Die Rassismuskeule. Heute: Sahra Wagenknecht

Wagenknecht, die Rassistin. Also, jetzt haben wir mal wieder so einen Aufreger der Woche. Ein gewisser Thomas Seibert sagt im taz-Interview: „Rassismus liegt dort vor, wo Menschen nach entsprechenden Merkmalen selektiert werden: in solche, die hierhergehören, und solche, die hier nur geduldet sind und bald wieder wegsollen. Das denkt sie wirklich.“ (Interview mit Stefan Reinecke, in: die Tageszeitung vom 15. Oktober 2017). Deshalb, so Seibert, sei die Wagenknecht auch eine Rassistin, denn die Politikerin der Linkspartei hatte mehrfach Kritik an der Flüchtlingspolitik Angelas Merkels geübt.

Sorry Leute, aber ich lese so etwas vor dem Hintergrund der Minderheitenhysterie, die als Dogma in die Welt getragen hatte: Homosexuelle, erst recht Transsexuelle sind links. Egal, was die sagen und auch wenn die AfD wählen. Basta. „People of Color“ sind erst recht links und man sieht auch besser zu, dass man sich nicht deren Unmut zuzieht, denn ansonsten – wie gesagt: ist das dann halt rassistisch. „People of Color“ sind nicht nur Schwarze, nicht nur Menschen, die definitiv so aussähen, als lägen ihre Wurzeln nicht in Europa, sondern auch Spanier. Schlimmer noch: auch Polen. Sogar Deutsche, die sich eben so fühlen, dürfen sich damit identifizieren. Zur Not werden die flachsblonden Haare halt so lange coloriert bis ein Farbton erreicht ist, der mindestens so dunkelbraun ist wie mein Haar. Das dürfte mir dann ja das Maul stopfen. Aha. So, so. Einmal wieder.

In den letzten Jahren haben die Leute mir so ziemlich alles, was sich irgendwie verdrehen ließ, als „rechts“ gedeutet. Ich soll sogar Sachen gesagt haben, die ich gar nicht gesagt (und auch nicht gedacht) habe, sondern jemand anders. Aber die Leute wollten demonstrieren, dass sie diesen oder diese „jemand anders“ eben mögen. Vielleicht Götz Kubitschek? Neulich las ich in der Zeitung (ich weiß nicht mehr wo), wie ein engagierter linker Journalist ernsthaft darüber philosophierte, wie den jemand mit dem polnischen Nachnamen „Kubitschek“ rechts sein könne. Kubitschek-Frau Ellen Kositza heißt ja immerhin in Wirklichkeit Ellen Schenke. Aber muss man das hier jetzt auch so sehen, dass die sich halt so damit identifizieren, mit dem „Ausländischen“?

Ich erinnere mich noch an die entsetzten Leute, dass eine wie Alice Weidel mit ihrem „progressiven Lebensstil“ (sogar eine dunkelhäutige Partnerin ha sie ja) in der AfD sein könne. Egal, wie agressiv die Weidel auf Youtube gegen Flüchtlinge hetzte – man ließ keine Gelegenheit aus, um mit einer bunten Homestory an die bundesdeutsche Öffentlichkeit durchsickern zu lassen: Die Weidel ist auch mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie befreundet. Die Weidel ist eine liebevolle Mutter zweier süßer Jungs, die mit zwei Müttern großwerden. Die Weidel geht in der Schweiz in den Kreisen linker Künstler und Journalisten ein- und aus. Ok.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle mal darüber aufklären, was Rassismus ist. Es ist nicht das, was Thomas Seibert dafür verkauft. Seibert meint eine flüchtlings- und zuwanderungsfeindliche Politik. Da kann man ja seiner Meinung sein, dass man so etwas moralisch nicht gut findet, aber Rassismus ist es nicht. Rassismus ist, wenn man Menschen ausgrenzt und/oder ihnen Eigenschaften zuschreibt, die man als „minderwertig“ erachtet, aufgrund äußerer, physiognomischer Merkmale, die als „fremd“ wahrgenommen werden. Also z. B. wenn jemand behauptet, Schwarze (oder auch Türken) seien nicht so intelligent. Das ist sozusagen die volle Ladung. Wenn ein Iraner sagt, Türken seien nicht so intelligent, ist das auch eine Variante von Rassismus, die zwar nicht in erster Linie auf den physiognomischen Unterschied abhebt, aber voraussetzt, Türken seien eine „fremde Rasse“ und hätten deshalb angeborene, andere Eigenschaften. Deshalb muss auch die mittlerweile salonfähige Form des latenten Rassismus, der darauf hinauswill, dass die Hautfarbe anderer Menschen, ihre physiognomischen Eigenschaften, zentral für ihre Identität seien und deshalb hervorgehoben werden müssten, Rassismus.

Ehrlich gesagt: Ich habe mir bei der Wagenknecht nie irgendwelche Fragen gestellt. Für mich war es einfach eine eher umstrittene ostdeutsche Politikerin. Ich dachte, bei der sei das mehr oder weniger so wie bei uns. Colorful Genes. Ausändische Wurzeln, aber eben Deutsche. Die Info, dass der Vater nun aus dem Iran stammt, ist ja eher jüngeren Datums. Trotzdem: der eher südländische Typ ist halt die Wagenknecht – nicht die strohblonden Queerfeministinnen, nicht meine flachsblonden ehemaligen Mitschülerinnen (obwohl, wer weiß, vielleicht haben denen die Eltern schon als 9jährige die Haare blondiert und die Haut gebleached), nicht die jetzt dunkel gefärbten Kunst- und Kultwissenschaftlerinnen, Literatinnen, Philologinnen, wer auch immer.

Wagenknecht selbst hat die Rassismuskeule übrigens zu keinem Zeitpunkt gezogen (anders als viele andere, wie man leider sagen muss!). Sie darf kritisiert werden und ich muss gestehen, dass ich auch nicht alles gut finde, was sie sagt. Aber ich finde das mit dem „Sie darf kritisiert werden“ gut. Man muss nicht ihrer Meinung sein. Man ist deshalb kein „Fascho“. Man wird deshalb nicht von aufgeklärten Deutschen gemieden, weil die sich nicht mit vermeintlich „braunem Dreck“ gemein machen wollen. Aber mit der Weidel, mit der haben sie sich durch die Hintertür gemein gemacht. Bleibt abzuwarten, bis es eine Homestory über das „polnische“ Pärchen Kubitschek/Kositza gibt und dass man die auch mal ernst nehmen müsse – haben ja sicher die eine oder andere gescheckte Ziege auf dem Hof. Immer schön bunt! So schlimm kann’s also bei denen nicht sein. Einstweilen wird die Wagenknecht dagegen die „Rassistin“ bleiben. Cheers!

… sagt Laila Phunk, die um ein Haar wirklich „Laila“ genannt worden wäre. Allerdings sollte es ausdrücklich die finnische Variante sein …

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Terror! (Teil XIV)

Wer nochmal ganz von vorn mit der Story anfangen will, kann das tun. Hier geht’s zu Teil I. Wer irgendwo quereinsteigen will, findet alle verffentlichten Kapitel von „Terror!“ unter #TerrorTheStory

Grenzgebiet zwischen Ventimiglia (Italien) & Menton (Frankreich), 03. August 1980, 3 Uhr

Er taumelte jetzt manchmal mehr als dass er ging. Doch immer wieder riss er sich zusammen und zwang sich, weiter zu gehen. Immer einen Schritt vor den anderen. Die Straße, an der er ging, war menschenleer. Er hoffte, dass kein Auto kommen würde, denn dann würde er als einsamer Spaziergänger mitten in der Nacht nur umso mehr auffallen. Kurz überlegte er, sich einfach an den Straßenrand zu legen und etwas zu schlafen.

Die Berge zu seiner Rechten waren etwas in die Ferne gerückt, die breite, saubere Straße umsäumt von leicht verdorrten Rasenflächen. Gelbe Straßenlaternen sendeten ein gedämpftes, seltsam friedliches Licht aus. Dann sah er ein flaches weißes Haus, vor dem etwas schlapp und angebräunt zwei Palmen standen. Er beschloss, dass es doch besser wäre, noch eine Weile weiter zu gehen. Außerdem wusste er nicht, ob er noch in Italien war oder schon in Frankreich. War er am Ende im Kreis gelaufen und immer noch in Ligurien? Bewegte er sich vielleicht sogar wieder landeinwärts?

Jetzt, tief in der Nacht, war es angenehm warm. Er hatte den Eindruck, dass alles um ihn herum ihm irgendwie wohlgesonnen sei, obwohl er sich dieses Gefühl logisch nicht erklären konnte. Der Himmel hatte ein sattes, warmes Tiefblau und es war sternenklar. Als er viele Jahre später auf dem Sterbebett liegen sollte, würde er genau diese Szene noch einmal vor Augen haben: Frieden und das sichere Gefühl, dass er es schaffen würde. Vielleicht dachte er so, weil er jung war. Er konnte nicht ahnen, wie sehr diese Nacht seinem Leben eine entscheidende Wendung geben würde.

Obwohl er so sehr mit sich allein war, dachte er an nichts Bestimmtes. Er dachte nicht einmal darüber nach, wie er sich über die kommenden Tage retten sollte. Er würde es darauf ankommen lassen. Irgendetwas würde ihm schon einfallen. Als er die pastellfarbenen Werbetafeln am Straßenrand sah, traute er seinen Augen zunächst nicht. Um sicher zu gehen, dass es sich nicht etwa um eine Fata Morgana handelte, ließ er seinen Blick noch einmal langsam über jeden einzelnen Buchstaben gleiten. Französisch! Er lächelte. Er konnte sein Glück kaum fassen. „Doch halt!“ mahnte er sich. Es konnte auch für den Grenztourismus sein, für Leute, die von der Côte Azur oder aus Monaco kamen, um eine Nachmittag in Ligurien zu verbringen. Er wollte sich nicht zu früh freuen.

Er genehmigte sich noch ein Quentchen Pessimismus, bis er an eine Kreuzung gelangte. Das Straßenschild zurück wies den Weg nach Vintimille (Italie), links ging es nach Menton. Vor ihm lag Frankreich, die Zukunft! Nanni jubelte. Wäre er nicht so müde gewesen und hätte er nicht doch immer noch ein bisschen Angst davor gehabt, er könne einem zufällig vorbeifahrenden Auto auffallen, dann wäre er jetzt aufgesprungen und hätte ein Freudentänzchen vollführt. So würde er es Jahre später seiner kleinen Tochter erzählen. Er würde es als Abenteuer junger Italiener darstellen, die hatten mitansehen müssen, wie der alte Geist des Faschismus in ihrer Heimat immer lebendiger wurde, wie soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Gewalt die Menschen gegeneinander aufwiegelten. Und dass ein deutscher Freund ihm erzählt hatte, dass es im wohlhabenden Deutschland nicht viel anders sei.

Nanni zwang sich, noch ein Stückchen weiter zu gehen. Als er ein geeignetes Plätzchen im Grünen fand, schlug er sich in die Büsche und fiel sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Seine erste Nacht in Frankreich. Nanni war in Sicherheit.

+++ News! +++ News! +++ News! +++ News! +++ News! +++ News!

Gestern Mittag wurde bei der Fortezza in Florenz eine der mutmaßlichen Attentäterinnen von der Piazza della Repubblica festgenommen. Die Deutsche mit italienischen Wurzeln hatte versucht, mit dem Mofa zu fliehen. Derzeit können die Ermittler einen terroristischen Hintergrund nicht ausschließen. Es wird überprüft, ob italienische Linksterroristen, insbesondere die Roten Brigaden, Kontakte nach Deutschland haben. Immer noch ist unklar, ob das Attentat in Florenz in Zusammenhang mit dem furchtbaren Unglück in Bologna* steht, der bislang 76 Menschen das Leben gekostet hat. Oder war hier der Zufall am Werk, der Italien an einem Tag gleich zwei schwere Unfälle und eine Schießerei beschehrt hat? In Florenz kämpft ein deutsches Opfer immer noch um sein Leben. Ein schwerverletzter Italiener ist mittlerweile außer Lebensgefahr.

