Terror! (Teil 43)

Einstieg verpasst? Alle Folgen finden sich unter #TerrorTheStory. Eine Zusammenfassung (dessen, was bis zum Frühling 1986 geschah) gibt es hier.

Enrico, München Hauptbahnhof, 06. Juni 1990, ca. 9 Uhr

Enrico schaute sich um. Der Bahnhof war riesengroß und modern. Überall wuselten Leute herum. Schritte, Stimmengewirr, hier und da eine Durchsage, die Enrico nicht verstand, rollende Kofferwagen und einfahrende Züge vermischten sich zu einer Geräuschkulisse, die in der großen Halle hunterfach widerhallte.

Als der Zug in München eingefahren war, war Enrico nur mühsam aus seinem unruhigen Dämmerschlaf erwacht. Als er am Abend zuvor in Bologna in den Zug gestiegen war, hatte es gerade begonnen, dunkel zu werden. Modena schließlich war nur noch als Lichtermeer am Zugfenster vorbeigezogen. Irgendwann konnte er schemenhaft die Alpen ausmachen, Bozen, wo die ersten Deutschen zustiegen, mitten in der Nacht nur ein paar Personen. Am Brennerpass hatte der Zug etwa eine halbe Stunde gehalten. Enrico hatte geschwitzt. Die Juninacht war auch in den Bergen angenehm warm, aber Enrico war aufgeregt. Er hatte das Gefühl, dass er ein altes Leben verließe und ein Neuanfang bevorstünde. Er befühlte den alten, abgewetzten Rucksack, der auf dem Sitz neben ihm lag, ertastete die Geldbündel darin, glaubte, das Dokument, das er in Cristinas Zimmer gefunden hatte, knistern zu hören. Als die österreichischen Grenzer in den Zug kamen, um die Ausweispapiere der Reisenden zu kontrollieren, hatte Enrico lahm seinen Ausweis hingehalten und so getan, als schliefe er schon fast. Der Grenzer hatte nicht einmal richtig hingeguckt, sondern nur gleichgültig gewinkt und war weiter gegangen. Enrico hatte gesehen, wie Leute in den anderen Abteilen die Sitze zusammengeschoben und sich lang darauf ausgestreckt hatten, also hatte er es ihnen nachgetan. Trotzdem hatte er nicht wirklich schlafen können, als der Zug in den frühen Morgenstunden durch Österreich ratterte. Irgendwann musste er aber wohl weg gewesen sein, denn als er die Augen wieder öffnete, schien bereits die Sonne durch das Zugfenster. Es waren nochmal Grenzer gekommen, wahrscheinlich die Grenze zu Deutschland. Außerdem war ein dickliches Pärchen mittleren Alters zugestiegen. Sie unterhielten sich leise auf Deutsch. Enrico verstand nicht, was sie sagten. Er sprach nur ein bisschen Englisch aus der Schule. Die Frau lächelte ihm nett zu. Aus den Augenwinkeln sah er durch das Zugfenster eine flachere, hügelige Landschaft, ab und zu ein paar strahlendweiß getünchte Häuser mit flach abfallenden Dächern und riesigen Balkons, auf die eine üppige, rosarote Blumenpracht gepflanzt war. Dann nickte er wieder ein. Er wachte von einem Rascheln auf. Der dicke Mann holte einen Koffer und eine Sporttasche aus dem Gepäcknetz. „Iis siis Miuunich?“ hatte Enrico gestammelt. „Si, si“ hatte die Frau geantwortet und wieder gelächelt „Mjunik, Monakko di Bawjera.“ Zu ihrem Mann gewandt hatte sie hinzugefügt: „Geh, des is a Italieener.“

Enrico drehte sich in der Halle des Münchner Hauptbahnhofs. Er war völlig frei darin, wohin er als nächstes fahren wollte und er hatte einen Plan. Den hatte er schon in Florenz gefasst. Allerdings musste er noch herausfinden, ob sein Ausweis reichen würde, um durch die Deutsche Demokratische Republik zu fahren. Erst einmal aber wollte er sich München ansehen. Mit einem Schlag fühlte er sich wach und voller Tatendrang.

Micha, Gießen, 07. Juni 1990, ca. 17 Uhr

Micha flippschte Steine in den Ententeich. Das kleine Stück Park war eher eine Art Durchgangsfläche mit einem Teich und ein paar Büschen. Außer ihr war niemand hier. Manchmal gelang es ihr, einen Kieselstein so flach ins Wasser zu werfen, dass sich an der Wasseroberfläche kleine Ringe bildeten, manchmal schmiss Micha die Steine einfach nur so ins Wasser. Am Rand des Gehweges lagen dickere Brocken. Micha pfefferte einen nach den anderen ins Wasser. Es platschte und statt der Ringe bildete sich kurz eine gekräuselte Welle, die aber schnell wieder verschwand. Heute war es nicht ganz so warm. Der Himmel war bewölkt und Micha fröstelte etwas in ihrem T-Shirt. Sie überlegte, sich ihre Jeansjacke überzuziehen, die sie sich um die Hüften gebunden hatte, ließ es dann aber doch. Sie spürte, dass sich Schweißflecken unter ihren Achselhöhlen gebildet hatten und trotzdem fröstelte sie. Micha sah einen besonders dicken, klumpigen Stein und schmiss ihn mit Karacho in den Ententeich. Eine Entenmutti schoss erschreckt aus dem Wasser, ihr nach zappelten hilflos ein paar kleine Entlein, etwa im Teenageralter, aber noch mit Kükenflaum. Oh Nein! Ein gelbbraunes Knäuel lag ganz komisch im Wasser, das sich, wie Micha zu sehen glaubte, langsam rot färbte. Wie bescheuert war sie denn, dass sie hier Enten killte?! Was hatte sie bloß getan?! Wie konnte sie nur?! Micha war den Tränen nahe. Hastig nahm sie ihren Rucksack und ging in Richtung Straße, versuchte, sich nicht noch einmal in Richtung Ententeich umzudrehen. Erschöpft ließ sie sich an einen Baum fallen. Sie heulte. Sie versuchte, mit dem Handrücken die verschmierte Wimperntusche von ihren Wangen abzuwischen, aber eigentlich war das jetzt egal. Sie zog die Packung Marlboro aus der Hosentasche, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie sich an. Micha hustete, schluchzte und heulte abwechselnd und kam sich dabei ziemlich idiotisch vor. Als ob das das kleine Küken wieder lebendig machen würde, als ob es das wieder rückgängig machen würde, dass sie sich mies gefühlt hatte und dabei in ihrem Zorn unbedacht ein anderes Lebewesen getötet hatte. Micha hoffte, dass niemand sie so sehen würde.

Micha hatte sich nicht getraut, mit Thekla zu sprechen, weil Theklas blöder Freund Tobi bei der Antifa war und seitdem nichts mehr mit Thekla anzufangen war. Die hätte ihr ja doch nur eine Moralpredigt gehalten und alles runtergebetet, was Tobi zu dem Thema irgendwo gelesen hatte, und das wäre wahrscheinlich mehr oder weniger auf das Gleiche hinausgelaufen, was auch Bernd gesagt hatte, nur eben mit Floskeln durchsetzt wie „die sozialistische Revolution“, „unsere Genossen und Genossinnen in Kurdistan“ undsoweiter blabla. Obwohl Tobi angeblich Anarchist war. In erster Linie war er wohl eine echte Dumpfbacke, wie Micha fand.

