Toleranz

Toleranz ist eine Tugend. Wohl kaum jemand würde von sich sagen, dass er/sie nicht tolerant ist. Eine bunte, vielfältige Gesellschaft, in der jede und jeder leben kann, wie er/sie mag, ist eine Vision, die viele Menschen teilen. Manche, die sich für besonders tolerant halten, behaupten, sie hätten keine Vorurteile und stünden so ziemlich jeder Kultur und jedem Lebensentwurf offen gegenüber. Doch wie ehrlich ist das? Kann man überhaupt vollkommen vorurteilsfrei sein? Ist es möglich, alles und jeden gleichermaßen fair und mit Wohlwollen zu betrachten? Sind wir nicht alle geprägt von unseren individuellen Lebenserfahrungen und Vorlieben? Eigentlich kommt Toleranz von lat.: ertragen, erdulden. Das klingt schon sehr viel weniger freundlich, als ginge es nur darum, den/die andere/n irgendwie auszuhalten, irgendwie damit klarzukommen, dass er/sie auch in dieser Welt existiert und eben grundverschieden ist. Aber wenn es gerade das ist? Würde man z. B. von einem schwulen Pärchen, das von Jugendlichen mit Migrationshintergrund angegriffen wird, Verständnis für die andere Kultur verlangen, in der Homophobie nun einmal gang und gäbe ist? Wäre das nicht zu viel verlangt von jemandem, der sich gerade einen Kiefernbruch eingehandelt hat, weil er von irgendwem nun einmal nicht so akzeptiert werden konnte, wie er ist? Kann man nicht auch von den Jugendlichen mit Migrationshintergrund Toleranz verlangen? Und wie tolerant ist es eigentlich, bestimmte Kulturen unter den Generalverdacht der Homophobie zu stellen? Ist das nicht auch ein Vorurteil, wenn man davon ausgeht, dass jemand, der einer bestimmten Kultur angehört, ganz sicher auch homophob ist? Ist es in Ordnung, wenn schwule Männer sich ausländerfeindlich äußern? Schließlich ist das höchst real, dass sie mit gewalttätigen Übergriffen von arabischen und türkischen Jugendlichen rechnen müssen. Dennoch: Nicht jeder Araber oder Türke schlägt Schwule zusammen. Ganz abgesehen davon, dass es auch schwule Türken und Araber gibt. Wo sind die Grenzen der Toleranz? Wie wütend darf man sein, wenn sie verletzt werden? Und wie sehr sollte man trotzdem über seinen eigenen Schatten springen?

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