Luigi Marcolini, Florenz, Palazzo Pitti, 03. August 1980, 16 Uhr

„So langsam bin ich es leid.“ maulte Marcolini. „Nicht einmal das Wochenende gönnt man uns!“. Sie hatten am Vormittag beschlossen, am nächsten Tag, wenn die Behörden überall wieder ihre Türen öffnen würden, ein Fax nach Deutschland zu schicken, mit der Anfrage, nachzuprüfen, ob ein deutscher Reisepass auf eine Erika Müller ausgestellt worden war, geboren am 24. Juni 1959 in Buenos Aires, Argentinien. Es war Albaneses Idee gewesen. Der hatte am Morgen, als sie schnell auf einen Kaffee in die Bar gegangen waren, den Verdacht geäußert, die Frau, die sie festgenommen hatten, könnte eine falsche Identität angenommen haben. „Am Ende ist sie in Wirklichkeit Palästinenserin oder Libyerin.“ hatte Albanese Marcolini zugeraunt. „Nicht schlecht.“ hatte der etwas ältere Carabiniere, der vor einem Jahr aus Verona nach Florenz versetzt worden war, anerkennend gedacht. Vielleicht verstand die Frau, die sie gestern bis tief in die Abendstunden vergeblich zu vernehmen versucht hatten, wirklich kein Italienisch. Heute Nachmittag sollte aber ein deutscher Übersetzer kommen.

Sie wussten, dass die Rote Armee Fraktion in Deutschland enge Verbindungen zu der palästinensischen Fatah** hatte. Marcolini war nur das Motiv noch nicht ganz klar. Es musste sich um eine Kooperation zwischen der deutschen RAF und den italienischen Roten Brigaden handeln. Letztere hatten den Anschlag in Bologna zu verantworten. Das zumindest hatte man bei ihnen im Palazzo Pitti verbreitet. Offiziell wurde, was Bologna betraf, immer noch von „Unglück“ gesprochen. Die Schießerei in Florenz dagegen sollte den deutschen General treffen – diesmal für die RAF – und gleichzeitig Verwirrung um die Ereignisse in Bologna stiften. Das zumindest war jetzt erst einmal ihre Arbeitshypothese.

Allerdings war in Deutschland bislang noch kein Bekennerschreiben der RAF aufgetaucht. Marcolini wusste, dass die deutschen Terroristen in erster Linie versuchten, ihre inhatierten Mitstreiter freizupressen. So gesehen passte die Sache in Florenz nicht ins Bild, denn dann hätten sie den General erst entführen müssen, grübelte Marcolini. Oder wollten sie ihn entführen, die Explosion sollte ihnen Deckung geben und es war etwas schiefgegangen?  Marcolini spürte, dass da etwas faul war. Ihre Arbeitshypothese würde nicht funktionieren.

Vielleicht wollten die Palästinenser mit dem Anschlag engere Bande nach Deutschland knüpfen. Oder hatte Ghedaffi seine Hände im Spiel? Und wenn sie sich auf die Person des General konzentrierten – wem war der im Weg gewesen? Beabsichtigte man in Deutschland, in nächster Zeit irgendein unbequemes Gesetz durchzuknüppeln? Wollte die RAF die NATO treffen oder hatte der NATO-General etwas gewollt, das in seinen Kreisen nicht überall auf Gegenliebe stieß? Könnte Erika auch eine Auftragskillerin sein? Dann wäre es denkbar, dass die Explosion in dem Café suggerieren sollte, es handele sich um einen terroristischen Anschlag, und damit in Wirklichkeit ein Mord vertuscht werden sollte.

Sie hatten gesehen, dass Erika eine beachtliche Narbe auf der linken Wange hatte. Vermutlich war sie deshalb so stark geschminkt gewesen. In solchen Fällen glaubte man eher nicht an einen „Unfall“. Auch kein gewalttätiger Ehemann, tippte Marcolini, denn die Narbe sah nicht nach einem brutalen Schlag aus dem Affekt heraus aus. Es machte eher den Eindruck, als hätte jemand gezielt versucht, Erika Müller das Gesicht zu entstellen.

Folter – Das Wort bahnte sich seinen Weg aus Marcolinis Hinterkopf in sein Bewusstsein. Sie hatten Erika noch nicht medizinisch untersuchen lassen, aber er war gespannt, ob sie weitere Spuren von Misshandlungen entdecken würden. So etwas sprach für Palästina oder Libyen. Oder eben Argentinien, Lateinamerika. Aber das war etwas, wo Marcolini sich eigentlich nicht reinziehen lassen wollte. Und außerdem – welchen Sinn konnte es ergeben?

Vielleicht fingen sie mit Berthold Brennecke, dem NATO-General an, wenn sie schon aus Erika nichts herausbekamen. Und dann mussten sie abwarten, ob ein Bekennerschreiben der RAF oder der Roten Brigaden auftauchen würde.

Außerdem war da noch Cristina Nicosia, die Tote: Tochter eines römischen Geschäftmannes, der in Fiesole ein Sommerhaus besaß. Vincenzo Nicosia hatte seine Tochter gestern Abend identifiziert. Der Mann war untröstlich. Er hatte darum gebeten, ihn in den nächsten Tagen nicht zu kontaktieren. Er müsse irgendwie mit seiner Trauer fertig werden und wolle zu diesem Zwecke einen Geistlichen aufsuchen, der der Familie nahe stand. Dann müssten die notwendigen Vorbereitungen für die Beerdigung getroffen werden. Sobald die Obduktion abgeschlossen sein würde, sollte Cristinas Leiche nach Rom überführt werden. Nicosia wollte sich Mitte der kommenden Woche noch einmal melden, wenn er über den größten Schmerz hinweg war.

Der Übersetzer ließ auf sich warten und Marcolini war eher pessimistisch. Er glaubte Erika Müller nicht. Sie wirkte zu stur, zu erfahren mit Verhören ….

Gespannt, wie’s weitergeht? Demnächst hier auf Laila Phunk!

*Anschlag von Bologna: Hier „Unglück“, hat sich leider wirklich ereignet und insgesamt 85 Menschen das Leben gekostet. 200 Menschen wurden verletzt, z. T. schwer. Zunächst ging man aber von 76 Toten aus. Die „News“ sind frei erfunden.

**Fatah: politische Partei und Guerilla-Gruppe innerhalb der Palästinensichen Befreiungsorganisation (PLO). Mitglieder der RAF erhielten von der Fatah und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PLFP) eine militärische Grundausbildung in Jordanien, im Südjemen und im Libanon.

Alle Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Nochmal Rassismus. Diesmal sogar zum selbst aussuchen!

Hm. Gestern war ich beim Friseur und habe mir die Haare ganz kurz schneiden lassen. Ich habe ein paar graue Strähnen und ich gebe zu – Ich töne mir die Haare deswegen. Die Strähnen sind wieder grau. Der Ansatz, den der Friseur zu Tage befördert hat, hat die gleiche Farbe, wie – glücklicherweise! – noch der größte Teil des Deckhaares – nämlich dunkelbraun. Ich habe es mit verschiedenen Modellsträhnen beim Frisuer verglichen. Ich meine, mehrere Frauen in meinem Umfeld wollten darauf hinaus, dass ich angeblich blond bin.

Unvorsichtigerweise hatte ich mal erzählt, ich sei als kleines Kind honigblond gewesen. Ich meinte Waldhonig. Neulich habe ich mal gelesen, dass die Araber angeblich von Menschen, die braune Augen haben, sagen, sie hätten honigfarbene Augen. Meine Haare dunkelten noch ein bisschen nach, aber schwarz wurden sie, anders als meine Großmutter gehofft hatte, nie.

Als Teenager gab ich mir die volle Ladung. Ich färbte mir die Haare in einem Depri-Anfall blauschwarz. Das sah man auch, dass es gefärbt war. Obwohl ich schwarze Augenbrauen und lange schwarze Wimpern habe. Kajal brauche ich nicht. Man sah das aber eben, dass die Haare gefärbt waren. Weil ich plötzlich so eine etwas kränklich-gelbliche Gesichtsfarbe hatte. Genau so sollte es ja auch. So gehört sich das nun einmal für einen ordentlichen Dark-Wave-Punk.

Jetzt habe ich halt wieder dunkelbraune Haare. Manchmal mit grauen Strähnen. Das passt zu meinem Typ. Eine meiner Tanten sah früher ein bisschen aus wie Charlotte Gainsbourg. Andere in meiner Verwandschaft sind der Refugee-Type oder aber wirklich blond oder – der Gipfel! – sogar von Natur aus rothaarig – colorful genes! Eine typisch deutsche Familie, würde ich sagen.

Warum schreibt man so einen Scheiß? Na ja, nachdem ich geschrieben hatte, ich hätte es cool gefunden, als in den 00er Jahren dunkelhaarige Stars wie Salma Hayek und Nathalie Portman die Leinwände erobert haben, gab es Haue, also verbale Haue. So war das nicht gemeint gewesen, dass ich mich mit sowas identifizieren sollte.

Mehrere Frauen aus meiner Vergangenheit, die ich als der helle „nordische“ Typ in Erinnerung habe, haben jetzt plötzlich auch meine Haarfarbe. Die eine war vielleicht damals ein bisschen blondiert. Ein bisschen. Die rosigen Wangen sprechen Klartext, dass sie nicht wirklich dunkelbraun ist. Man erkennt es nämlich wirklich an der Hautfarbe. Guckt euch mal ein paar Grufties an, wenn ihr es nicht glaubt. Jedenfalls, damals passte bei der Kunstfrau der Teint zum wasserstoffperoxidblonden Haar, kein unnatürlich tiefes braun, wie einst bei FPÖ-Sonnyboy Jörg Haider. Obwohl Höhensonne in dem Fall vielleicht eine Option wäre.

Die andere war immer mittelblond, also naturblond, und das auch wirklich von Natur aus. Jetzt hat sie auch rosige Bäckchen, dunkelbraune Haare und einen Migratinnenjob, bei dem sie die einzige Deutsche unter lauter Migrantinnen ist. Also, falls sie noch Deutsche ist. Man weiß ja nie. Die ehemals Wasserstoffperoxid Gebleichte hatte mir nämlich mal, noch zu Studienzeiten, eröffnet, ihre Mutter sei Polin. Damals ging das ein wenig gegen mich als Linke, dass ich doch die Ausländerfreundin sei, sie als die Konservative, die sie damals noch war, aber eben ganz echt mit Migrationshintergrund. Tja, die Migranten sind nämlich gar nicht unbedingt so links. Das wusste ich sogar. Heute allerdings ist die andere links und niemand will mehr etwas davon wissen, dass es mit Migranten wie mit Deutschen ist – Sie können einfach alles Mögliche sein oder finden. Jedenfalls – meine Kommilitonin mit dem so halb polnischen Hintergrund hatte weder einen Vor- noch einen Nachname, der irgendwie polnisch geklungen hätte. Als ich sie fragte, ob sie denn Polnisch könne, musste sie dann auch passen. So arg scheint der kulturelle Konflikt sich in dieser Familie also schon einmal nicht manifestiert zu haben.

In Berlin giftete mich mal eine Frau auf einem Sprachstammtisch an. Sie hatte Sprachwissenschaften studiert und gab selbstsicher damit an, dass für sie im Deutschen Historischen Museum quasi ein Platz reserviert sei. Ich fragte nach, ich gebe zu, ein bisschen Neid war dabei. ich bin ja immerhin Historikerin und warum eine Philologin grundsätzlich bessere Chancen in einem historischen Museum haben sollte, leuchtete mir nicht auf den ersten Blick ein. Na ja, sie spreche ja sogar auch Ukrainisch, wandte die Frau ein. „Hast Du da irgendwie so einen Russlandeutschen Hintergrund?“ wollte ich wissen. „Nein, ich habe da so einen jüdischen Hintergrund!“ pampte die Frau. Weil sie so pampig war, musste ich unwillkürlich grinsen. Ich hakte nach. Genau genommen war nur der Vater Jude, aber sie wolle das jüdische Kulturgut jetzt endlich leben. Ich grinste noch breiter. Die Frage, die ich stellen wollte, musste ich dann gar nicht mehr stellen. Kleinlaut fügte die Frau hinzu: Der Vater habe entfernte jüdische Wurzeln. Also, sie wisse es nicht genau.