Sie hatte mit Katja geredet und Katja hatte gemeint, dass ein Türke als Freund schon okay sei, aber nur wenn er Christ war. Bei Mohammedanern wüsste man doch nicht, dass sei eben doch eine fremde Kultur … Im Grunde hatte Katja Sigrid und Bernd recht gegeben, wenn auch aus anderen Gründen. Mohammedaner achteten ihre Frauen nicht und Mehmet sei ja so ganz nett, aber bei den Mohammedanern sei das oft so, dass die Männer erst nach der Hochzeit ihr wahres Gesicht zeigten. Katja fand Mehmet als Freund, so als nur-so-Freund total in Ordnung. Sie hatte nicht gesagt, dass Micha sich besser jemand anderen suchen sollte – so direkt war Katja nicht -, aber Micha hatte geglaubt, genau das aus ihren Worten herauszuhören. Dass der Mann Christ sei, hatte Katja gesagt, das sei ihr schon wichtig. Micha hatte gar nicht gewusst, dass es in der Türkei auch Christen gab. „Aber ja“ hatte Katja gesagt „Und in Syrien, im Irak, im Libanon, in Ägypten. Nur sind die da furchtbar unterdrückt und werden verfolgt und ausgegrenzt.“ Erst neulich hatte ihre Kirche eine Aktion gemacht, bei der sie Spenden für die Kopten in Ägypten gesammelt hatten. Katja ging jeden Sonntag mit ihrer Familie in die Kirche und sang auch im Chor. Irgendwie war ihr das wichtig. „Bei einem Christ“ hatte Katja gesagt „da weißt du immer, dass ihr gemeinsame Werte habt, egal ob er aus Afrika oder aus dem Orient kommt. Ihr denkt und fühlt das Gleiche, da ist von vorn herein eine innere Verbindung durch den Glauben. Ein Mohammedaner dagegen ist eben von klein auf an ganz andere Dinge gewöhnt, dass die Frauen sich unterwerfen und verschleiern müssen, dass man kein Schweinefleisch essen darf und so weiter.“

Micha hatte sich unverstanden und allein gelassen gefühlt. Silly aus ihrem Jahrgang machte manchmal dumme Bemerkungen, dass Mehmet für Micha ja wohl „der Reiz des Exotischen“ sei, aber es sei natürlich ihre Sache, ob sie das „Türkenliebchen“ sein wolle. Für Mehmet sei sie eh nur die „deutsche Schlampe“, gerade gut genug bis seine Eltern eine Türkin zum Heiraten für ihn gefunden hätten. Micha schnürte sich der Hals zu, wenn sie nur daran dachte. Und wenn ein Körnchen Wahrheit dran war? Sicher, Silly hatte sticheln wollen, aber auch Katja hatte ihre Bedenken gehabt – von Sigrid und Bernd mal ganz zu schweigen. Aber sie bezweifelte, dass die beiden Experten in solchen Sachen waren. Sie stritten ständig und Micha hatte den Eindruck, dass es oft nur um des Streiten willens war. Außerdem war da die beknackte Leyla, mit der Sigrid das Migrationsprojekt an der Uni machte. Und Leyla wollte wirklich nur Frauen gegen Männer aufhetzen, dass sie ihr Kopftuch ablegen sollten und der Sozialismus sowieso das einzig Wahre für die Völker dieser Erde sei. Micha verdrehte die Augen. Das sah man ja jetzt an denen aus der DDR, wie toll der Sozialismus war. Die fielen sogar in Gießen ein, um ihr Begrüßungsgeld* für allerlei Tand und Kitsch auf den Kopf zu hauen.

Warum musste alles von anderen so verkompliziert werden, wenn eine Beziehung mal harmonisch verlief? Mehmet hatte nichts von ihr verlangt und sie zu gar nichts gedrängt. Ganz im Gegenteil – er war der Meinung, dass sie warten sollten, bevor sie zum Äußersten gingen. Sie hatten sich gestern Nachmittag getroffen und Micha hatte vorsichtig das Thema Graue Wölfe angeschnitten, ohne Leyla oder den Streit mit Sigrid zu erwähnen. Eigentlich hatte sie Mehmet nur gefragt, was das sei – Graue Wölfe. Sie hätte das irgendwo im Zusammenhang mit Türken gehört. „Ach weißt du, Politik …“ hatte er erst etwas genervt gesagt. „Ich kann mir ehrlich gesagt was Besseres vorstellen, wenn du hier bist. Ich könnte dir zum Beispiel was auf der Saz vorspielen.“ Mehmet spielte Saz und Gitarre. Manchmal, wenn sie ihn besuchte, machte er starken, türkischen Tee, in den er extra viel Zucker kippte, für sie beide und spielte ihr etwas vor, meistens allerdings auf der Gitarre. Mehmet war absoluter Neil Young-Fan, genau wie Micha auch.

Er hatte ihre Hand genommen und sie gestreichelt und ihr tief in die Augen gesehen. Dann hatte er den Blick abgewandt und die Lippen leicht aufeinander gepresst. „Ich finde Politik eigentlich ziemlich ätzend. Aber natürlich bin ich Idealist, wenn es das ist, was du wissen willst. Ich meine, ich bin Türke, das sind meine Wurzeln, das spüre ich mit jeder Faser meines Körpers. Und was ist so falsch daran? Wir leben ja gern hier in Deutschland. Deutschland ist super, aber du kannst deine Identität nun einmal nicht verleugnen …“ Mehmet machte eine Pause. „Und, was ist Idealist jetzt genau?“ wollte Micha wissen. „Na ja, komm, das was wir in Ethik hatten.“ Micha hatte Ethik gemacht, weil Sigrid das gewollt hatte, Mehmet, weil er der einzige Moslem in ihrem Jahrgang war. So hatten sie sich in der Elften kennengelernt, auch wenn sie erst in der Dreizehnten zusammen gekommen waren. Katja war damals in „Evangelische Religionslehre“ gegangen, obwohl sie strenggenommen Baptistin war, Sandra, Christian und ein paar andere hatten sich in einem kleineren Kreis zu „Katholischer Religionslehre“ zusammengefunden, was Herr Ranke unterrichtete, der eigentlich hauptberuflich für die katholische Kirche in Gießen arbeitete. Ethik hatten, so weit Micha sich erinnern konnte, immer unterschiedliche Lehrer gemacht, Herr Franz, der auch Politik unterrichtete und sich ziemlich links und atheistisch gab, Frau Sommer, die ihnen vor allem die großen Philosophen des Abendlandes hatte nahe bringen wollen und in der Elften eben Herr Schwarz, der das irgendwie nur so nebenher abgerissen hatte und ein bisschen Bibel, ein bisschen Platon und Schopenhauer und viel über Drogen und warum man sie nicht nehmen sollte und Mobbing und so gemacht hatte. Danach mussten sie Ethik nicht mehr machen und Micha und Mehmet hatten es dann auch abgewählt, weil sie es beide für ein ziemlich überflüssiges Laberfach hielten.

