Jung, gut ausgebildet, am Ende

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Wir befinden uns irgendwo in den 00er-Jahren: Die eierlegende Wollmilchsau pfeift aus dem letzten Loch. Sie fühlt sich alt und verbraucht. Dabei ist sie eigentlich noch jung, Mitte oder Ende 20 vielleicht. Trotzdem – ächz! – sie hat hunderte von Bewerbungen geschrieben und nichts hat geklappt. Dabei hat sie ihr Studium mit Top-Noten abgeschlossen, spricht mehrere Sprachen, hat sich ehrenamtlich engagiert, Berufserfahrung in Praktika gesammelt und war mehrfach im Ausland. „High-Potential“ – das ist der Begriff für junge Absolventen wie die eierlegende Wollmilchsau. Aber irgendetwas sagt der eierlegenden Wollmilchsau, dass sie sich auf Stellen, die für „High-Potentials“ ausgeschrieben sind, lieber nicht bewerben sollte, nur so ein Bauchgefühl oder vielmehr ein Magendrücken.

OHNE PRAXISBEZUG

Denn in jeder Stellenausschreibung wird eigentlich auf’s Neue deutlich, was die eierlegende Wollmilchsau alles nicht kann: Zuerst einmal fehlt ihr als Geisteswissenschaftlerin natürlich der Praxis-, genauer der Wirtschaftsbezug. Dann kann sie doch am Computer nur Word und E-Mails schreiben. Also bitte! Andere wissen, wie man Homepages gestaltet, haben selbstverständlich das gesamte MS-Office-Paket – zack! zack! – drauf und zusätzlich noch ein paar kleine Spezialprogramme. Vielleicht könnte die eierlegende Wollmilchsau ja ein bisschen programmieren lernen. Doch da kennt sie sich nicht aus. Apache – ist das eine Programmiersprache? Oder Python, das klingt lustig! Oder aber besser Buchhaltung und 10-Finger-blind-Tippen? Andere konnten das schon, als sie mit dem Studium angefangen haben. Eigentlich, so macht man der eierlegenden Wollmilchsau klar, hat sie einem potentiellen Arbeitgeber überhaupt nichts anzubieten. Vor allem fehlt aber der Praxisbezug. Die Praktika im Studium waren ja nur ein bisschen Hineinschnuppern in die Arbeitswelt.

DAS PERFEKTE PROFIL

Und natürlich ist es die Persönlichkeit, die den letzten Ausschlag gibt. Die eierlegende Wollmilchsau seufzt. Sie hat keine Persönlichkeit. Also, sie ist irgendwie einfach ein ganz normaler Mensch. Kein markanter Typ, der andere beeindrucken könnte. Na, dann soll sie wenigstens in ihren Bewerbungen klarer herausstellen, was sie am Unternehmen fasziniert und warum sie gerade dort arbeiten möchte. „We want passion!“ heißt es oft in Stellenausschreibungen. „Passion, Leidenschaft“, denkt sich die eierlegende Wollmilchsau. Eigentlich sucht sie nur einen Job. Sie wäre da auch flexibel. Sie weiß gar nicht so genau, was sie machen möchte, irgendetwas mit Kultur und Medien vielleicht? Ein sozialer Bezug wäre auch ganz schön. Und leidenschaftlich gern würde sie wieder in’s Ausland gehen.

Für alles aber ist ihr Profil nicht spezifisch genug. Sie spricht Englisch? Schön. Andere sprechen es wie eine zweite Muttersprache, haben schließlich jahrelang dort gelebt, studiert, gearbeitet, wissenschaftliche Publikationen verfasst und so weiter. Museum? Na, aber dann trotzdem kein Aufbaustudiengang in Museologie? Wie soll man da ein entsprechendes Interesse erkennen? PR-Arbeit? Ja, auch da gibt es spezielle Zusatzausbildungen, leider meist kostenpflichtig, aber dafür qualifizieren sie einen eben wirklich für das, auf was es ankommt. Die eierlegende Wollmilchsau fühlt sich klein und unzulänglich. Hieß es nicht immer, Geisteswissenschaftler seien Generalisten und könnten sich schnell einarbeiten? Schlüsselqualifikationen hatte man ihr vermittelt, Fähigkeiten statt Fertigkeiten.

GENERATION PRAKTIKUM

Die eierlegende Wollmilchsau ist wütend. Da sind Germanisten, die als Kunstkritiker arbeiten, Kunsthistoriker als IT-Gurus und Sprachwissenschaftler als Polit-Experten und alle diese Leute, die selbst eigentlich gar nicht vom Fach sind, wollen ihr jetzt erklären, dass sie fachlich nicht gut genug qualifiziert ist? Wie haben die denn angefangen? Die eierlegende Wollmilchsau fühlt, wie eine unendlich schwere Last ihr auf die Schultern drückt.

Soll sie noch promovieren? Sie hat kein Geld. Sie bräuchte ein Stipendium oder einen Promotionsjob. Außerdem hat sie die Nase voll von der Uni. Es sollte doch jetzt endlich anfangen, das wahre Leben: Ein Job, eigenes Geld, ein Platz in dieser Gesellschaft. Die eierlegende Wollmilchsau ist verzweifelt. Es ist so gar nichts zu machen. Und es gibt doch so viele eierlegende Wollmilchsäue. „Generation Praktikum“ heißt es: Erst einmal ein Jahr, vielleicht auch zwei ohne Bezahlung arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln, wertvolle Erfahrungen, die zukünftigen Arbeitgebern zeigen sollen, dass man kein neunmalkluger Eierkopp frisch von der Uni ist, so gerade mal zu gar nichts nutze, sondern ein „Young Professional“, das lohnen könnte, es sich mal anzugucken oder eben jemand, den man leicht hinhalten und ausbeuten kann. Die eierlegende Wollmilchsau ist jetzt richtig zornig. Sie hat genug und verdünnisiert sich in’s Ausland.

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4 Gedanken zu “Jung, gut ausgebildet, am Ende

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