Kann ja sein. Aber muss man deshalb die Leute anpampen? Muss man ein Problem daraus machen? Ich sage immer, wenn ich etwas „mit Judentum“ von mir gebe dazu, dass ich KEINE Jüdin bin. Sonst fühlen die Leute sich meiner Erfahrung nach irgendwie angeschmiert. Dürfen sie jetzt pampen oder nicht?

Stimmt aber. In gewisser Weise bin auch ich schuldig. Ein paarmal habe ich damit kokettiert, dass ich selbst auch südländische Vorfahren habe. Italienische sogar. Bloß dass ich selbst so italienisch bin, wie ein Fischbrötchen mit Tomatensoße. Also nicht besonders. das habe ich dann auh immer gleich dazu gesagt. Als wir in der Schule einen Lehrer hatten, von dem alle wussten, dass er Italien-Fan war, beließ ich es auf dem Oberstufenkurstreffen, das bei mir stattfand, auch dabei, dass ich südeuropäische Wurzeln hätte. Es wäre mir sowieso als Schleimerei ausgelegt worden. Aber warum sollte man eigentlich jemanden für irgendwelche Vorfahren mögen? Für die Haarfarbe oder für die Gene? Ist das nicht? – ja richtig! – Man nennt es Rassismus.

Es ist Rassimus, wenn Menschen als klüger, attraktiver und liebenswerter gelten, weil sie der „nordische Typ“ sind. es ist Rassimus, wenn man das gleiche von leuten denken soll, weil sie NICHT der „nordische Typ“ sind. Es ist Rassimus, überhaupt nach der Haar- oder Hautfarbe zu gehen.

Im Internet hat, soweit ich das mitbekommen habe, eine Kulturwissenschaftlerin sogar versucht, sich als Mulattin darzustellen. Dann muss man ja nett sein. Man muss Stipendien und Anerkennung und gute Jobs geben. Will das wer nicht, also solchen Leuten einfach mal (wieder) den Platz gnz vorn zugestehen, dann kann man immer noch sagen, dass das aber diskriminierend ist. Der Schönheitsfehler: Die Frau ist bloß eine brünette Deutsche. Knallweiß.

Habe ich auch schon erwähnt, dass jetzt alle Frauen „queer“ sind? Sogar die, die eigentlich homophob sind. Davon, dass sie alle den „männlichen Part“ innehaben, also auch „transgender“ sind, mal ganz zu schweigen.

Ich schlug in einem Leserbrief an den Berliner Tagesspiegel einmal vor, statt Minderheitenförderung einfach den Schwerpunkt auf Antidiskriminierungsarbeit zu legen. dann kann sich jeder als „Transgender“, „queer“, meinetwegen auch als „farbig“ sehen und auch problemlos wieder umentscheiden. Sogar jeden Tag dreimal, wenn das nötig sein sollte. Wer diskriminiert wird, bekommt halt Unterstützung, wer nicht diskriminiert wird, braucht ja logischerweise keine.

Der Leserbrief wurde nicht abgedruckt. Allerdings hatte ich mitbekommen, dass die queeren Frauen einer wie mir „kein Forum“ geben wollten. dann schon eher Birgit Kelle oder Martin Lichtmesz. Der Lichtmesz (der eigentlich Semlitsch mit Nachnamen heißt) kam in Kreuzberg tatsächlich ganz gut an. Ist ja auch Ausländer. Österreicher. Da sag einer, die Leute wären nicht tolerant.

Übereifrige Journalisten, die in Punkto Minderheit nichts falsch machen wollen, fragen sich sogar, warum einer wie der Götz Kubitschek denn rechts ist – Der Name weist doch ganz eindeutig auf slawische Wurzeln hin (Als ob es keine slawischen Faschos gäbe! Also wirklich!). Das ist ja auch bei der Ellen Kositza so. Also, dem Namen nach ist das „polnische“ Element ja da. Nur dass Ellen Kositza eigentlich Ellen Schenke heißt.

Vielleicht sollte man das mit der Minderheitenpolitik noch einmal überdenken. Oder wäre das so schlimm, wenn man wirklich jeden und jede fair behandeln müsste?

Terror! (Teil XIII)

Den Anfang verpasst? Alle Kapitel von „Terror!“ finden sich unter #TerrorTheStory!

Ligurien, 02. August 1980, 21 Uhr 30

Irgendwo glaubte er, das Gluckern von Wasser zu hören. Tropfte da etwas? Am Ende des Tunnels wartete nur die Dunkelheit auf ihn. Er hoffte inständig, dass er auf dem richtigen Weg war, zwang sich dazu, fest daran zu glauben, denn er war erschöpft und musste all seine Energie zusammennehmen, um weiterzugehen. Als er an der Landstraße das Schild gesehen hatte – „Staatsgrenze 10 km“ – war er landeinwärts abgebogen. Er musste einen Umweg nehmen.

Eine Weile war er unter dem Viadukt durch den Morast gewatet, bis er auf eine kleine Trasse gestoßen war, die parallel zur Landstraße zu verlaufen schien, jedenfalls in die gleiche Richtung führte – War es eine stillgelegte Eisenbahntrasse? Oder ein Weg, den bei Tag Land- und Forstarbeiter nutzten? Er wusste es nicht. Die Dunkelheit bot ihm nur schemenhaft Orientierung. Unter seinen Füßen fühlte der Weg sich holperig an. Er verspürte einen Anflug von Klaustrophobie zwischen den rauhen Felsen, die ihn von beiden Seiten umschlossen. Sie schienen ihn stumm zu verhöhnen und bedrohlich immer näher zu rücken wie dunkle, steinerne Ungetüme, aber das bildete er sich nur ein.

Dann war da plötzlich wieder ein Stück Straße und an deren Ende der Tunnel, der noch aus der Mussolini-Zeit* stammen musste. Moos kroch an an dem in die Jahre gekommenen Gemäuer hoch. Es roch faulig. Alle paar Meter erhellte eine fahle Deckenlampe den Weg spärlich. Hier und da war eine ausgefallen und niemand hatte sie repariert. Er fröstelte ein wenig in seinem dünnen T-Shirt. Die modrige Feuchtigkeit und die Müdigkeit setzten ihm zu. Draußen, an der Landstraße in der warmen Sommernacht hatte er noch nichts davon bemerkt. Da war die Grenze aber auch noch abstrakt gewesen, eine Möglichkeit, die noch ein gutes Stück entfernt lag. Jetzt wurde es langsam ernst. Er hoffte, dass kein Auto kommen würde und zwang sich, weiterzugehen, setzte mechanisch immer einen Schritt vor den anderen. Seine Füße brannten in den mit Matsch bespritzten Stoffschuhen ….

Teniente Daniela, Florenz, Palazzo Pitti, 02. August 1980, 21 Uhr 30

„Erika!“ seufzte der eine Carabiniere theatral. „Auch wenn du Deutsche bist, in Deinem Pass steht doch ein schöner italienischer Name! Wenigstens ein bisschen Italienisch wirst Du doch wohl sprechen!“ „Na ja, schön, ich weiß nicht …“ kommentierte der andere Carabiniere. „Gastarbeiter!“ tat sich der erste mit einem harten, kehligen Wort groß, von dem Daniela nicht wusste, was es bedeutete. „… oder etwas anderes.“ fügte der andere hinzu. Sie schienen sich eher gegenseitig die Bälle zuzuspielen, als dass sie mit Daniela irgendwie weiterkamen.

Daniela schwieg. Es tat ihr leid, dass sie ihre Schwester Erika da mit hereingezogen hatte. Aber in dem gefälschten grünen deutschen Pass klebte ihr Foto. Niemand, der sie nicht näher kannte, würde darauf kommen, dass sie und Erika Schwestern waren. Erika war groß und blond, Daniela etwas kleiner und dünner und außerdem dunkelhaarig. Nur wer sie beide zusammen sah und genau darauf achtete, erkannte, dass sie die gleichen, etwas pausbackigen, rundlichen Gesichter hatten und die gleichen Grübchen in den Wangen, wenn sie lachten, die gleichen großen, bernsteinfarbenen Augen.

Aber nicht nur der Pass war gefälscht. Papà, der eigentlich aus Siena stammte, hatte seinen jetzigen Namen, den auch sie trug, erst in Argentinien angenommen. Wie er ursprünglich geheißen hatte, wusste sie nicht. Daniela fragte sich, ob wenigstens der Name ihrer Mutter – Muller – echt war. Beruhte am Ende ihre ganze Existenz auf einem Lügengebäude?

Ihre Eltern waren einst mehr oder weniger aus den gleichen Gründen nach Argentinien ausgewandert – der Krieg in Europa, den die Deutschen angezettelt hatten. Danach waren Abuelo und Abuela Muller mit ihren Kindern – darunter Danielas Mutter Matilda – nach Lateinamerika gegangen. Abuelo Muller war in Deutschland Ingenieur gewesen. In Argentinien eröffnete er eine Autowerkstatt. Er war ein ernster, wortkarger, hart arbeitender Mann, der es in der Fremde schnell zu Wohlstand gebracht hatte. Es ging ihnen ziemlich gut. Über Deutschland sprachen sie nie. In Argentinien, in der neuen Welt hatten sie ein neues Leben begonnen, in dem für die Vergangenheit kein Platz mehr war. Nur an ihrem etwas stockenden Spanisch, an dem harten deutschen Akzent, den beide Großeltern nie losgeworden waren, merkte man, dass sie Ausländer waren. Außerdem backte Abuela Muller leckere, würzige Plätzchen zu Weihnachten, die sie unter der heißen, trockenen Wintersonne des Südens verzehrten. Danielas Großeltern feierten die Ankunft des Heiland schon Wochen vor dem großen Fest, zündeten jeden Sonntag eine Kerze an, hielten sich ansonsten aber mit ihrem Glauben zurück. Abuelo und Abuela Muller waren Protestanten, Daniela selbst gläubige Katholikin.

Ihre italienischen Großeltern kannte Daniela nicht, obwohl sie ganz passabel Italienisch sprach. Ihr Vater hatte es ihr und ihrer Schwester beigebracht. Er war nach Argentinien ausgewandert, weil er das Abenteuer suchte und sich in der endlosen Weite der südamerikanischen Steppe etwas Eigenes aufbauen wollte, wie er ihnen von Zeit zu Zeit erzählt hatte, aber er hatte wohl auch triftige Gründe gehabt, Italien zu verlassen. Als junger Mann war er dem Duce, dem italienischen Diktator, nach Salò** gefolgt – „Weil ich Italien nicht den Yankees überlassen wollte, Daniela! Es war doch meine Heimat!“ – hatte er gesagt. Aber die Yankees hatten gesiegt und es war Papà, der Unrecht getan hatte. Er hatte sich am christlichen Glauben, der Güte und Nächstenliebe gebot, versündigt, so wie jeder Faschist dem Glaubenden und Liebenden frech ins Gesicht lachte. Videla, Pinochet, Stroessner, Méndez*** – Sie alle waren im Grunde nicht mehr als die hämisch grinsende Fratze des Antichristen, der den Menschen die Hölle schon auf Erden bereiten wollte. Im Falle ihres Vater wie auch bei ihren deutschen Großeltern hatte Gott Milde walten lassen und es war gut gewesen. Doch Daniela wusste, dass Milde nicht immer das Mittel erster Wahl war.

In Italien war alles klein und sehr geschichtsträchtig. Daniela kam es so vor, als lebten die Menschen in Puppenhäusern, doch die engen Gassen und die alten Palazzi hatten sich über die Jahrhunderte auf eine fast organisch Weise zu großen Städten ausgewachsen. Sie sehnte sich nach Amerika, nach Buenos Aires mit seinem Trouble, mit den Prachtboulevards und 24-Stunden-Shops, Hochhäuser und Seitenstraßen mit kleinen, dunklen Cafés, die bevölkert wurden von lässigen, langmütigen und warmherzigen Menschen, die Diktatur, Korruption und Wirtschaftskrisen zäh und tapfer ertrugen. Etwas in Daniela sagte ihr, dass sie ihre Heimat nie wieder sehen würde.