„Tja, hm, Idealist bedeutet, dass ich sozusagen immer vor Augen habe, wie es idealerweise sein könnte, zum Beispiel dass alle Türken in einem Staat leben sollten. Türken leben ja nicht nur in der Türkei, sondern auch im Iran, in der Sowjetunion und sogar in China. Hey, aber das ist genau das, was die Deutschen früher auch immer gewollt haben. Das hat uns doch Herr Neumann in Geschichte erklärt, dass das damals total progressiv war, weil es der Traum war, dass alle Deutschen in einem Land leben sollten und nicht in vielen, kleinen Staaten, ein Volk, das gemeinsam über seine Geschicke bestimmt, revolutionär für die damalige Zeit. Und so etwas will ich auch für die Türken, das heißt, Micha …“ Mehmet hatte fragend geguckt und sein Gesichtsausdruck hatte wieder ein bisschen genervt ausgesehen „… können wir das Thema lassen? Ich habe nämlich echt nicht viel Bock auf Politik und ich kenne mich da auch gar nicht so aus. Mein Vater ist in der CDU, wie du ja weißt, genau wie der Vater von Silly auch. Die sind also ganz ähnlich drauf, würde ich mal sagen …“ Micha wusste nicht, ob sie mit der Antwort zufrieden sein sollte. „Und was diese kurdische Lesbe sagt, die ständig bei euch rumhängt, das musst du echt nicht glauben!“ hatte Mehmet hinzugefügt. Er hatte gelächelt „Ich habe was von Eric Clapton gelernt.“ Er hatte seine Gitarre genommen „Hast du Lust? Du wärst die Erste, der ich’s vorspiele …“

Neugierig, wie’s weitergeht? Demnächst hier auf Laila Phunk!

*Begrüßungsgeld: 100 D-Mark (bundesdeutsche Währung bis zum 31. Dezember 2001), die jedem DDR-Bürger, der zum ersten Mal bundesdeutschen Boden betrat, ausgehändigt wurden. Da es nach dem Fall der Mauer am 09. November 1989 zu einem wahren Massenandrang an DDR-Bürgern kam, die sich in der Bundesrepublik umschauen wollten, und das Berüßungsgeld zum Teil auch mehrfach abkassiert wurde, war es in der westdeutschen Bevölkerung durchaus umstritten. Das begürßungsgeld wurde laut Wikipedia bis Ende Dezember 1989 ausgezahlt.

Alle Personen und ihre Handlung sind meiner Fantasie entsprungen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Terror! (Teil 42)

Alle Folgen von Terror finden sich unter #TerrorTheStory. Eine Übersicht dessen, was bislang passiert ist, gibt’s hier.

Content Warning: Beinhaltet mögliche Trigger & Aussagen, die als Microagressions gegen Minderheiten gedeutet werden könnten. Inhalt nicht für Kinder, hochsensible und queere Menschen geeignet. Nur bedingt geeignet für Jugendliche unter 18 Jahren.

Micha, Gießen, 04. Juni 1990, ca. 22 Uhr

Micha schlich sich an der Wohnzimmertür vorbei und linste rein. Sigrid und Bernd saßen auf dem Sofa und sahen fern. Ronnie saß vor ihnen auf dem Boden und legte sich irgendwas mit Bauklötzchen zurecht. Sigrid hatte sie offenbar bemerkt und drehte sich um. Trotzig stellte Micha sich in den Türrahmen. Sigrid löste sich von Bernd und nahm Ronnie hoch, die mit beiden Beinen zappelte und maulte. Ihr fiel wohl erst jetzt ein, dass Ronnie mal schlafen gehen könnte. „Micha, ich bringe Ronnie ins Bett und dann sollten wir nochmal reden.“ sagte Sigrid. Sie hielt Ronnie wie einen Schutzschild vor sich. „Nein, nein“ ließ sich Bernd vom Sofa aus vernehmen. „Das mache ich. Redet ihr mal besser gleich.“ Er stand auf, nahm Sigrid Ronnie ab, küsste die Kleine und hob sie mit einem Schwung auf seine Schultern. Ronnie jauchzte und lachte nicht, wie sonst, sondern guckte Micha mit großen Augen an, als spürte sie, dass irgendetwas im Busche war. „Micha“ quengelte sie. „Ich komm gleich noch und les dir was vor, Ronja-Schatz.“ sagte Sigrid. Bernd stapfte mit der Kleinen aus dem Zimmer.

Sigrid setzte sich wieder auf Sofa und bedeutete Micha, sich ebenfalls zu setzen. „Uns ist das egal, mit wem du zusammen bist, Micha.“ fing sie an. „So lange du glücklich bist. Wir zweifeln nicht daran, dass Mehmet ein netter Kerl ist, nur …“ Sigrid zögerte. „Was nur?“ lag Micha auf der Zunge, aber sie verkniff es sich. Sie wollte nicht schon wieder Streit provozieren. „Zunächst einmal, was weiß Mehmet von Leyla?“ fragte Sigrid. „Nichts.“ antwortete Micha widerstrebend „Er hat sie nur einmal hier gesehen.“ Sigrid guckte skeptisch. „Aha, aber er weiß genau, dass sie lesbisch ist.“ sagte sie etwas pampig und guckte Micha streng an. Micha verdrehte die Augen. „Hör mal, Leyla und Mehmet können hier nicht beide zur gleichen Zeit sein. Wir müssen die beiden irgendwie auseinander halten. Auch, weil das für Leyla gefährlich werden könnte.“ fuhr Sigrid fort. „Vielleicht ist Herr Yildirim ja gar kein Grauer Wolf*.“ sagte Micha gedehnt. „Ja, vielleicht ist er aber auch schon einer und die haben wirklich was gegen Kurden und gegen linke Türken. Glaub mir, das war damals schon in Berlin ein Problem, als wir noch in Kreuzberg gewohnt haben.“ Sigrid machte eine Pause und presste die Lippen zusammen. „Außerdem will ich nicht, dass du Mehmet alles über uns erzählst. Ich weiß, das ist scheiße, aber er ist DEIN Freund. Ich habe keine Lust, mein ganzes Leben umzustellen, nur weil der Freund meiner Tochter leider keine Linken mag und AUßERDEM …“ Sigrid klang jetzt scharf „… will ich nicht, dass du mich damit erpresst, dass er Ausländer ist. Du weißt ganz genau, dass ich nichts gegen Ausländer habe, aber deshalb muss man nicht gleich jedem konservativen Blödmann in den Arsch kriechen, nur weil der zufällig ’nen Migrationshintergrund hat. Ich weiß noch gut aus Kreuzberg, wie viele Türkinnen diese Denke satt hatten, dass eine Frau ins Haus gehört und möglichst ein Kind nach dem anderen in die Welt setzen sollte und dass es ’ne Lesbe ist, wenn sie die Haare kurz trägt. DAS ist nämlich genau das, was auch Opa Rolf denkt. Ich lass dir deine Meinung. Es ist dein Leben. Du kannst es als verhuschtes Hausmütterchen führen oder als Topmanagerin, als Frontfrau für die CDU oder meinetwegen auch an der Seite eines Grauen Wolfs. Das ist alles ganz allein deine Sache. Aber mich hältst du da raus! Und Ronja und Bernd auch!“ Sigrid hatte die letzten Sätze fast gebrüllt.

