Einfach ein nettes Mädchen

NicegirlB

Nicegirl ist eine von denen, die man einfach mögen muss. Die eierlegende Wollmilchsau kennt sie noch aus dem Studium. Immer gut gelaunt, immer nett zu allen. Nicegirl zwitschert, fragt freundlich, wie es einem geht. Man sehe ja gar nicht gut aus. Kulleräugiges, besorgtes Gesicht. Der Tag ist im Eimer. Eigentlich hatte man sich großartig gefühlt. Bis gerade eben. Haben die langen Kneipennächte vom Wochenende sich einem derartig in’s Gesicht gefressen, dass das irgendwie Anlass zur Sorge bietet? Na, egal.

TEAMWORK MAL ANDERS

Arbeitsgruppe für’s Seminar: Nicegirl kann leider nicht kommen. Da ist eine kranke Oma, die sie besuchen muss. Wird man da herzlos sein? Nein, nein, das verstehen schon alle. Das nächste Mal kann Nicegirl leider auch nicht. Ihr Hamster ist gestorben und sie ist total fertig. Da wird man doch Verständnis haben. Ja, klar. Dann die beste Freundin, die gerade Liebeskummer hat. Sie kann sie doch nicht allein lassen. Die Nachbarin, für die sie babysitten muss. Irgendwie war Nicegirl einfach nicht so gut in die Arbeitsgruppe eingebunden. Es hat fast den Anschein, dass die anderen sie bei der Terminplanung nicht so richtig berücksichtigt haben. Ja, man könnte sogar sagen, dass sie Nicegirl ein bisschen ausgegrenzt haben. So empfindet sie es zumindest. Sie vertraut sich dem Seminarleiter an. Natürlich geht es so nicht. Der Seminarleiter spricht ein Machtwort. Nicegirl wird die Ergebnisse der Arbeitsgruppe im Seminar vortragen. So kann sie sich auch einbringen. Eine faire Lösung. Auch an der Uni sind keine Einzelkämpfer mehr gefragt, die sich in ihrem Elfenbeinturm verschanzen und glauben, ihre soziale Inkompetenz hinter Bücherbergen und dicken Brillengläsern verstecken zu können. Man nimmt sich vor, acht zu geben, auf so zarte Pflänzchen wie Nicegirl.

DIE SCHWACHEN FÖRDERN

Im Seminar grübelt Nicegirl darüber nach, ob sie sich die Fingernägel tatsächlich so lackieren soll, wie sie es in der „Jolie“ gesehen hat, da dringt die Stimme der jungen Doktorandin an ihr Ohr: „Nicegirl! Was denken Sie denn über die Thesen von Gilles Deleuze? Sie haben doch den französischen Poststrukturalismus neulich so wunderbar für Ihre Arbeitsgruppe zusammengefasst.“ Nicegirl hat keinen blassen Schimmer. Sie überlegt, was sie jetzt tun soll. Stille. Die Zeit verstreicht quälend langsam. Dann druckst Nicegirl herum: „Also, ähem, das scheint mir alles nicht so plausibel zu sein, wenn ich näher darüber nachdenke.“ Die junge Doktorandin strahlt. Sie hatte sich fest vorgenommen, dass sie junge Frauen wie Nicegirl für die Wissenschaft begeistern würde. Und siehe da! Es zeigen sich erste Erfolge. Der Seminarleiter flüstert der jungen Doktorandin zu: „Die anderen lassen sie jetzt auch mal kommen. Die haben wirklich an Sozialverhalten dazugelernt.“

EIN NEUER STERN GEHT AUF

Nicegirl übernimmt jetzt fast immer die Präsentation in den Arbeitsgruppen. Immerhin – und das hat sie den anderen auch klargemacht – ist Präsentieren ihre Stärke. Bald hat sie Übung im wissenschaftlichen Vortragen. Wenn sie es macht, dann wirkt es wirklich kompetent. Das spricht sich herum an der Uni. Ein neuer Stern geht auf am akademischen Himmel. Und – das wollen wir doch einmal festhalten! – eine junge Frau, die sich geradezu aufopfert für andere, für ihre Freunde und ihre Familie. Die Frauenbeauftragten aller Fachbereiche drehen schier durch vor Begeisterung. Hatten sie es nicht gesagt? Das ist Feminismus! Echte Frauenpower! Und endlich mal nicht dieser lesbisch wirkende Frauentyp, der sich in Frauencafés und im Studierendenparlament herumtreibt und dort das große Wort schwingt. Eine wie Nicegirl ist einfach gut für’s Image. Da sehen Männer, dass Feministinnen heute keine frustrierten Lilalatzhosenträgerinnen mehr sind.

Schon bald ist Nicegirl Hiwi und für ihren weiteren Werdegang kann sie dann auch wirklich empfohlen werden. Irgendwann hält sie die Bewerbungsunterlagen der eiegerlegenden Wollmilchsau in der Hand. Sie denkt sich: „Na ja, sie hat ja gute Noten. Aber Persönlichkeit ist mir auch ‚was wert. Und die war doch nie sozial. Und einen Praxisbezug hat sie auch nicht. Nein, das kann ich nicht brauchen!“

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