Vor ihrem inneren Auge tauchte die argentinische Pampa auf. Sie sah wieder vor sich, wie sie mit ein paar anderen im Gleichschritt marschierte, Sturmgewehre im Anschlag, dann rannten sie, warfen sich auf Kommando auf den Boden und robbten durch die dürre Graslandschaft, während sie auf Pappkameraden feuerten. Die Organisation, der Daniela sich angeschlossen hatte, als ihr Mann Carlito verschwunden war und klar war, dass er nicht wiederkommen würde, hatte sie in der Pampa notdürftig militärisch ausgebildet. Sie hatten Waffen auseinandergenommen und wieder zusammen gesetzt, grundlegende Techniken der klandestinen Kommunikation erlernt und sich im Gefecht wie auch im Straßen- und Häuserkampf erprobt. Daniela wusste, wie man ein Bajonett benutzte und wie man eine Handgranate warf. Dabei hatte sie sich einst ein ganz anderes Leben erträumt, eines, in dem Carlito und ein Haufen fröhlicher Kinder die Hauptrolle gespielt hätten. Ihre Ehe war leider kinderlos geblieben. Die Diktatur hatte ihr zudem auch ihr kleines Eheglück zerstört. „Y el pueblo unido jamás será vencido!“+ sang es in Danielas Kopf, das chilenische Lied, das ihren Kampf in Worte fasste: „Sus políticas de corrupción, sus mentiras de destrucción. No nos asustan todas sus tropas, sus amenazas, sus metralletas! …“+

Sie spürte das silberne Kreuz auf ihrem Brustbein aufliegen, das sie seit ihren Jugendtagen als Anhänger an einem dünnen Kettchen um den Hals trug. Jesus hatte den Bettlern die Füße gewaschen. Die Organisation half den Combatientes, den Guerillera-Kämpfern, die gegen die faschistischen Diktaturen und gegen die Yankees in Lateinamerika kämpften. Dafür zahlten sie ihr einen kleinen Sold. Im Gegenzug musste sie Aufträge annehmen, nicht nur in Argentinien, auch in anderen südamerikanischen Ländern, sogar in Europa.

Daniela schwieg weiter. Sie verzog keine Miene. Auch nicht, als sie sie wieder in ihre Zelle zurückbrachten.

Gespannt, wie’s weitergeht? Demnächst mehr hier auf Laila Phunk!

*Benito Mussolini: 1922 bis 1943 faschistischer Diktator („Duce“) Italiens. 1943 wurde Mussolini abgesetzt. König Vittorio Emmanuele III. übernahm wieder das Regiment über die italienischen Streitkräfte und der eher gemäßigte Marschall Pietro Badoglio wurde zum neuen Regierungschef ernannt. Da abzusehen war, dass eine Fortführung des Krieges und des „stählernen Paktes“ („Patto d’Acciaio“) mit dem nationalsozialistischen Deutschland für Italien äußerst verlustreich sein würden, versuchte Badoglio einen Seitenwechsel für Italien herbeizuführen. Im September 1943 wurde der Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten, die im Sommer bereits auf Sizilien gelandet waren, unterzeichnet worden. Die Deutschen, die Norditalien kontrollierten, waren darauf vorbereitet und marschierten in Zentralitalien ein. Es gelang ihnen, Mussolini, der verhaftet worden war, zu befreien und ihm zur Flucht zu verhelfen. Zeitgleich zu dem Vorrücken der Alliierten kämpfte die italienische Resistenza, der Widerstand, dem nicht nur Kommunisten und Sozialisten, sondern zu diesem Zeitpunkt auch politisch gemäßigte Kräfte und Katholiken angehörten, in einem Partisanenkrieg die deutschen Besetzer. Im August 1944 wurde etwa die Toscana, in der Teile dieser Geschichte spielen, befreit. Erst Ende April 1945, kurz nachdem Benito Mussolini von einem kommunistischen Partisanen erschossen worden war, konnte jedoch eine bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien erreicht werden.

Dieser Seitenwechsel in letzter Minute führte u. a. dazu, dass die faschistische Vergangenheit Italiens lange Zeit nicht vollständig aufgearbeitet wurde und in der Nachkriegszeit bei der Bevölkerung kein Bewusstsein für die eigene (Mit-)Täterschaft existierte. Man identifizierte sich eher mit dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland, was vielen Italienern aber eigentlich nicht zustand. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass der italienische Faschismus im Vergleich zum Nationalsozialismus weitaus weniger bestialisch war und die Bevölkerung auch nach Einführung der Nürnberger Gesetze in Italien nur wenig Motivation erkennen ließ, etwa jüdische Nachbarn, Freunde oder Kollegen zu verraten. Dabei hatte Antisemitismus leider auch in Italien eine traurige Tradition, nur spielte Antisemitismus zum einen im italienischen Faschismus keine wesentliche Rolle und zum anderen herrschte in der italienischen Bevölkerung anders als in Deutschland zumeist ein gewisses grundsätzliches Misstrauen gegenüber Politikern und staatlichen Stellen, sodass der Eifer, sich durch besoders engagierte Kooperation hervorzutun, sich in Grenzen hielt. Leider war der italienischen Faschismus trotzdem Faschismus  – mit allen Konsequenzen.

**Repubblica Sociale Italiana: (September 1943 bis April 1945) Nachdem Mussolini entmachtet worden war, gründete er mit einigen getreuen Gefolgsleuten und der Unterstzützung der deutschen Nationalsozialisten die „Repubblica Sociale Italiana“ (RSI), auch „Republik von Salò“ genannt. Das wesentliche politische Machtzentrum lag in Salò am Gardasee, der sich in Norditalien, etwa zwischen Trento, Brescia und Verona, befindet, obwohl als offzieller Regierungssitz Rom angestrebt war. Das Territorium der RSI umfasste im wesentlichen das von den Deutschen besetzte italienische Gebiet, darunter auch Südtirol, Triest und Teile Sloweniens einschließlich Ljubljana (italienisch: Lubiana). Das die RSI vollständig vom nationalsozialistischen Deutschland abhängig war, gilt sie als Marionettenstaat, der nur von einigen wenigen Ländern, zumeist Bündnispartner Deutschlands, anerkannt wurde. Je mehr die Deutschen in Italien zurückgeschlagen wurden, desto mehr verringerte sich demzufolge auch das „Staatsgebiet“ der RSI. Man muss hervorheben, dass unter den Gefolgsleuten Mussolinis, die die RSI mittrugen, überzeugte Nazis waren, die die Politik Hitlers aktiv unterstützten. Der Film „Salò oder die letzten 120 Tage von Sodom“ von Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1975 vermittelt einen Eindruck von der Widerlichkeit des Denkens, dass die „Repubblica di Salò“ von italienischer Seite künstlich am Leben erhielt, obwohl man betonen muss, dass es sich um reine Fiktion und daher um eine künstlerische Verarbeitung dieser Ausprägung des italienischen Faschismus handelt, die zudem stark auf den Ekeleffekt sexueller Perversion setzt. Der Film ist in vielen Ländern verboten. In Deutschland steht er auf dem Index. Ich selbst habe auch nur den ersten Teil ertragen können und denke, dass er für Jugendliche und psychisch labile Menschen ungeeignet ist. Vielleicht trifft das aber auch auf gewisse Formen von Politik (vgl. u. a. auch unten, d. h. lateinamerikanische Militärdiktaturen und ihr Umgang mit Andersdenkenden), aber das ist jetzt eine persönliche Meinung.

***Jorge Rafael Videla (Diktator von Argentinien 1976 – 1981, die Militärdiktatur selbst hielt sich noch 2 Jahre länger und wurde schließlich durch den Falklandkrieg 1982 in die Knie gezwungen), Augusto Pinochet (Diktator von Chile 1973 – 1990), Don Alfredo Stroessner (Diktator von Paraguay 1954 – 1989) und Aparicio Méndez (Diktator von Uruguay 1976 – 1981, die Militärdiktatur in Uruguay dauerte von 1973 – 1985). Alle genannten Regimes erhielten als erklärte Antikommunisten Unterstützung durch die USA und waren auch der Bundesrepublik Deutschland als Verhandlungs- und Wirtschaftspartner willkommen. Die Beschreibungen der Folterpraktiken einiger dieser Regimes, die auch sexuelle Misshandlungen von Frauen beinhalteten, sind derart entsetzlich, dass es den fiktionalen Gehalt und das Schockmoment von Filmen wie Pasolinis „Salò oder die letzten 120 Tage von Sodom“ (siehe oben) stark relativiert …

+Lied „El pueblo unido“, Musik: Sergio Ortega (lebte später im Exil in Frankreich), Text: Gruppe Quilapayún (Zum Zeitpunkt des Putsches 1973 in Chile war die Gruppe in Europa auf Tournee und konnte nicht zurückkehren), vgl. Wikipedia. Übersetzung der von mir im Text zitierten Zeilen: „Das Volk, vereint, wird niemals besiegt werden. Ihre korrupte Politik, ihre zerstörerischen Lügen. Sie schüchtern uns nicht ein mit all ihren Drohungen, ihren Maschinengewehren …“, Übersetzung durch Laila Phunk, ohne Gewähr, spanische Lyrics Google Play Music entnommen.

Lateinamerika-Fans und -Kenner(innen) werden die Darstellung der Ereignisse evtl. als ungenau oder die Wirklichkeit verzerrend auffassen. Tatsächlich handelt es sich bei der Geschichte um reine Fiktion. Die „Organisation“, der Teniente Daniela angehört, ist meiner Fantasie entsprungen und existierte (im Gegensatz zu den oben gegannten Militärdiktaturen) in Wirklichkeit nicht. Ich habe mir außerdem, u. a. auch was die Gegend zwischen Ventimiglia und Mentone in Ligurien und die Arbeit der Carabinieri in Florenz betrifft, einige künstlerische Freiheiten genommen. Alle im Text genannten Personen – außer den historischen Persönlichkeiten – sind außerdem frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil XII)

Content Warnung: enthält Schilderungen, die für Hochsensible nicht geeignet sind. Ungeeignet auch für Kinder und Jugendliche.

(„Terror!“ ist eine fiktive Fortsetzungsstory, die sich an realen historischen Ereignissen als Rahmenhandlung entlanghangelt.)

Wer den Anfang verpasst hat oder gern irgendwo quer in die Story einsteigen möchte, schaut einfach unter #TerrorTheStory.

Beppe, Vorplatz des Hauptbahnhofes von Bologna, 02. August 1980, 10 Uhr 40

Überall gellten Sirenen. Die Wagen der Notfallambulanz bahnten sich ihren Weg auf den Platz und verschwanden wieder. Menschen wuselten umher. Einige standen auch nur herum. Fassungslos. Wie gelähmt in ihrer Hilflosigkeit, irgendetwas tun zu wollen und nicht zu wissen, was sie tun könnten, was wirklich helfen würde.

Beppe schnaufte. Und er merkte, wie ihm klammheimlich eine kleine Träne aus seinem linken Auge kullerte. Er riss sich zusammen. Er durfte jetzt nicht anfangen zu heulen. Gleichzeitig schienen ihm seine Gefühle merkwürdig abstrakt zu sein. Er funktionierte wie auf Autopilot, sodass er seinen eigenen Schmerz, seine Trauer wie eine andere Person aus den Augenwinkeln wahrnahm.

Der Mensch, der auf der Trage lag, deren Griffe Beppe krampfhaft umklammerte, wimmerte. Er lebte also noch. Es musste ein Mann mittleren Alters sein, aber so genau sah man das nicht. Genau genommen war es nur ein Bündel Mensch, ein gequälter, bizarr gekrümmter Körper, mit einer Schicht aus grauem, körnigen Staub bedeckt, unter dem eine unförmige Stoffmasse erkennbar war. Hier und da ragten einzelne, bräunliche Haarfetzen heraus. Über die Schläfe sickerte Blut. Es sprudelte zunächst frisch, wie aus einer Quelle heraus, um dann zu einer klebrigen, rot-schwarzen Firniss zu werden, die sich mit dem Staub mischte und die Gesichtszüge des Opfers unkenntlich machte. Der Sanitäter, der die Trage am anderen Ende hielt, schritt zügig voran, so dass Beppe an sich halten musste, um mitzukommen.

Beppe betete, dass der Mann durchkommen würde. Er hatte Leichensäcke gesehen. Der Grieche, den er in seinem Taxi zum Bahnhof befördert hatte, machte sich ebenfalls nützlich. Die blaue Sporttasche, die sein Fahrgast bei sich gehabt hatte, hatte er in der Eile auf dem Beifahrersitz stehen lassen.

