Frauenbilder – faschistisch?

Im Sommer 2012 veröffentlichte die Berliner Journalistin und Feministin Margarete Stokowski in der taz eine Kolumne unter dem Titel „Faschismus auf Hochglanzpapier. Frauenmagazine und Sexismus“*.

*Quelle: Art.: „Faschismus auf Hochglanzpapier. Frauenmagazine und Sexismus“ v. Margarete Stokowski, in: Tageszeitung v. 19. Juli 2012.

MENSCHENFEINDLICHE KÖRPERIDEALE

Stokowski kritisierte die Körperbilder, die Frauenzeitschriften vermitteln, dass sie zu sehr auf heterosexuelle Leserinnen fokussiert seien und ihre Leserschaft außerdem mit Sex- und Make-Up-Tipps bevormundeten. Klar, es ist nicht erst seit gestern in der Debatte, dass die hochgewachsenen, überschlanken Körper der Models, die in den Frauenzeitschriften zu sehen sind, ein unerreichbares Schönheitsideal darstellen. Eigentlich sehen nur Mädchen, die gerade in die Pubertät gekommen sind und einen Wachstumsschub in die Länge gemacht haben, so aus. Models hungern, nehmen Appetitzügler und rauchen Kette, um schlank zu bleiben. Außerdem kann man Bilder natürlich bearbeiten. Also klar, jede Bilderstrecke in einer Frauenzeitschrift ist irgendwie ein Fake, ein auf Hochglanz getuntes Versprechen idealer Weiblichkeit. Aber ist das „menschenfeindlich“ und „faschistisch“, wie Stokowski schreibt? Gab es nicht immer schon Moden und Körperideale, die diejenigen, die ihnen nicht entsprachen, weniger attraktiv erscheinen ließen? Immerhin kann nicht jede Frau eine Rubensfrau, eine zweite Twiggy* oder Grace Jones* sein. Und kümmern sich homo- und bisexuelle Frauen tatsächlich weniger um Äußerlichkeiten? Ist das alles ein wenig entspannter, wenn man bzw. frau nicht heterosexuell ist?

*Mehr Informationen zu Twiggy & Grace Jones gibt es auf Wikipedia.

EMPOWERMENT ODER ERNIEDRIGUNG?

Ich glaube nicht. Ich erinnere mich an einen Abend in einer queeren Kneipe in Kreuzberg. Ich wollte mich eigentlich nur ein wenig amüsieren, ein Bier trinken oder zwei, ein bisschen locker plaudern, die eine oder andere Tresenbekanntschaft schließen. Ich erinnere mich, wie ein fixer Blick sich in meinen Rücken bohrt. „Ich will aber nicht mit ihr sprechen. Ich will sie nur ficken.“. Ich drehe mich um. Ein selbstzufriedenes Gesicht starrt mich an, ein dicklicher Frauenkörper in stylishen Sportklamotten gehört dazu. „Ich will aber nicht von Dir gefickt werden“, denke ich, „Und ich will auch nicht mit Dir sprechen.“

Damals war ich baff. So etwas war mir bis dato noch nicht untergekommen. Die Frau klang wie eine Elfjährige, die ein paar schmuddelige Wörter nachplappert, die sie von ihrem älteren Bruder aufgeschnappt hat und von denen sie noch nicht so recht weiß, was sie bedeuten. In leicht veränderten Versionen sollte mir die Frau in den letzten Jahren noch häufiger über den Weg laufen und dazu jede Menge Parolen und Schlagwörter: Dass Queer für Frauen da ist, die nicht den heteronormativen Körperidealen entsprechen, „Mein Fett ist politisch“, Fat Empowerment, dass dicke Frauen stark sind und irgendwie männlich, dass solche Frauen ihre Gefühle ‚rauslassen sollen, vor allem an „Zicken“ wie mir. Ich weiß nicht. Ich bin keine Zicke. Eigentlich finde ich, dass sich jede Frau in ihrem Körper wohl fühlen sollte, egal ob schlank, dicklich, dick, sehr dick, groß, klein, rund, eckig oder wie auch immer. Und klar ist das cool, wenn Frauen selbstbewusst auftreten und sich von den Körperidealen der Modeindustrie nicht beirren lassen. Aber muss das so sein? Auf die „Ich will sie nur ficken“-Art und meine Kosten? Ich meine, ich sehe auch nicht gerade wie ein Model aus. Wirklich nicht. Ich kann nur irgendwie damit leben.

SEXY SEIN UM JEDEN PREIS?

Die „Ich will sie nur ficken“-Frau kann offenbar nicht damit leben. Sie wirkt eingeschnappt wie ein blonder, durchtrainierter Adonis, der nicht verstehen kann, dass eine Frau ihn nicht will, obwohl er doch so gut aussieht. „Das ist das neue Selbstbewusstsein“, sagt man mir, „Und halt ein bisschen lesbischer Sexismus“, amüsiertes Grinsen, manchmal auch ein bisschen schmierig, harte, schmallippige Frauengesichter. „Faschistisch“, denke ich. Der Artikel von Margarete Stokowski fällt mir ein. Ich soll den Frauen den Rücken stärken. Nein, irgendwie soll ich ihnen ‚was büßen. „Die neue Lust“, sagt man mir. Nein, sorry, das kann ich nicht finden. Es wirkt eher wie Frauen, die krampfhaft versuchen, die ultimative Sexbombe zu geben, um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste. „Ich bin keine Sexbombe“, denke ich, „Ich gefalle nicht allen. Nur einigen. Und nicht alle gefallen mir.“. Ich frage mich, ob die „Ich will sie nur ficken“-Frau weiß, dass es die wunderschöne Prinzessin, die die tollsten Prinzen um den kleinen Finger wickeln kann und der sämtliche Rosenkavaliere zu Füßen liegen, nur im Märchen gibt. Und dass es auch nicht anders ist, wenn man bzw. frau nicht heterosexuell ist, dass Queer eigentlich auch nur eine Mogelpackung ist, eine nicht-heterosexuelle Glitzer- und Partywelt, die Frauen, die nicht dem heteronormativen Körperideal entsprechen, suggeriert, sie könnten eben die ultimative Sexbombe sein und ein „erfolgreicheres, erotischeres, selbstbewussteres Leben“ haben, wie Margarete Stokowski über Frauenzeitschriften schreibt. „Gar nicht mal so anders“, denke ich, „Wirklich nicht.“

 

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