touristen oder Schwaben, obwohl sie doch Geld in die Stadt bringen und es ist von Verdrängung die Rede, Gentrification. In Stadtteilen wie Kreuzberg oder Neukölln leben viele von Hartz-IV. Immer mehr müssen auch ihre Wohnungen verlassen, weil die Mieten steigen. Immerhin gibt es genug Leute, denen das „Arm-aber-sexy“-Flair gutes Geld wert ist – Investoren oder Unternehmer oder ihre Kinder.

*“ Berlin ist arm, aber sexy“ ist ein Zitat, das auf den ehemaligen regierenden Oberbürgermeisters von Berlin Klaus Wowereit zurückgeht.

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