Es gab keinen Bahnhof mehr. Oder, besser gesagt, es gab nur noch den östlichen Gebäudeteil mit der Vorhalle, der wie eine Theaterattrappe aberwitzig in den Himmel ragte, um dann in der Mitte plötzlich abzubrechen. Rechts davon waren nur noch Geröll und umgestürzte Balkan. Aus der Ferne sahen die Menschen, die sich daran zu schaffen machten, wie vereinzelte, in Angesichts des Unglücks lächerlich hilflose Miniaturen aus. Einige wühlten mit bloßen Händen in den Trümmern, in der Hoffnung, doch noch Lebende bergen zu können, die mit etwas Glück auf der Intensivstation eines der umliegenden Krankenhäuser wieder zu Kräften kommen würden. Alle hofften, dass kein Gebälk nachträglich einbrechen und noch zusätzliche Tote fordern würde. Eine dunstige Staubwolke waberte wie ein Nachhall der Explosion über dem, was einmal der Wartesaal 2. Klasse und das Bahnhofscafé gewesen war. Hätte man darauf geachtet, wäre es einem fast zynisch vorgekommen, dass die Sonne nach wie vor ungerührt mit all ihrer Kraft vom strahlendblauen Augusthimmel strahlte. Später sollte ein Schweizer, der in dem Zug saß, der gegen 10 Uhr 25 von Chiasso kommend zur Weiterfahrt nach Ancona auf Gleis 1 einfuhr, berichten, wie Blut ans Zugfenster spritzte*.

+++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++

Gegen 10 Uhr 25 MEZ hat sich im Bahnhof von Bologna eine Explosion ereignet. Weite Teile des Bahnhofsgebäudes wurden zerstört. Es hat mehrere Tote und dutzende Verletzte gegeben. Der Zugverkehr von und nach Bologna ist vorübergehend ausgesetzt. Verkehrsteilnehmer, die im historischen Zentrum von Bologna unterwegs sind, werden gebeten, die Rettungsfahrzeuge nicht zu blockieren. Es werden dringend Blutspenden benötigt.**

+++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++

Etwa zeitgleich zu dem furchtbaren Unglück in Bologna hat sich im historischen Zentrum von Florenz eine weitere, kleinere Explosion ereignet. Es gab mehrere Verletzte und eine Tote. Ob es einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen gibt, ist bislang noch unklar. Auch ist nichts über den Hintergrund bekannt.***

Gianni Bianchini, im Zug von Florenz nach Bologna, 02. August 1980, 10 Uhr 40

Gianni blätterte etwas lustlos im Politikteil der „Repubblica“. Er fühlte sich verpflichtet, sich selbst von Zeit zu Zeit über die aktuelle politische Lage ins Bild zu setzen. Dabei war es eigentlich egal. Er wusste zwar, wo er bei den nächsten Wahlen sein Kreuzchen machen würde – da, wo er es immer machte -, aber korrupt waren sie im Grunde alle. Das war die notorische, italienische Politikerkrankheit, die bislang noch niemand hatte ausrotten können. Sie machte Wahlen jede Legislaturperiode wieder zu einer Farce und ließ die erregten Debatten über Politik beim Morgenkaffee am Tresen der eigenen Lieblingsbar müßig erscheinen.

Ein abrupter Ruck riss Gianni aus seinen Gedanken. Irritiert blickte er sich um. Da kam auch schon ein Schaffner herbeigeeilt und zeterte hysterisch, dass sich in Bologna am Bahnhof ein furchtbares Unglück ereignet habe, dort könnten jetzt keine Züge mehr fahren. „Und was jetzt?“ fragte ein untersetzter Mann mit Halbglatze ungehalten. „Wir müssen warten.“ seufzte der Schaffner.

Gianni hatte gesehen, wie der Lockenkopf unter seinem olivefarbenen Hautton kreidebleich wurde. Ein krankhafter Schweiß stand dem jungen Mann, an dem alles geradezu schrie „Unruhestifter!“, auf der Stirn und seine Augen flackerten bedenklich. „Unglück“ dachte Gianni. „So, so.“ Terroristen half er nicht. Jungen Leuten, die unter Generalverdacht standen, schon. Der Schlacks mit dem hervorspringenden Adamsapfel war in Prato zugestiegen, wie sich Gianni erinnerte. Er konnte sich denken, dass der junge Mann sich Ärger einhandeln würde, ganz gleich, wie offensichtlich es war, dass er nichts mit dem „Unglück“ in Bologna, wie sie es nannten, zu tun haben konnte ….

Gianni holte tief Luft, was in seinem Fall in einem trockenen Hüsteln endete. Noch bevor er den Gedanken ganz zu Ende gedacht hatte, war er bei dem jungen Mann. „Ein wenig frische Luft würde Ihnen genauso helfen wie mir, richtig?“ zischelte er ihm ins Ohr. Der Schlacks nickte kaum merklich, sodass Gianni sich genau genommen nicht sicher war. Dennoch wandte er sich an den Schaffner und verlangte autoritär: „Öffnen Sie die Tür! Der Junge hier muss an die frische Luft!“ Gianni wedelte mit seinem Arztköfferchen, das er für solche Fälle immer bei sich trug. „Ich bin Arzt. Ich werde in Bologna gebraucht, aber vorerst will ich den jungen Mann hier an einen Kollegen übergeben. Zur Sicherheit! Ansonsten kann ich das nicht verantworten!“.

Der Schaffner öffnete die Tür, obwohl ihm sichtlich unwohl dabei war. Gianni und Nanni stolperten ins Freie. „Tun Sie so, als müssten Sie sich auf mich stützen!“ raunte Gianni Nanni ins Ohr. Die nächste Ortschaft konnte nicht weit entfernt sein. Dem Schlacks würde er empfehlen, sich auf den Schock einen Grappa in der nächstbesten Bar zu Gemüte zu führen, denn er war sich sicher, dass die Beschwerden des jungen Mannes rein nervlicher Natur waren und er ansonsten kerngesund war, zumindest soweit Gianni das oberflächlich beurteilen konnte. Gianni selbst wollte sich ein Taxi nach Bologna nehmen, oder, wenn er keins fand, eben per Anhalter fahren. Es verstand sich von selbst, dass er die Kollegen dort unterstützen musste. Sie hatten keine Zeit zu verlieren ….

Dottore Walter Martelli, Universitätsklinikum, Florenz, OP-Saal I, 02. August 1980, 13 Uhr 30

Jetzt hatte er sie endlich. Die kleine, fiese Patrone, die den Mann, den sie seit über einer Stunde operierten, vielleicht trotzdem letzten Endes das Leben kosten würde. Bauchschuss. Das war nicht irgendetwas! Abgesehen von etwas zu hohem Blutdruck und Übergewicht war der Deutsche jedoch für sein Alter erstaundlich gesund. Deshalb hatte Martelli ihm zunächst eine Überlebenschance von 50 zu 50 gegeben. Jetzt war er weit weniger optimistisch. Die Daten, die der Monitor zeigte, der an das Beatmungsgerät angeschlossen war, verschlechterten sich zusehends. Nachdem sie den Mann zunächst oberflächlich stabilisiert hatten – Er hatte leider relativ viel Blut verloren -, hatten sie viel zu lange gebraucht, um an die Patrone zu kommen, die Martelli jetzt in ein kleines Glasschälchen neben sich legte.

Der Mann hatte eine weitere Schussverletzung knapp über der Hüfte, mit sichtbar höherem Einschlagskrater als der Bauchschuss, der allerdings von vorn, aus nächster Nähe gekommen sein musste, wenn auch sehr wahrscheinlich ungezielt, denn er war schräg reingegangen. Näheres konnte Martelli dazu nicht sagen. Darum musste sich der Gerichtsmediziner kümmern. Der Schuss über der Hüfte war – so schätzte es Martelli ein, das heißt, er hoffte es inständig – nicht unmittelbar lebensgefährlich. Er würde erst den Bauch zu Ende machen und dann an die Hüfte gehen. Martelli bedeutete seinem OP-Assistenten, ihm Klemme und Schere zu reichen. Dottore Gentile, der zweite OP-Arzt, gab Daten an die Schwester durch, die ihm assistierte. Eine weitere OP-Schwester hielt sich im Hintergrund, so wie auch die Anästhesistin.

Pathologie, Universitätsklinikum, Florenz, 02. August 1980, 21 Uhr

Die junge Frau lag aufgebahrt in der Mitte des Raumes. Die Neonleuchte an der Decke ließ ihre Haut grauweiß mit einem leichten Grünstich erscheinen. Ein gräuliches Leintuch bedeckte ihren Rumpf. Irgendjemand hatte ihr aus Pietät die Augen zugedrückt. Ihr dunkles, welliges Haar floss ihr weich um das ovale, vollkommen reglose Gesicht mit der etwas zu spitzen, leicht gebogenen Nase. Zu Lebzeiten musste sie ein ewig sonnengebräunter, sportlicher Typ gewesen sein. Sie war schlank, eher groß und muskulös und sie hatte leichte X-Beine, von denen eines außerdem etwas verdreht in die Hüftpfanne eingehängt war, was ihr aber in ihrem Alter noch keine Probleme bereitet haben dürfte. Außer natürlich, beurteilte er sie in Gedanken fachkundig, sie hätte als Ballerina arbeiten wollen, aber dafür war sie wiederum zu gedrungen. Der Mund war leicht geöffnet. Sie würden ihr ohnehin noch Zahnabdrücke entnehmen müssen, auch wenn sie bereits identifiziert worden war. Morgen würde wahrscheinlich auch noch der Gerichtsmediziner einen Blick auf sie werfen wollen. Ja, so war das, dachte er bei sich.

Ein gut gezielter Kopfschuss hatte der Frau das Leben ausgehaucht. Leiden müssen hatte sie nicht, die kalte, tote Schönheit, denn nachdem die Kugel ihr die Schädeldecke durchschlagen hatte, musste sie innerhalb von wenigen Millisekunden tot gewesen sein. Die Leichenstarre war bereits seit einigen Stunden eingetreten.

Die junge Frau – sie war wohl Mitte oder Ende 20 -, war heute morgen mit einer Reihe von Verletzten von der Piazza della Repubblica reingekommen. Zwei Männer waren heute nachmittag operiert worden, einer davon war Ausländer, irgendein hohes Tier. Sein Zustand war kritisch. Man wusste nicht, ob er durchkommen würde. Der jüngere, ein italienischer Soldat, hatte weit bessere Chancen. Die anderen hatten nur leichte Verletzungen davon getragen und waren ambulant versorgt worden. Sie waren vermutlich schon wieder zu Hause.

Frauen als Opfer von Schießereien waren höchst selten und dann auch noch ein Kopfschuss! Ein junger, intakter Körper, der aber kalt und steif war, unwiderbringlich tot, so tot wie jede 100jährige, die an Altersschwäche dahingeschieden war. Bei ihr dagegen keine Spur von physischem Zerfall, keine Krankheiten, keine zerfetzten, heraushängenden Gedärme und keine zerschmetterten Glieder, wie oft bei Verkehrsunfällen, die ihnen in schöner Regelmäßigkeit jugendliche Neuzugänge bescherten.

Die hier war eine verstörend schöne Leiche! Fast eine präraffaelitische Ophelia! Nur dass Wasserleichen in Wirklichkeit so furchtbar aufgedunsen waren. Vor seinem Inneren entfaltete sich gleich einer machtvolle Explosion seiner Innenwelt eine prächtige Bilderfolge, die zwischen John Everett Millais‘ Gemälde der Ophelia und beängstigend wuchernden schwarzen Blumen vor einem erst blut- dann purpurroten Hintergrund pendelte. Er fühlte sich von sich selbst und seinen Gefühlen überwältigt und wusste, dass er an den Punkt gelangt war, an dem er gehen musste.

Vorsichtig schloss er die Tür und trat auf den dunklen Flur hinaus. Eine funzelige Notfallbeleuchtung tauchte das Kellerlabyrinth, in dem sich die Pathologie befand, in ein dämmeriges, diffuses Licht, das den Eindruck vermittelte, man befände sich in einer bedrückenden, fast geisterhaften Halbwelt, in der alles Schatten war, nichts konkret. Er würde später noch einmal wiederkommen. Morgen auch, wenn er es einrichten konnte und sich sicher sein konnte, dass er unbeobachtet blieb – so lange seine kalte, tote Schönheit auf ihrem Tisch ruhte ….