Micha guckte betreten. Mehmet war kein Blödmann. Sie hätte Sigrid lieber auf ihrer Seite gehabt. Warum war das immer nur bei anderen so, dass Mütter sich für ihre Tochter freuten, wenn sie die Liebe ihres Lebens gefunden hatte und es noch dazu ein absolut anständiger Kerl war. Es gab doch auch ganz andere: Typen, die sich nur mit einem Mädchen vergnügen wollten und hinter ihrem Rücken dann überall verbreiteten, sie sei voll die Matratze und jeder könne mal ran. Oder Jungs, die Drogen nahmen oder jedes Wochenende Komasaufen machten. Was wollte Sigrid eigentlich? „Ja, ist gut.“ sagte Micha leise. Sigrid guckte böse. Micha hörte Bernd die Treppe herunterkommen. „Ich muss jetzt hoch zu Ronja“ sagte Sigrid.

Micha blieb auf dem Sofa sitzen. Bernd setzte sich neben sie. Micha ahnte, dass sie sich jetzt auf eine weitere Predigt gefasst machen konnte. „Hör mal Micha.“ fing Bernd an „Ich komme ja aus der Tschechoslowakei, das heißt, als ich dort geboren wurde, war es ein deutsches Protektorat. Und wir gehörten der deutschen Minderheit an. Ich weiß, wie schwierig das Zusammenleben verschiedener Ethnien, verschiedener Kulturen sein kann. Die Deutschen haben furchtbare Sachen in der Tschechei gemacht und dafür schäme ich mich, auch wenn ich selbst damals noch ein kleiner Junge war und nichts dafür konnte …“ Bernd machte eine Pause. „Sigrid und ich, wir finden das gut, dass du offen auf fremde Kulturen zugehst und wir unterstützen dich bei allem, was du tust, aber …“ Bernd zögerte. „… aber Sigrid macht sich Sorgen. Du wirfst ihr Ausländerfeindlichkeit vor, weil wir ein anderes Weltbild als Mehmet haben. Dabei ist es Sigrid, die sich für MigrantInnen stark macht und sie und Leyla arbeiten wirklich hart dafür …“

Micha tippte genervt mit dem Fuß auf den Boden. „Ja, nur finde ich das bei Sigrid ein bisschen zweischneidig …“ Sie wollte Bernd jetzt auch mal die Meinung geigen. „Ihr seid nett zu Ausländern, weil ihr Schiss habt, dass man euch sonst für Nazis hält, aber nur so lange sie unterwürfig und dumm sind und hier die Drecksarbeit machen oder klauen und mit Drogen dealen. Das sagt auch Mehmet. Wenn eine Türkin Kopftuch trägt, wollt ihr sie erziehen, wie ein kleines Kind, damit sie sich emanzipiert, aber keiner von euch hat mal darüber nachgedacht, ob die Frauen das vielleicht freiwillig machen, weil sie es richtig so finden und sich gar nicht unterdrückt fühlen. Und wenn Migranten mal keinen Ärger machen und sich anpassen und Erfolg haben, dann ist es euch auch wieder nicht recht. Das ist doch verlogen!“

Bernd dachte einen Moment nach. Dann sagte er „Ich finde das nicht schlimm, dass wir uns für die Nazi-Verbrechen unserer Eltern irgendwie schuldig fühlen und es selbst anders machen wollen. Ich finde es sogar absolut richtig. Und Sigrid will bestimmt keine Frau erziehen, wie du es nennst, damit sie ihr Kopftuch ablegt. Ihr ist nur nicht wohl bei dem Gedanken, dass du vielleicht eines Tages eines tragen könntest …“ Micha schnappte. „Genau das meinte ich. Das sind doch Vorurteile! Mehmet hat nie, nie von mir verlangt, dass ich Kopftuch tragen soll. Seine Schwester und seine Mutter tragen auch keins. Seine Schwester arbeitet. Die ist total tough. Das ist doch genau das, womit Sigrid immer allen in den Ohren liegt, dass Frauen sich nicht von Männern abhängig machen sollen und ihr eigenes Geld verdienen sollen undsoweiter blabla“ sagte sie.

„Na ja“ Bernd zögerte einen Moment „Sigrid findet, dass du dich schon ganz schön verändert hast. Du sagst Dinge … zum Beispiel, dass du ihr und Leyla eine Affaire angedichtet hast, nur weil Leyla kurze Haare hat und keinen Ehering trägt …“ „Das habe ich nicht so gemeint.“ fiel Micha ihm ins Wort. „Das ist aber das Denken der Generation unserer Eltern, all das, was wir nie wollten!“ sagte Bernd. „Ich kann dich beruhigen, ich habe nicht den Eindruck, dass Sigrid etwas mit Frauen anfangen kann und wir sind außerdem der Meinung, dass dich diese Dinge gar nichts angehen, Mehmet erst recht nicht. Wir fragen euch ja auch nicht nach Details …“ Bernd klang jetzt ein wenig wütend „Das ist unverschämt und es ist sexistisch. Ein solches Denken will ich nicht in meinem Haus!“ stellte er klar „Und was Leyla betrifft – wir mögen Leyla, Sigrid und ich, und wir halten zu ihr. Uns ist das vollkommen gleich, ob sie auf Frauen steht oder auf Männer oder beides, ob sie einen Freund hat oder keinen hat, ob sie keinen haben will oder gerade niemand da ist, der sie interessiert. Vielleicht gibt es ja auch jemanden in der Türkei und Leyla will nichts davon erzählen, weil sie Angst um ihn hat. Du machst dir das gar nicht klar, da bist du vollkommen unsensibel, wie die Kurden in der Türkei leben, dass da Krieg ist in den kurdischen Gebieten.“

Micha schluckte. Mehmet wollte im Herbst seinen Militärdienst in der Türkei ableisten. Er hatte Angst, dass sie ihn nach Diyabakir, in die kurdischen Gebiete schicken würden. Da wütete die PKK** und Öcalan** war schließlich für seine Brutalität bekannt. Mehmet hoffte, dass einer seiner Onkel, der beim Militär war, ein gutes Wort für ihn einlegen würde … Micha hatte aber das Gefühl, dass sie Bernd lieber nichts davon erzählen sollte. Der war nämlich auch ganz schön unsensibel für die Probleme, die ihr Freund hatte. „Ich helfe Mehmet trotzdem weiter mit Mathe, Chemie und Physik, Micha.“ Bernd versuchte, versöhnlich zu klingen „Wir lassen dich nicht hängen. Wir lassen uns aber auch nicht auf der Nase herumtanzen. Wir sind nicht in allem deiner Meinung und wir erwarten von dir, dass du das respektierst.“ Bernd stand auf. „Ich gehe Bier holen für mich und Sigrid. Willst du auch eins?“ fragte er. Micha nickte stumm.

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 43.

*Graue Wölfe: türkische Faschisten.

**Abdullah Öcalan: (geb. 1949) Mitbegründer und ehemals Führer der 1978 gegründeten PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, einer sozialistischen Partei, die sich für die Unabhängigkeit der Kurden einsetzt und v. a. militärisch im Untergrund agiert, gilt in Deutschland als terroristische Vereinigung, d. h. wer ihr angehört oder sich öffentlich für sie stark macht und in Deutschland lebt, kann dafür wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung oder zumindest deren Unterstützung nach §129a belangt werden.

Nach einem Militärputsch in der Türkei 1980 kam es zu Repressionen gegen die kurdische Minderheit, woraufhin sich in den kurdischen Gebieten ein blutiger Kampf zwischen der PKK und der türkischen Armee entspann. Die Bevölkerung litt unter beiden. 1999 wurde Abdullah Öcalan verhaftet. 2002 wurde er zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Diese und weitere Informationen auf Wikipedia – Eintrag „Arbeiterpartei Kurdistans“ und Eintrag „Abdullah Öcalan“.