Er war so sehr mit sich selbst und seinem Nachsinnen über die tote Frau beschäftigt, dass er viel zu spät die leisen, schweren Schritte hinter sich bemerkte. Er spürte den massiven, warmen Körper in seinem Rücken. Dann hörte er, wie die Tür zu dem Raum, aus dem er gerade gekommen war, mit einem quietschenden Geräusch wieder geöffnet wurde. Aus den Augenwinkeln nahm er hinter sich einen gleißenden Lichtstrahl wahr, der den Flur plötzlich und brutal erhellte. Der Schatten, der ein konkreter, höchstlebendiger Körper war, verschwand in dem Raum, in dem die tote Cristina Nicosia aufgebahrt lag und auf ihre Untersuchung durch den Gerichtsmediziner wartete. Seine Handflächen waren feucht. Das einzige Gefühl, das er jetzt noch spürte, war Angst, nackte, kalte Angst ….

Neugierig, wie es weiter geht? Hier geht’s zu Teil XIII.

*Die Schilderung der Ereignisse in Bologna hier in der Geschichte ist frei erfunden, wie auch die **“Eilmeldung“. Leider ist der furchtbare Anschlag, der sich am 02. August 1980 im Bahnhof von Bologna ereignete, jedoch Wirklichkeit und Teil einer traurigen Geschichte blutiger Attentate in Italien in den 1970er und 1980er Jahren, den sog. „Anni di piombo“.

Die Sache mit dem Schweizer Touristen und dem Blut am Fenster wird in einem Beitrag zum Thema des Deutschlandfunks von 2005 eindrucksvoll beschrieben und ist diesem Artikel entnommen (Vgl.: Karl Hoffmann, Art.: „Vor 25 Jahren: Bomben-Anschlag im Bahnhof von Bologna“, Deutschlandfunk, 02. 08. 2005).

Der Anschlag in Bologna forderte insgesamt 85 Tote und 200 Verletzte. In der Story wird er noch mehrfach zur Sprache kommen. Deshalb will ich hier nicht vorgreifen.

Weitere wichtige Informationen, auf die ich mich gestützt habe, finden sich auf Wikipedia und einem Erfahrungsbericht von Alex Kriegelstein im Spiegel, der das Attentat als 16jähriger glücklicherweise um einen Tag verpasste (Vgl.: Alex Kriegelstein, Art.: „Anschlag in Bologna: beginn einer lebenslangen Suche, Spiegel, 04. 01. 2008).

***Die „Eilmeldung“, die Florenz betrifft, ist ebenfalls frei erfunden, wie auch die „kleinere Explosion“ auf der Piazza della Repubblica, die nur in dieser Geschichte stattgefunden hat. Das gleiche trifft auf die Handlungen im Krankenhaus und den erwähnten Zug nach Bologna zu, den es gegeben haben kann oder nicht. Hier jedenfalls ist alles, Krankenhaus und Zug, Fiktion. Alle Personen – außer den historischen Persönlichkeiten – sind ebenfalls frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil XI)

Wer den Anfang verpasst hat findet alle Folgen unter #TerrorTheStory oder kann sich hier zu Teil I durchklicken.

Gianni Bianchini, Zug von Florenz nach Bologna, 02. August 1980, 10 Uhr 20

Gianni Bianchini beschloss, einen Blick in die „Repubblica“ zu werfen, die er in Rom am Bahnhof gekauft hatte. Er war in Rom auf einem der leidigen Kongresse gewesen, einer Strafe Gottes dafür, dass er in seiner Jugend einmal Experte auf dem Gebiet der inneren Medizin hatte werden wollen. Na ja, es gab schlimmere Strafen Gottes – das Asthma zum Beispiel, das er sich eingefangen hatte, weil er – wie es sich für einen guten Landarzt gehörte – sich selbst stets sein schwierigster Patient gewesen war: nicht nur sein Übergewicht, er hatte auch auf das Rauchen nicht verzichten können.

Als er sich den Einträgen zur Kriminalität in der Hauptstadt widmen wollte – Diese Spalte war ein besonderer Leckerbissen für ihn, er las sie auch zu Hause in der Zeitung immer zuerst – fiel sein Blick auf einen jungen Mann, der in Prato, wo sie gerade gehalten hatten, zugestiegen war. Er war einer von ihnen. Das war nicht zu übersehen. Diese radikalen jungen Leute hatten nicht in allem Unrecht, was sie forderten, aber sie wollten zuviel auf einmal: Am liebsten den Umsturz von allem und jedem und eine Utopie leben, von der sie selbst nicht so genau wussten, wie sie konkret aussehen sollte – Drogen, freie Liebe, Frauen, die Geld für die Hausarbeit bekamen, weil es ein Job wie jeder andere war*, Arbeiter, die ihre Betriebe selbst verwalten konnten – so in etwa. Der Rest war jugendlicher Leichtsinn, die Lust auf Abenteuer in Italien, einem Land, wo es keinen wilden Westen gab – und das endete dann manchmal gewaltsam.

Der viel zu dünne Mann mit seinem wirren, dunklen Lockenschopf und dem hervorspringendem Adamsapfel machte sich nicht einmal die Mühe, so zu tun, als sei er erwachsen, obwohl er vermutlich schon eher Ende 20 als Anfang 20 war. Er trug verwaschene, zu weite Leinenhosen und ein schmuddeliges T-Shirt, außerdem einen leuchtendblauen Seesack, den er sich quer über die Brust gehängt hatte. Trotz seines lässigen Kleidungsstils wirkte der Mann gehetzt, wie ein nervöser, überängstlicher Jagdhund, der zwar schnell und ausdauernd war, aber bei jedem Windhauch zitterte wie Espenlaub. Sein Gesicht mit den kleinen braunen Augen hatte dagegen etwas Frettchenhaftes an sich.

Gianni hätte dem jungen Mann ein wenig Ruhe, eine Freundin, die es ernst mit ihm meinte und eine gute Mahlzeit verordnet, um seine Nerven zu beruhigen. Gianni glaubte an die heilende Kraft einer Pasta, wie sie seine Frau Serena, mit der er nunmehr seit 20 Jahren verheiratet war, allabendlich auf den Tisch brachte. Als junger Mann hatte er, nachdem er den Traum, ein international renommierter Experte zu werden, so halb drangegeben hatte, eine Weile in den Elendsquartieren von Palermo gearbeitet. Dort brachten ihm die Mütter ihre spindeldürren, hungrigen Kinder, deren große, dunkle Augen zwar lebhaft blitzten, nur dass sie dennoch bedenklich tief in ihren Höhlen lagen. Solche Kinder bekamen Bronchitis und Mittelohrentzündung, sobald die Temperatur unter 20 Grad fiel. Die Mütter stopften ihnen die hungrigen Mägen mit trockenem Brot, statt mit leckerer Pasta und nahrhaften Eiern, Fisch oder Fleisch. Ein paar entschlossene Staatsanwälte wären hier die beste Medizin gewesen, denn sie hätten die Männer hinter Schloss und Riegel bringen können, die dafür sorgten, dass die Familien aus den Elendsquartieren von Palermo arm blieben und allzu oft vaterlos waren, bevor die Kinder in die Pubertät kamen, aber wer wollte den Job schon machen? Es konnte tödlich für einen enden, wenn man allzu neugierig war und seine Nase in Dinge steckte, die einen nichts angingen. Deshalb verordnete Gianni den Kindern Vitaminpräparate und hielt den Mund.

Irgendwann beschloss Gianni Bianchini, dass das Elend der Welt zu groß war, als dass ein Mann wie er es allein hätte schultern können. Er sehnte sich nach der heimatlichen Emilia Romagna, dem Obst- und Gemüsegarten Italiens, wo das Klima das ganze Jahr über relativ milde war, die Menschen freundlich und entspannt miteinander umgingen und Kriminalität und Armut sich in überschaubaren Grenzen hielten. Gianni ließ sich als Landarzt in der Nähe von Rimini nieder.

Maria Chiara, Bahnhof von Bologna, Wartesaal 2. Klasse, 02. August 1980, 10 Uhr 20

Maria Chiara seufzte. Endlich saßen sie, das heißt, sie würden ja heute noch lange genug sitzen, aber ihre Füße brannten. Das musste an der Hitze liegen. Totò zappelte mit seinen kleinen dicken Beinchen. Sie hatte ihren Sohn auf den Schoß nehmen müssen, weil es im Wartesaal so voll war. Unwillkürlich ließ sie ihren Blick etwas umherwandern: Zwei blonde junge Frauen in Jeans und T-Shirts unterhielten sich angeregt in einer kehligen Sprache, die Maria Chiara nicht einordnen konnte – War es Deutsch? Englisch? Oder vielleicht eine skandinavische Sprache? Die beiden hatten große Rucksäcke zwischen ihre Beine geklemmt und sahen verschwitzt aus, nur dass ihre Gesichter fröhlich wirkten. Das Lächeln erreichte auch die Augen. Zwei junge Frauen, Freundinnen sicherlich und bereit, die Welt zu erobern.

Maria Chiara selbst war bislang nicht weiter als bis nach Bologna gekommen, aber das war für sie persönlich ein bedeutender Schritt gewesen. Sie wollte es ihren Eltern zu Hause in Apulien endlich beichten, dass sie sich von Andrea** scheiden lassen würde. Sie musste ja nicht unbedingt von der Affaire erzählen, die sie mit einem Dozenten an der Uni hatte, wo sie als Sekretärin arbeitete. Aber Andrea und sie lebten nun schon seit fast einem Jahr getrennt und sie hatte die ständigen Lügen satt. Papà war Kommunist, aber leider auch sehr katholisch. „Kommunismus und Katholizismus, Katholizismus und Kommunismus“ summte es wie ein Mantra in Maria Chiaras Kopf. Zuviel -ismus für ihren Geschmack. Sie fragte sich, warum der liberale Zeitgeist, den sie in Bologna kennengelernt hatte, es nicht schaffte, in den italienischen Süden vorzudringen. Sie hatte ein bisschen Angst vor der Reaktion ihres Vaters. Ihre Mamma hatte sie einmal im Vertrauen beiseite genommen, damals, als sie gerade frisch mit Andrea verheiratet gewesen war, und ihr eingeschärft: „Als Ehefrau hast du zu Hause das Regiment. Männer sind manchmal wie Kinder. Unvernünftig und unreif. Das musst du verstehen. Du musst Verständnis dafür haben, dass sie Verlockungen nicht immer widerstehen können. Aber egal, wer SIE ist, DU bist immer noch die Ehefrau, vergiss das nicht!“

Totò nuckelte an der Dose Orangina, die Maria Chiara ihm gekauft hatte. Er liebte es, aus Strohhalmen zu trinken. „Mamma! Wann kommt der Zug?“ wollte er wissen. „Gleich, mein Schatz.“ sagte Maria Chiara. Eine Frau, die eine Reihe vor ihr saß, hatte einen Vogelkäfig auf ihren Schenkeln. Maria Chiara fragte sich, ob ein Vogel darin war und wenn ja, was für einer. Ob das Tier sich ängstigte, in dem Raum voller Menschen mit all seinen Geräuschen? In einer Ecke wickelte ein älterer Mann ein üppig belegtes Sandwich aus, das sorgsam in Alufolie verpackt worden war, und biss genüsslich hinein. Ein Mann mittleren Alters las die Zeitung. Ein pummeliges Pärchen saß schweigend nebeneinander. Der junge Mann zu ihrer Rechten hielt zwei Bahntickets in der Hand und diskutierte lebhaft mit der Frau, die neben ihm saß. Offenbar hätte er lieber eine spätere, dafür aber schnellere Verbindung gehabt. Links von ihr fragte eine Frau ihren Begleiter, ob er glaube, dass sie den Anschlusszug in Ancona noch erwischen würden. Maria Chiara seufzte wieder und strich Totò über seinen dichten, dunkelbraunen Haarschopf. Das fragte sie sich auch. Mental war ein Teil von ihr schon unten in Apulien, ihr anderes, großstädtisches, bolognesisches Ich hatte jedoch nichts dagegen einzuwenden, wenn sich die Fahrt noch etwas verzögerte ….

Signorina Cristina, Florenz, Piazza della Repubblica, 02. August 1980, 10 Uhr 20

Widerstrebend ergriff Cristina die dicke Pranke, die ihr Berthold Brennecke hinhielt. Sein Händedruck war, wie erwartet, zu fest. Er quetschte ihr die Hand schmerzhaft und Cristina fragte sich, ob das Absicht war. Vermutlich nicht. Die aufgesetzt wirkende Freundlichkeit des Mannes war ihr unsympathisch, aber vielleicht lag das auch nur daran, dass sie die italienische Übersetzung der Papiere gelesen hatte, denen eine, wiederum italienische Notiz beilag, die darüber informierte, dass jemand, der ungenannt bleiben wollte, einer der engsten Mitarbeiter Brenneckes in Deutschland das Schriftstück, das einen mörderischen Plan in Anlehnung an die italienische „Strategie der Spannung“ enthielt, in Brenneckes Namen verfasst hatte. Der General würde seine Hände in Unschuld waschen, wenn etwas schief ging. Auch Papà und seine Leute, würden von den – im Grunde ja anonymen – Unterlagen nichts gewusst haben.

Konkret war für den Herbst in einer deutschen Großstadt ein terroristischer Anschlag geplant, der eine große Anzahl an Opfern in der Zivilgesellschaft fordern sollte – rund 100 Tote waren angepeilt, die Cristina aus den Unterlagen wusste. Das Attentat sollte der Roten Armee Fraktion in die Schuhe geschoben werden. Es war geplant, ein Bekennerschreiben zu verfassen, das es so aussehen lassen sollte, dass die RAF mit dem Anschlag die bundesdeutsche Bevölkerung für ihre „Kollaboration“ mit dem „Schweinesystem“ und den „faschistischen Regimes“ in den Trikontländern, insbesondere in Lateinamerika, bestrafen wollte. Die Leute sollten die mörderischen Kämpfe der Menschen in Lateinamerika am eigenen Leib zu spüren bekommen und dies sollte den „revolutionären Kern“ in der Bevölkerung „aufwecken“, der sich – gewaltsam mit dem Elend der Welt konfrontiert – ebenfalls dem bewaffneten Kampf anschließen solle.

Cristina wand sich innerlich. Wie abscheulich! Sicherlich lehnte der größte Teil der Bevölkerung in Deutschland den Terrorismus ohnehin ab. Der Plan enthielt nichts als eine detaillierte Anweisung zu sinnlosem Blutvergießen.

Der Übersetzer, der mit Brennecke gekommen war – ein blasser, alterlos wirkender Mann mit Nickelbrille, Mausezähnen und einem undefinierbar rotbraungrauem Bürstenhaarschnitt – meldete sich zu Wort: „General Brennecke ist sehr erfreut, Sie kennenzulernen.“ Cristina lächelte matt. Sie hoffte, dass der dicke, große Mann endlich ein Zeichen geben würde, dass sie zu dem Café gehen würden. Sie krallte ihre Handtasche an sich und nestelte am Verschluss. Sobald sie den Rücken des NATO-Generales vor sich hatte, würde sie die Pistole herausnehmen und Brennecke töten. Doch der bedeute ihr mit einem breiten, jovialen Lächeln, dass sie vorgehen sollte. „Ladys first!“ dröhnte er mit starkem deutschen Akzent.

Davide, Florenz, Piazza della Repubblica, 02. August 1980, 10 Uhr 25

Davide sah, dass die Frau mit dem welligen Pagenschnitt und dem langen Rock auf der Piazza Stress machte. General Brennecke versuchte, sie sanft nach vorn zu schieben, aber dann riss die Frau ihre Handtasche auf und hatte plötzlich eine Waffe in der Hand. Davide eröffnete sofort das Feuer. Er spürte, kaum dass er den Abzug betätigt hatte, einen brennenden Schmerz in der Seite und verlor das Bewusstsein. Daher hörte er den ohrenbetäubenden Knall nicht mehr, der aus dem Café kam, und die minimal zeitversetzt berstende Fensterscheibe, die sich in tausende kleine Glassplitter über die draußen aufgestellten Tische und Stühle ergoss. Das Knattern eines Motorinos, das sich entfernte, wirkte wie ein aberwitziger Nachhall der Detonation. Das zumindest hätten Zeugen berichtet, wenn jemand darauf geachtet hätte. Hinter dem Café fuhr zudem ein Lieferwagen weg, als hätte der Fahrer nichts von der Exposion mitbekommen ….

Gespannt, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil XII!

*Lotta femminista: („feministischer Kampf“) feministische Unterorganisation von Potere Operaio („Arbeitermacht“), die wiederrum als Geschwisterorganisation von Lotta continua („Der Kampf geht weiter“) aus den Arbeitskämpfen in den Fiat-Werken in Turin entstand (mehr dazu wird in  Teil X erläutert). Lotta femminista forderte u. a. Frauen für die Hausarbeit zu bezahlen. Gerade weil Italien traditionell eine Macho-Gesellschaft ist, die Frauen am ehesten einen vermeintlich angestammten Platz am Herd und bei ihren Kindern zuweist, waren die feministischen Kämpfe in Italien in den 1970er Jahren umso härter. Im Mittelpunkt stand dabei u. a. auch das Recht auf freie Abtreibung, das Frauen zu mehr Selbstbestimmung über ihren Körper und ihre Sexualität verhelfen sollte. Allerdings muss man auch sagen, dass der Feminismus in Italien v. a. ein gebildetes Publikum in Nord- und Mittelitalien erreichte. Im Süden gingen und gehen die Uhren anders. Außerdem bedeutete eine linke Gesinnung nicht grundsätzlich, dass zugleich auch allgemein ein liberales Weltbild vertreten wurde. Da die kommunistische Partei in Italien, wie in vielen südeuropäischen Ländern, weder Moskau-gebunden war noch ideologisch einem strengen Marxismus anhing und außerdem traditionell eher die Tradition der Arbeiterbewegung fortführte, als akademisch gebildeten, „freigeistigen“ Menschen eine politische Heimat zu bieten, sollte man zwischen der linken, eher universitär geprägten außerparlamentarischen Opposition und den parteilich organisierten Kommunisten unterscheiden. Dennoch muss man auch hervorheben, dass – zumindest, was die Arbeitskämpfe bei Fiat betraf – anders als in Deutschland Bündnisse zwischen Arbeitern und Studierenden eher zustande kamen. Mehr Informationen (in deutscher Sprache) zu Lotta femminista finden sich im deutschen Wikipedia-Eintrag zu Potere Operaio.

**Andrea: italienische Form von Andreas.

Da die Geschichte hier reine Fiktion ist, sind natürlich auch die Personen in der Geschichte – bis auf die historischen Persönlichkeiten – alle frei erfunden. Den NATO-Mann Berthold Brennecke hat es abenso wenig gegeben, wie den „Plan“, das Attentat in Florenz, Maria Chiara und die anderen. zwar kursieren im Internet Listen mit Namen und Altersangaben von Menschen, die sich am 02. August 1980 im bolognesischen Hauptbahnhof im Wartesaal 2. Klasse, im Bahnhofscafé, auf Gleis 1 oder in der unmittelbaren Umgebung aufgehalten haben, doch habe ich versucht, in der Geschichte darauf zu achten, diese Leute nicht „nachzukonstruieren“. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind, was „Terror!“ betrifft, generell zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil X)

Wer den Anfang verpasst hat, schaut unter #TerrorTheStory oder klickt sich noch mal bis zu Teil I durch. Viel Spaß beim Lesen!

Nanni, Prato bei Florenz, 02. August 1980, 10 Uhr 10

Nanni schwitzte. Verdammt noch mal! Ausgerechnet heute morgen hatte sein Motorino schlapp gemacht. Giovanna hatte ihm angeboten, ihres zu nehmen, aber er hatte dankend abgewinkt. Er wollte sie da nicht reinziehen. Es war nur so, es war einfach besser, wenn er nicht mehr hier wäre, wenn die Bombe hochgehen würde. Er brauchte ein Alibi. Und was wäre da besser, als wenn jede Menge Augenzeugen bezeugen konnten, dass sie ihn gesehen hatten – im Zug, in Bologna am Bahnhof, überall, aber jedenfalls nicht in der Innenstadt von Florenz.

Jetzt musste er sich beeilen. Er hatte beschlossen, zu Fuß zum Bahnhof zu gehen und einen Zug später zu nehmen. Nicht ganz ideal, aber von Prato bis Bologna war es nur eine gute halbe Stunde mit dem Zug. Nanni wusste, dass er nun nicht mehr zurück konnte. Er hatte sich nie damit befasst, hatte die Situation nie vorweggenommen, wie es wäre, in die Illegalität zu gehen, zumindest so halb. Er würde die nächsten Jahre damit leben müssen, dass irgendein übereifriger Ermittler vielleicht doch auf ihn kam. Und konnte er Lutz wirklich trauen? Lutz hatte ihm von seinen Schwierigkeiten erzählt, einen Referendariatsplatz zu finden. Lutz wollte Lehrer werden und in Deutschland mussten Lehrer ein etwa einjähriges Praktikum absolvieren, bevor sie in den Schuldienst eintreten konnten. Linken gegenüber war man misstrauisch und versuchte, sie nach Möglichkeit aus den Schulen rauszuhalten*. Was war, wenn Lutz den Behörden einen Tipp gab, um dem Staat seine Treue zu beweisen und vielleicht doch noch Lehrer werden zu können?

Als er die Haustür seiner kleinen Wohngemeinschaft in Prato hinter sich geschlossen hatte, war Alessandra bereits in der Näherei, arbeiten. Sie hatte ein Diplom in Philosophie, musste sich aber, wie es aussah, vorerst mit der Plackerei an der Nähmaschine begnügen. Giò, die an ihrer Doktorarbeit in Politikwissenschaften arbeitete, saß wie jeden Morgen über ihren Büchern und las, wenn sie nicht irgendetwas in ihre Schreibmaschine eintippte. Sie hatte kurz von den Vorbereitungen für den Uni-Streik, den sie für den Anfang des akademischen Jahres im Herbst planten, erzählt. „Wir machen eine Petition für Negri**! Den holen wir schon wieder aus dem Knast raus! Wäre doch gelacht! Ansonsten können wir die Unis doch gleich schließen, wenn nicht einmal mehr die Wissenschaft frei ist!“ Giò war in ihrem Element. Sie war nicht nur Wissenschaftlerin, sondern auch Aktivistin mit Leib und Seele. So weit wie Nanni war sie allerdings nicht einmal in der Theorie, in ihren erhitzten Diskussionen gegangen, abends, am Wochenende, wenn sie ein paar Flaschen Bier und einen Joint hatten kreisen lassen und sich darüber ergingen, was man tun könnte, tun sollte, auf gar keinen Fall tun sollte und wie man das fand, was Brigate Rosse, Lotta Continua und Prima Linea*** gemacht hatten, nicht gemacht hatten oder ihrer Ansicht nach falsch gemacht hatten. Nanni schämte sich ein wenig. Hatte er wirklich richtig gehandelt? Egal. Es gab kein Zurück. Nanni ging noch einen Schritt schneller. Aus der Ferne sah er bereits das Bahnhofsgebäude.

Davide, italienische Streitkräfte, Florenz, Piazza della Repubblica, 02. August 1980, 10 Uhr 15

Davide ließ seinen Blick über die Piazza schweifen. Das Café zu seiner Rechten wirkte leer, nur ein paar spanische Touristen schickten sich gerade an, zu gehen. Eine andere Touristin bewunderte die Piazza und schien etwas auf einem Stadtplan zu suchen. Vielleicht wusste sie nicht genau, wo sie sich gerade befand, und fragte sich, wie sie zum Dom oder zur Piazza della Signoria gelangen konnte. Davide unterdrückte den Impuls, zu ihr herüber zu gehen und ihr seine Hilfe anzubieten. Ritterlichkeit konnte er sich jetzt nicht erlauben. Schließlich hatte er eine Mission zu erledigen und die war, dass er an seinem Platz blieb, die Piazza aufmerksam beobachtete, es sofort meldete, wenn ihm etwas ungewöhnlich vorkam und dem deutschen NATO-General Berthold Brennecke und seiner Gefolgschaft aus einer angemessenen Distanz Personenschutz gab, sobald diese eingetroffen waren. Davide zurrte noch einmal den Gurt zurecht, an dem seine Maschinenpistole hing.