Tja, das mit dem Kopftuch ist schon so eine Sache. Mittlerweile gilt es als neues „Selbstbewusstsein“ muslimischer Migrantinnen, Kopftuch zu tragen. In dem Fall dient das Kopftuch also eher als sichtbare Markierung von Andersartigkeit und bewusste Abgrenzung gegenüber der „Mehrheitsgesellschaft“. Dem entgegen stehen junge Frauen aus kosnervativen muslimischen Einwandererfamilien, die erhebliche Schwierigkeiten haben, z. B. einen Ausbildungsplatz zu finden, weil sie Kopftuch tragen – aus freien Stücken, aus religiöser Überzeugung oder weil es ihre Familie so von ihnen verlangt. Dennoch ist und bleibt das Kopftuch ein Symbol für ein sehr konservatives Weltbild, das Frauen einen klaren Platz in der Gesellschaft zuweist, das „Sigrid“ oben beschreibt – auch wenn sie es natürlich aus der Sicht einer Deutschen tut. Man kann sich natürlich fragen, ob das fair ist, denn man legt konservativen oder sogar rechten deutschen Frauen ja auch beruflich keine Steine in den Weg, obwohl diese aus Milieus stammen, in denen ein Frauenbild vertreten wird, das in einigen Fällen so weit nicht entfernt ist von dem muslimischer Einwanderer. Für mich persönlich ist es jedenfalls ein Unterschied, ob man liberal ist und anderen ihren Lebensstil zugesteht, sofern er keine negativen Folgen für andere Menschen hat, oder ob man aus „Respekt“ vor der „Andersartigkeit“ von MigrantInnen (hinter denen heutzutage dann z.T. auch konservative Deutsche stehen), konservative, auch frauenfeindliche Einstellungen gut heißen oder sogar loben muss. Toleranz also ja, Zustimmung nein. Beim Stöbern im Internet zu der Situtuation von MigrantInnen in West-Berlin in den späten 1970er und in den 1980er Jahren las ich dann auch verschiedentlich, dass sich damals gar nicht mal so wenige Türkinnen feministisch engagierten, was zu der Zeit eben auch bedeutete, gegen das Kopftuch zu sein und hier und da ähnlich radikal war wie der Feminismus in Italien.

„Micha“ dagegen vertritt eher Positionen, wie sie auch im heutigen Feminismus propagiert werden, der – angelehnt an die Theorien Judith Butlers – fordert, die „Verschiedenheit“ von Menschen positiv herauszustreichen und u. a. kultureller Differenz den Vorzug vor „Gleichmacherei“ und der „Verwestlichung“ „nicht-weißer“ Frauen zu geben. Aus eigener Erfahrung weiß ich leider auch, dass dieser Feminismus in sexuellen Fragen sehr zudringlich sein kann und frau mitunter auch dann öffentlich als „Lesbe“ und „männerhassende Emanze“ geoutet werden kann, wenn sie in einer Beziehung zu einem Mann lebt. Keine dieser postmodernen, zeitgenössischen Feministinnen ist offenbar auf die Idee gekommen, dass Frauen eigentlich nicht dazu genötigt werden wollen, sich darüber Gedanken zu machen, ob sie einer klischeehaften, konservativen Weiblichkeit genügend entsprechend (lange Haare, femininer Stil, mit Mitte 20 unter der Haube (ironischerweise hat „Sigrid“ in der Internetstory das sogar geschafft, wenn auch nur temporär), …), dass es unterschiedliche Haltungen zum Thema Männer gibt, die auch situationsbedingt variieren können (Man bzw. frau mag vielleicht einen bestimmten Männertyp oder bestimmte, als demütigend wahrgenommene Verhaltensweisen nicht, kann mit anderen aber durchaus etwas anfangen – die Männer in „Terror!“ sind z. B. bewusst (fast) alle mit positiven und negativen Eigenschaften ausgestattet, als „normal“ also, keine „Traumtypen“, sondern mal so, mal so, wie die meisten Frauen eben auch …) und dass auch nicht jede Frau öffentlich als „Lesbe“ vorgeführt werden möchte – unabhängig davon, ob sie vielleicht tatsächlich etwas mit Frauen anfangen kann oder nicht oder doch zumindest stark danach aussieht, sodass man doch meinen könnte, dass sicher etwas dran ist. Das gehört u. a. auch zu dem, was man so als „sexuelles Selbstbestimmungsrecht“ bezeichnet …

Dennoch muss man sich meiner Erfahrung nach tatsächlich darauf gefasst machen, als „homophob“ beschimpft zu werden, wenn man bzw. frau sich nicht darüber freut, von anderen in bestimmte Rollen („Lesbe“, „männerhassende Emanze“, …) gedrängt zu werden. Vorwürfe wie „Transphobie“ und „Frauenfeindlichkeit“ können einen treffen, wenn man anderen Frauen nicht die vermeintlich „männliche Rolle“ (als „Transgender“ oder „Dykes“) zugesteht und sich dagegen wehrt, öffentlich vorgeführt und lächerlich gemacht zu werden und sich auch sexuelle Übergriffe von Seiten anderer Frauen nicht gefallen lassen will. Das ist allerdings eher schon die Generation „Ronja“ und damit eine Sache des 21. Jahrhunderts. In den 1990ern spielte es noch keine Rolle. Es gab „Drag Queens“ und Transvestiten, aber keine „Transmänner“, wie sie heutzutage v. a. die feministische Szene und den Kunst- und Kulturbereich bevölkern (interessanterweise nicht so sehr die klassisch „männlichen“ Domänen). Ich persönlich empfinde diese Frauen („Männer“, „Dykes“, „Transgender“), auch wegen ihrer Zudringlichkeit und weil sie einen nicht in Ruhe lassen können, als sehr störend und vielfach einfach nur unverschämt. Zudem ist es lästig, wenn alles immerzu sexualisiert wird, oftmals in der Manier von 13jährigen, nur dass es Erwachsene sind, die offensichtlich kein anderes Thema haben. Es ist jeder selbst überlassen, ob sie sich dafür begeistert, in der Öffentlichkeit über die Form von Geschlechtsorganen zu debattieren, über Schambehaarung ja oder nein, ob sie weiblichen Pornostars nacheifert oder Kinder-Küche-Kirche für das einzig wahre Lebensziel einer Frau hält – meistens ist ja sogar beides der Fall, weil es ganz gut zusammengeht, so als klassisch-konservatives Frauenideal -, nur muss akzeptiert werden, dass andere nicht von einer solchen Geisteshaltung vereinnahmt werden wollen, die eben, wie gesagt, durch die Hintertür mit Prüderie und altbackenen Frauenbildern einhergeht. Das sehe ich ähnlich wie die Sache mit dem Kopftuch – leben und leben lassen. Toleranz ja, Zustimmung nein. Man muss die Möglichkeit haben, sich davon abzugrenzen und es liegt nahe, dass hier sehr konservative Weltbilder, wie sie hier in der Geschichte u. a. „Mehmet“ vertritt, als „Feminismus“ verkauft werden sollen. Tatsächlich sind mittlerweile viele Protagonistinnen des Queerfeminismus von Haus aus konservativ, etwa Diana Kinnert und Jenna Behrends (beide: CDU, Konrad-Adenauer-Stiftung). Andere prominente queere Frauen, z. B. Alice Weidel, stehen sogar explizit noch rechts von der CDU und auch das queerfeministische Online-Magazin Edition F gab z. B. Tipps, wie sich junge Frauen von heute nach dem Vorbild von Angela Merkel stylen könnten, obgleich die Macherinnen von Edition F sich selbst öffentlich mehrfach als klar „links“ verortet haben.