Tenente Daniela, Florenz, Piazza della Repubblica, 02. August 1980, 10 Uhr 15

Daniela hatte den Soldaten im Spiegel der Fensterscheiben gesehen. Sie fragte sich, ob er der einzige war oder ob es noch mehr davon gab, vielleicht in dem Torbogen, den sie von dort, wo sie war, nicht einsehen konnte. Hatten sie auch Scharfschützen auf den Dächern der umliegenden Gebäude postiert? Wenn ja, dann hatte sie gerade die letzten Minuten ihres Lebens vor sich. Da machte sie sich nichts vor. Sie würden das Feuer sofort eröffnen. Und schon eine der ersten Kugeln würde sie zielsicher niederstrecken.

Daniela zwang sich, sich auf den Stadtplan zu konzentrieren. Sie spürte, dass der Soldat sie beobachtete. Vielleicht war er tatsächlich der einzige und die Italiener beließen es bei einer großen Show mit Armee-Jeep und viel Tam-Tam, um dem deutschen Gast den Eindruck zu vermittelt, dass man nichts unversucht ließ und weder Kosten noch Mühen scheute, um seine Sicherheit zu garantieren.

Daniela hörte das Knattern eines Motorinos. Das musste Diego sein. Aus der Ferne drangen auch die Geräusche mehrerer, sich nähernder Autos an ihr Ohr. Sie musste mit dem ersten Schuss den Soldaten töten und konnte dann nur hoffen, dass der Schwung ausreichte und das Timing optimal war, um mit dem zweiten Schuss den General auf der offenen Piazza zu erwischen. Auch wenn sie die Automatik durchfeuern lassen würde, wusste sie, dass es nicht funktionieren würde, wenn sie ihn nicht schon mit dem zweiten Schuss traf. Zu einem dritten würde sie nämlich vielleicht nicht mehr die Gelegenheit haben. Es war alles eine Frage des Timings. Und es war Schicksal. Daniela verspürte eine große Ruhe in sich. Sie wusste, dass sie bereits war.

Davide, italienische Streitkräfte, Florenz, Piazza della Repubblica, 02. August 1980, 10 Uhr 20

Davides Herz hatte einen richtigen Satz gemacht, als die drei schwarzen Limousinen auf die Piazza gefahren waren. Der ersten waren ein großer, schlanker Italiener und eine Frau entstiegen. Der Mann trug trotz der Hitze einen grauen Anzug. Es schien ihm nichts auszumachen. Er verkörperte eine Coolness, wie Davide sie noch nie gesehen hatte, das heißt, doch, vielleicht in einem amerikanischen Agententhriller. Daran jedenfalls erinnerte ihn die schwarze Sonnenbrille, die der Mann trug. Auch die Frau trug eine Sonnenbrille. Allerdings wirkte sie in der hellen Bluse, dem wadenlangen, dunklen Rock und den Pumps verkleidet, irgendwie plump. Auch wenn die Frau eigentlich schlank war und ihr dunkelbraunes, gewelltes Haar sich als Pagenschnitt weich um ihren Kopf kringelte, hatte sie dennoch nichts von der liebreizenden, zierlichen Feminität, mit der Frauen ihres Alters es ansonsten vermochten, Davides romantische Seite zum Klingen zu bringen. Außerdem wirkte sie neben der imposanten Erscheinung des Anzugträgers irgendwie geduckt, fast ängstlich, trotz ihrer etwas rohen Ausstrahlung, die vielleicht auch darauf zurückzuführen war, dass sie sich nur halbherzig zurechtgemacht zu haben schien.

Die Touristin dagegen war perfekt geschminkt und frisiert. Auch wenn sie keine Schönheit war – ihr rundes Gesicht und der schmale, sehnige Körper kontrastierten zu stark miteinander – so hatte die junge Frau doch das Beste aus sich gemacht. Ihr Haar lag ihr wie ebenholzfarbener Lack um den Kopf. Allerdings bemerkte Davide, dass sie Turnschuhe zu dem modischen, etwas kurzen, rotblau geblümten Rock und dem strahlendweißen T-Shirt trug. Das passte nicht so. Wahrscheinlich wollte sie sich heute noch eine Menge Sehenswürdigkeiten anschauen und hoffte, sich keine Blasen zu laufen, aber Davide fand, dass Turnschuhe aus zarten Frauenfüßen derbe, ungehobelte Treter machten. Die Frau hielt inne. Dann steckte sie den Stadtplan wieder in ihre große, gestreifte Strandtasche und schlenderte etwas ziellos umher.

Ein junger Mann hatte sein Motorino neben den Torbogen an die Mauer gelehnt und war, ohne es abzuschließen, in den Arkaden verschwunden. Wahrscheinlich wollte er Geld vom Geldautomaten abheben und wäre in ein, zwei Minuten wieder da.

Davide hatte sich so sehr auf die Observation der Piazza konzentriert, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie General Berthold Brennecke dem zweiten Wagen entstiegen war: Ein stattlicher Mann mit einem kleinen grauen Bärtchen, dessen massive Schultern verrieten, dass er einst ebenso sportlich wie Davide gewesen war. Ansonsten war der General figürlich deutlich aus dem Leim gegangen, aber so war das nun einmal bei Männern seines Alters. Brennecke trug Uniform, hochdekoriert mit mehreren Orden und Abzeichen, die an der breiten Brust aufgereiht waren. Anders als der Italiener, der sich im Hintergrund hielt, schien der NATO-Mann unter der Hitze zu leiden. Sein speckiger Nacken glänzte. Er wischte sich mehrfach mit einem Taschentuch über die Stirn, bewahrte jedoch Haltung und lächelte die Frau breit an, der er mit festem, herzhaften Händedruck und großzügiger Geste die Hand schüttelte. Davide imponierte die selbstsichere und doch ungeahnt lässige, für einen Militär fast provozierend freundliche Art des Generals – ein Mann, der gewohnt war, dass andere sich ihm unterordneten, ohne seine Autorität groß in Frage zu stellen. Einer, der sich nicht verarschen ließ, von dem Freunde und Familie jedoch erwarten konnten, dass er für sie durch’s Feuer ging. Die Art von Mann, die Davide erst noch werden wollte ….

Gespannt, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil XI

*Radikalenerlass: 1972, 2 Jahre nach der Gründung der Roten Armee Fraktion, beschloss die damalige Bundesregierung unter Willy Brand (SPD), dass Personen, deren Verfassungstreue fraglich erschien und denen die Zugehörigkeit zu Organisationen, die politisch extremistische Ziele verfolgten, nachgewiesen werden konnte, fortan nicht mehr im öffentlichen Dienst beschäftigt werden durften. Konkret betraf dies v. a. Linksradikale und auch wenn theoretisch sogar Briefträger und Eisenbahner mit einer verfassungsdiesntlichen Überprüfung rechnen mussten, fielen v. a. Lehrer und Hochschullehrer unter den Radikalenerlass.

Obwohl das faktische Berufsverbot eigentlich darauf abzielte, Sympathisanten der Roten Armee Fraktion und anderer gewaltbereiter linksextremistischer Gruppen einzuschüchtern und dem Linksterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland so den Boden zu entziehen, wurden v. a. Anhänger der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und ihrer Jugendorganisation SDAJ von der Beschäftigung im öffentlichen Dienst ausgeschlossen. Die Partei selbst war jedoch, obschon sie sich tatsächlich selbst im linksradikalen Spektrum verortete und sich in ihren Zielen an der Politik der realsozialistischen Warschauer-Pakt-Staaten orientierte, in der Bundesrepublik nicht verboten. Auch waren ihre Anhänger selten gewaltbereit.

Nicht nur diese Widersprüchlichkeit, auch die allgemeine Dehnbarkeit des Begriffes „linksextrem“, der in dem von Angst und Verdächtigungen geprägten Klima der Zeit mitunter großzügig ausgelegt wurde, trugen eher dazu bei, dass linke Jugendliche sich schneller radikalisierten, als dass sie jemanden davon abgehalten hätten, sich politisch zu betätigen. Man muss sich vor Augen halten, dass damals viele junge Leute mit linkem Gedankengut sympathisierten, auch wenn die meisten deshalb nicht unbedingt politische Gewalt guthießen. In einigen Fällen reichte es schon, als Teenager bei der SDAJ gewesen zu sein – selbst wenn man sich später davon distanzierte – oder im Seminar an der Uni ein-, zweimal ein paar markige Bemerkungen gemacht zu haben, die den falschen Leuten zu Ohren kamen, damit einem später eine Karriere als Lehrer(in) oder an der Uni versperrt war. Andere wiederum hatten Glück und bekamen ihre Chance trotz zeitweiligem Engaments in extremistischen Organisationen, wie etwa der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Die Grünen), der regulär in den Schuldienst übernommen wurde und viele Jahre als Lehrer für Biologie und Chemie arbeitete.

Laut Wikipedia wurden in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt 1,4 Millionen Menschen im Rahmen des Radikalenerlasses verfassungsdienstlich überprüft, etwa 1.100 Menschen erhielten faktisch Berufsverbot und 136 Lehrer wurden aus dem Dienst entlassen.

1991 hob Bayern als letztes Bundesland den Radikalenerlass auf. Allerdings können nicht nur Anhänger der NPD, sondern in einigen Fällen auch Mitglieder der Linkspartei bis heute auf Schwierigkeiten im öffentlichen Dienst stoßen. Im europäischen Ausland, etwa Frankreich, lehnte man in den 1970er und 1980er Jahren die Praxis der Berufsverbote als Mittel im Kampf gegen den Linksterrorismus ab (In Italien konnte man dafür allerdings relativ leicht im Knast landen).

**Antonio („Toni“) Negri: (geb. 1933) Italienischer Politikwissenschaftler, der an der Universität Padova Staatstheorie lehrte. Negri sympathisierte ab den späten 1960er Jahren offen mit linksradikalen Gedankengut und engagierte sich auch selbst in linken Organisationen wie Potere Operaio („Macht der Arbeiter“). Nach der Ermordung des Politikers Aldo Moros 1978 reagierte der italienische Staat mit scharfen Repressionen auf Linksintellektuelle. Negri wurde 1979 gemeinsam mit dutzenden anderer italienischen Universitätsprofessoren und -Dozenten verhaftet, 1983 durch einen Kniff – Er betätigte sich als Politiker, wurde gewählt und erhielt als Abgeordneter Immunität – konnte er sich dem staatlichen Zugriff vorübergehend entziehen. Im selben Jahr floh er nach Frankreich, lehrte an der Sorbonne in Paris und kehrte 1997 nach Italien zurück, wo er erneut verhaftet wurde und bis 2003 im Gefängnis saß. Toni Negri betätigt sich bis heute politisch und intellektuell. Eine kurze Zusammenfassung seines (bisherigen) Lebens und Wirkens findet man auf Wikipedia.

***Brigate Rosse, Lotta Continua, Prima Linea: Gruppen, die dem radikalen, z. T. gewaltbereiten Flügel der linken außerparlamentarischen Opposition in Italien angehörten. Lotta Continua („Der Kampf geht weiter“), eine Gruppe, die zunächst v. a. aus Studenten und Studentinnen, sowie Mitarbeitern der Fiat-Werke bestand und sich dem militanten, aber nicht unbedingt terroristischen Arbeitskampf verschrieben hatte. Lotta Continua löste sich Ende der 1970er Jahre auf. Der radikale Flügel der Bewegung formierte sich ab Mitte der 1970er Jahre zu der Untergrundorganisation Prima Linea („Die erste Reihe“), der zweitgrößten linksterroristischen Vereinigung Italiens nach den Brigate Rosse. Prima Linea löste sich 1987 offiziell auf. Mehr als 20 Morde werden der Gruppe laut Wikipedia (Englisch) zugeschrieben. Der italienischsprachige Wikipedia-Eintrag berichtet von 39 Opfern, von denen 16 zu Tode kamen.

Wie immer muss ich darauf hinweisen, dass es sich bei der Story „Terror!“ um reine Fiktion handelt, auch wenn der historische Hintergrund natürlich eine gewisse Rolle spielt. Alle Personen – außer den historischen, zumeist im Anhang kurz beschriebenen Akteuren – sind daher frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.