Diese Dinge können in „Terror!“ nicht verhandelt werden. Auch will ich mit der Geschichte niemanden auf meine eigene Haltung zu den Dingen einschwören, sondern vielmehr unterschiedliche Ansichten (für die es oftmals ja durchaus gute Gründe gibt) zur Disposition stellen. Alle Personen und ihre Handlungen sind zudem allein meiner Fantasie entsprungen (Yep, da könnt ihr lange suchen!). Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil 41)

Alle Folgen von Terror finden sich unter #TerrorTheStory. Eine Übersicht dessen, was bislang passiert ist, gibt’s hier.

Enrico, irgendwo zwischen Florenz & Bologna, 04. Juni 1990, ca. 22 Uhr

Enrico hatte das Haus per Zufall gesehen. Es war alt und sollte vermutlich abgerissen werden. Zumindest fehlte die Vorderfront. Wo einmal Fenster gewesen waren, gähnten rechteckige Öffnungen. Durch eine war Enrico geklettert. Jetzt saß er in einem der hohen, düsteren Räume, vor sich eine flackernde Kerze. Er brach sich von einem Laib Brot kleine Stücke ab und aß. Die Plastiktüte mit dem Logo des Supermarktes, wo er alles gekauft hatte, raschelte. Das Brot schmeckte fad, aber Enrico war hungrig. Er fröstelte, trotz der warmen Juninacht.

Cristina war tot. Schon seit zehn Jahren. Mario hatte es ihm erzählt. Enrico war in das Haus in Fiesole eingebrochen. Er hatte gesehen, dass schon lange niemand mehr dagewesen war. Enrico war in Cristinas Zimmer gegangen und hatte erst einmal ein Fenster öffnen müssen. So stickig war es darin gewesen. Auf dem Schminktisch hatte ein geöffneter Lippenstift gelegen, der ganz vertrocknet gewesen war. Enrico versuchte, sich zu erinnern. Es war doch erst gestern gewesen. Er rief sich die Bilder ins Gesicht, versuchte, alles noch einmal zu durchleben.

Alles war mit dickem Staub überzogen, der in dicken Flocken zerstob, als Enrico den Lippenstift berührte. Vom Spiegel herab hingen Spinnenweben. Einer Intuition folgend zog Enrico die Schubladen des Schminktisches auf, eine nach der anderen. In einer befand sich ein vergilbtes Dokument. Enrico zog es heraus und las: Es war der Plan für zwei Bombenattentate in Deutschland, ein Volksfest in Hamburg und die U-Bahn in West-Berlin sollten die Ziele sein.

Enrico kramte ein paar Geographiekenntnisse aus seinem Gedächtnis hervor. Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei Länder aufgeteilt worden: im Osten das sozialistische Deutschland, im Westen ein amerikahöriger Marionettenstaat, ähnlich wie Italien. Er fragte sich, ob sie dort auch ein Problem mit dem Neofaschismus hatten. Irgendjemand hatte ihm mal erzählt, dass die Nazis in der Bundesrepublik mittlerweile geläutert und in der christlich-demokratischen Zentrumspartei organisiert waren, dass sie aber nach wie vor überall die Fäden in der Hand hielten. Das war sogar noch verlogener als in Italien. Berlin, die alte Hauptstadt und einst das Sündenbabel Europas, war nun Hauptstadt der Demokratischen Republik, ein Teil, eben West-Berlin, gehörte aber trotzdem zur Bundesrepublik. Dort waren die Linken sehr stark, wie Enrico wusste. Nanni hatte einen deutschen Freund gehabt, der aus West-Berlin kam.

Enrico bemerkte, wie die Gedanken in seinem Gehirn durcheinandergerieten. Das Dokument, das er in Cristinas Schminktisch gefunden hatte, war aus dem Deutschen ins Italienische übersetzt worden. Ein Deutscher musste das Original verfasst haben. Die Anschläge waren für den Herbst 1980 geplant. Ein Bekennerschreiben, in dem sich die Rote Armee Fraktion zu den Anschlägen bekannte, sollte an die Medien geschickt werden. Die Rote Armee Fraktion war in der Bundesrepublik, was die Roten Brigaden in Italien waren – Linke, die versuchten, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Es war aber klar, dass der Verfasser des Dokumentes kein Linker war. Enrico dachte an das Attentat auf der Piazza Fontana in Mailand und die vielen anderen Widerlichkeiten, die man seit Jahrzehnten versuchte, den Linken anzulasten, obwohl eigentlich Rechte dahintersteckten. 1980, dachte Enrico verzweifelt. Er war zehn Jahre zu spät dran. Doch was hatte Cristina damit zu tun?

Enrico hatte das Dokument in seinen Rucksack gesteckt und sich dann daran gemacht, zu tun, was er ohnehin vorehabt hatte. Er war in den Salon gegangen und hatte das Bücherregal beiseitegschoben. Durch den Nebel in seinem Gehirn, in den seine Erinnerungen getaucht waren, hatte Enrico versucht, sich die Zahlenreihe ins Gedächtnis zu rufen. 5, 8, … und dann? Mutlos hatte er sich in den Ledersessel fallen lassen, der mit Staub und Schmutz überzogen gewesen war. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und nachgedacht. 5, 8, 3, 7, 1, 0, nein, 1, 2, 0. Papà wusste nicht, dass Enrico den Code für den Safe kannte. Er hatte ihn im Frühling 1980 auswendig gelernt, eigentlich, weil er Geld für Drogen gebraucht hatte, aber auch, um sein Gehirn in seinen einsamsten, dunkelsten Stunden zu füttern. 5, 8, 3, 7, 1, 2, 0. Die Tür zum Safe sprang auf und Enrico zog ein paar Bündel Banknoten heraus. Zu seiner Überraschung waren es nicht nur italienische Lire*, sondern auch Deutsche Mark. Er stopfte alles in seinen Rucksack, schloss den Safe und rückte das Bücherregal wieder an seinen Platz. Dann schaltete er das Licht aus und ging. Enrico wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.

Er fuhr mit dem Bus nach Rifredi**, zu der ehemaligen Autowerkstatt, in der sich Ende der 70er Jahre eine linke Kneipe befunden hatte, in der auch Leute verkehrten, die Kontakte zu den Roten Brigaden hatten*. Die Malatesta** gab es immer noch. Sie hieß aber jetzt „Circolo Anarchico Autogestito Malatesta“**. Enrico hatte dort Mario getroffen. Er war sichtlich gealtert, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten, trug die krausen Haare immer noch lang, aber sie waren jetzt von vielen grauen Strähnen durchzogen. Auch Marios Gesichtsfarbe war grau. Er wirkte abgekämpft, war nicht mehr der lockere, selbstsichere junge Mann, der auf jeden offen und einladend zugegangen war. Mario hatte Serena geheiratet, mit der er damals zusammen gewesen war. Sie hatten zwei Kinder, keine Arbeit und wohnten auf dem Land, in einem kleinen Häuschen, das sie instandbesetzt hatten*.

Mario hatte ihm das von Cristina erzählt. Es hatte im August 1980 eine Schießerei auf der Piazza della Repubblica gegeben, irgendwie war ein deutscher Nato-General involviert, den eine deutsche Terroristin mit italienischen und argentinischen Wurzeln erschossen hatte. Cristina hatte ebenfalls eine Waffe bei sich gehabt, mit der sie sich dann per Kopfschuss selbst getötet hatte. In Enricos Kopf rumorte es. Das klang alles so konstruiert, dass es nicht wahr sein konnte. Auch Mario hatte erhebliche Zweifel an der offiziellen Version gehabt. Enrico grübelte: Die geplanten Anschläge in Hamburg und West-Berlin, Cristina und der Nato-General, die Terroristin aus Deutschland, Nanni und sein deutscher Freund … Irgendwo musste es da einen Zusammenhang geben. Mario wusste nicht, wo Nanni war. Er war am Tag der Schießerei auf der Piazza della Repubblica verschwunden und seitdem nicht mehr gesehen worden.

Enrico starrte in die Flamme der Kerze, die jetzt zur Hälfte abgebrannt war. Seinem Ausweis zufolge war er vor ein paar Tagen 35 Jahre alt geworden. In Italien hatte er keine Zukunft mehr. Er beschloss, ein paar Stunden zu schlafen. Morgen würde er weitersehen.

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 42.

*Lire: frühere italienische Währung, bis Sommer 2002 imUmlauf. Wie in Deutschland wurde in Italien im Januar 2002 der Euro eingeführt.

**Errico Malatesta (1853 – 1932): italienischer Anarchist. Die Kneipe in Rifredi, einem ärmeren Stadtteil von Florenz, ist jedoch frei erfunden.

In vielen italienischen Großstädten, v. a. im Norden und in Zentralitalien, sind die Mieten im Vergleich zum Realeinkommen der Leute sehr hoch. Viele Italiener besitzen eigene Häuser und sind weniger mobil als Deutsche. Wer allerdings aus beruflichen Gründen oder zum Studium in eine andere Stadt ziehen muss oder auch nur von zu Hause fortziehen will, muss oft, was das Wohnen betrifft, Zugeständnisse machen. Viele Studierende leben in WGs. Es ist außerdem üblich, dass sich junge Leute gleichen Geschlechts zu zweit oder zu dritt ein Zimmer teilen. Prekär lebende Familien haben es auf dem Wohnungsmarkt oft besonders schwer. Leer stehende Häuser werden deshalb nicht nur von Linken besetzt, sondern auch von ganz normalen Familien mit geringem Einkommen, obwohl „Mario“ und „Serena“ hier in der Geschichte schon links sind. Sie könnten aber genauso gut auch vollkommen unpolitisch sein und einfach ein Dach über dem Kopf gesucht haben.

Alle Personen und ihre Handlungen hier in der Geschichte sind meiner Fantasie entsprungen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil 40)

Wer den Einstieg verpasst hat – eine Zusammenfassung dessen, was sich bislang ereignet hat, findet sich hier. Alle Folgen der Internetserie „Terror!“ gibt es außerdem auf #TerrorTheStory.

Content Warning: Enthält mögliche Trigger & Aussagen, die als Microagressions gegen Minderheiten gedeutet werden könnten. Inhalt nicht für Kinder, hochsensible und queere Menschen geeignet. Nur bedingt geeignet für Jugendliche unter 18 Jahren.

Enrico, Fiesole bei Florenz, 03. Juni 1990, ca. 23 Uhr

Enrico hatte alles besorgt, was er brauchte. Die Straße war menschenleer. Wenn doch ein Passant vorbei gekommen wäre, hätte er eine dunkle Gestalt gesehen, die vor dem Eingangstor einer Villa stand, die von hohen, helle getünchten Mauern umgeben war. Enrico schob den Dietrich in das Schloss. Er hätte auch versuchen können, über das schmiedeeiserne Tor zu klettern, aber das endete oben in scharfen Spitzen, um Einbrecher abzuhalten und außerdem konnte Enrico nicht riskieren, dass der Alarm ausgelöst wurde. Es war ihm unangenehm, in sein eigenes Haus einzubrechen. Papà wusste nicht, wo er war. Vermutlich wähnte er ihn immer noch in der psychiatrischen Klinik, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis er herausfand, dass man Enrico entlassen hatte.

Sein Instinkt sagte Enrico, dass ihm nur dieses kleine Zeitfenster blieb. Denn Enrico war nicht dumm. Zwar war seine Erinnerung immer noch nicht vollständig zurückgekehrt und er stand auch nach wie vor ein wenig neben sich – er nahm sein eigenes Erleben gedämpft war, wie ein neutraler Beobachter, der sich nicht für alles im Detail interessierte und keine Gefühle zu dem hatte, was geschah -, aber Enrico wusste zum Beispiel, dass überall, wo Vincenzo Nicosia und seine Freunde Verbindungen hin hatten, auch Drogen frei verfügbar waren. Mehr noch, er wusste sogar, dass Papàs Schergen Kontakte zu den Linken hatten. Nicht so sehr zu denen an der Uni, in Stadtteilläden oder selbst verwalteten Sozialzentren. Auch nicht zu den Kommunisten, die Papà von je her ein Dorn im Auge gewesen waren. Aber zu denen, die Dinge brauchten, die Papà und seine Freunde ihnen liefern konnten. Dabei war Papà selbst rechts. Seine Schwester Cristina hatte es nicht glauben wollen, aber Enrico hatte auch das gewusst.

Er hatte ein Gespräch belauscht, dass Papà mit zwei Unbekannten geführt hatte, in Rom, in ihrem Stadthaus in Trastevere*. Wann war das gewesen? Ein paar Monate, bevor er sich um ein Haar einen goldenen Schuss gesetzt hätte und seine Odyssee durch die verschiedenen Sanatorien und Heilanstalten Italiens begonnen hatte. Also etwa im Frühling 1980. Enrico war damals noch Student in Florenz gewesen und Papà hatte nicht gewusst, dass er an dem Tag nach Rom gefahren war, weil er dort am Abend Freunde hatte treffen wollen. Seine Freunde hatten eine Mordswut auf Menschen wie Papà und Enrico verstand das. Er hatte die gleichen Gefühle, war vielleicht sogar noch viel wütender, weil es ihn noch viel persönlicher betraf. Enrico hatte sich aus dem Haus schleichen wollen. Er hatte den Lichtstrahl im Flur gesehen, die halb geöffnete Tür zum Salon. Er war stehen geblieben, hatte Papàs Stimme gehört und die Stimmen von zwei weiteren Männern.

Es ging um einen Anschlag, den sie planten. Es sollte viele Tote geben und die Spur würde zu den Linken führen. Papà selbst würde dafür sorgen, dass sie alles hatten, was sie brauchten. Wie immer sah er auch hier die Gelegenheit, Geld zu verdienen, hatte Enrico damals angeekelt gedacht. Jetzt, mehr als zehn Jahre später, fiel ihm auf, dass er damals gar nicht high gewesen war. Nein, er war vollkommen klar im Kopf gewesen. Er hatte, wie er sich erinnerte, nicht einmal vorgehabt, an dem Abend Drogen zu nehmen und er hatte es auch nicht getan. Oder trog ihn da seine Erinnerung? Belog er sich selbst, wie jeder Junkie? Enrico war den Flur entlang gehuscht, an dem Lichtstrahl und der halb geöffneten Tür vorbei. Er hatte die Haustür leise hinter sich zugezogen, aber ein leichtes Knarren hatte sie trotzdem von sich gegeben. Dann war Enrico auf der Straße gewesen. Es hatte sich angefühlt, wie in Freiheit.

Das Tor zu der Villa in Fiesole gab jetzt einen quietschenden Ton von sich. Der Dietrich hakte. Enrico versuchte, das Tor aufzustemmen, zunächst erfolglos, aber nach ein paar Minuten sprang es dann plötzlich von allein auf. Der Weg war frei.

Micha, Gießen, 04. Juni 1990, ca. 18 Uhr

Micha ging ins Wohnzimmer. Sie hatte keine Lust, Sigrid in der Küche zu helfen. Immerhin hatte sie gerade schon das Bad geputzt und das war ja wohl genug für heute. Bernd würde Ronja bei Frau Eilert abholen, wenn er aus der Praxis kam. Micha musste nach dem Abendessen noch lernen. Jetzt wollte sie auf dem Sofa relaxen und irgendeinen Scheiß im Fernsehen angucken, „21 Jump Street“** oder so. Wenn’s sein musste, auch die Mainzelmännchen**. Micha wollte einfach abschalten.

„Sag mal Micha …“ rief Sigrid aus der Küche. Micha blieb stehen. „Deine Klamotten stanken am Samstag ganz schön nach Dope …“ Micha erstarrte. Sie hatte nicht gewusst, dass man das riechen konnte. „… einmal ausprobiert. Ulli hatte was da. Aus Frankfurt …“ murmelte sie betreten. „Das macht dich total matsch in der Birne.“ sagte Sigrid „Lass das so kurz vor dem Abi, okay?“ Micha nickte gleichgültig. Mit Drogen hatte sie eigentlich nichts am Hut. „Ich meine das ernst. Das geht aufs Gehirn, gerade bei Jugendlichen.“ Offenbar wollte Sigrid Micha in ein Gespräch ziehen, nur dass Micha wirklich keine Lust hatte. „Aber worüber ich eigentlich mit dir reden wollte …“ fuhr Sigrid fort. „Mehmet, also Bernd und ich, wir mögen ihn, nur …“ Mit einem Schlag war Micha hellwach. „Was ist mit Mehmet?“ fragte sie scharf. „Leyla hat gesagt, dass Herr Yildirim ein Grauer Wolf ist.“ antwortete Sigrid „Graue Wölfe, das sind die türkischen Faschisten. Micha, das ist mir ne Spur zu hart!“ Herr Yildirim, der Vater von Michas Freund Mehmet hatte ein gut gehendes Exportgeschäft und engagierte sich in der CDU. Das war doch wohl nicht verboten. „Ja, weil Leyla Kurdin ist und sowieso keine Türken leiden kann. Deshalb sagt sie sowas. Das ist doch Quatsch!“ pampte Micha. Leyla Peri arbeitete mit Sigrid an einem Projekt zur Migrationsforschung an der Uni. Die zierliche Frau mit den rapselkurzen, pechschwarzen Haaren, dem bleichen, sommersprossigen Teint und dem durchdringenden Blick war deshalb öfters bei ihnen, auch weil Sigrid dann nebenher ein Auge auf Ronja haben konnte.

Sigrid schwieg einen Moment. Dann sagte sie „Außerdem, du weißt vielleicht nicht, was er von dir erwartet. Das ist eben doch eine andere Kultur, das Verständnis von der Frauenrolle …“ Jetzt wurde Micha richtig wütend. Das ließ sie sich von Sigrid nicht bieten. „Klar, Merry zum Beispiel ist ja auch sooo unterdrückt.“ höhnte sie. Meryem war Mehmets ältere Schwester. Sie hatte eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau gemacht und verdiente jetzt gutes Geld. Merry war total in Ordnung – warmherzig, witzig und großzügig wie ihr Bruder, nur sehr viel geschwätziger als der eher ruhige, bedächtige Mehmet. Außerdem legte Merry Wert auf Äußerlichkeiten. Sie kleidete sich gern modisch, kein Kopftuch oder so, eine toughe, junge Frau, die selbstbewusst und selbstständig ihren Weg ging. Nie hatte Merry Micha spüren lassen, dass sie irgendwie eine Fremde für sie wäre oder dass sie sie als Deutsche etwa ablehnte. Micha hatte sich immer willkommen gefühlt bei den Yildirims. Merry selbst war ja auch mit einem Deutschen zusammen – Andreas. Aber das wusste nur Mehmet. Der hatte es den Eltern vorsichtshalber nicht gesagt. Andy sei okay, hatte er nur gemeint und Micha ebenfalls zum Schweigen verdonnert. Deshalb sagte sie jetzt auch Sigrid nichts davon.

„Merry ist als Frau wahrscheinlich emanzipierter als du“ ätzte Micha. „Und außerdem – warum hängt Leyla hier eigentlich immer rum. Das ist doch ne Lesbe …“ Sigrids Gesichtszüge verhärteten sich „So denkt ER, nicht wahr?“ zischte sie. „ … weil bei dir und Bernd nichts mehr läuft und du mir das mit Mehmet nicht gönnst …“ Micha war jetzt richtig in Fahrt. Sie wollte sich das nicht alles von Sigrid kaputt machen lassen. „Du weißt genau, dass das nicht stimmt.“ erwiderte Sigrid kalt. Dann war ihr Tonfall plötzlich sehr aggressiv „Aber vielleicht liegt dir ja daran, die Gerüchteküche kräftig anzuheizen.“ fuhr sie fort. „Das hatten wir doch schon mal, als wir hierher gezogen sind. Und dann vor drei Jahren, als ich von der Uni geflogen bin und Bernd kaum noch Patienten hatte, wegen Lutz, weil alle dachten, ich würde mit nem Maschinengewehr rumlaufen und für die RAF Bomben legen. Willst du das jetzt auch für Ronja, dass die biederen Gießener Spießermuttis im Kindergarten ihren Kindern sagen, sie sollten lieber nicht mit ihr spielen, weil man bei uns ja nicht so genau weiß …“

Das war unfair. Micha hatte nichts zu niemandem gesagt und sie hatte es auch nicht vor. „Aber du bist es doch, die die Gerüchteküche anheizt – dass Herr Yildirim angeblich ein türkischer Faschist ist und Mehmets Schwester ne blöde Kopftuch-Aische, ganz egal, wie fit die ist, wie viel Erfolg die im Job hat, weil türkische Frauen doch sowieso total unterdrückt sind. Und das alles nur wegen so ’ner kleinen kurdischen Kuh. Und DU willst auch noch schlaue Bücher über Migration schreiben?! Du klingst doch schon wie Opa Rolf!“ Micha war es jetzt egal. „Raus aus meiner Küche!“ brüllte Sigrid. „Meine Küche, mein Haus, mein Auto – als ob Bernd, Ronnie und ich hier nicht wohnen würden.“ schnauzte Micha zurück. Sigrid schwieg. Dann sagte sie „Geh raus, dich abregen. Um acht gibt es Abendessen. Dann bist du zurück. Wenn du später kommst, musst du dir was aufwärmen.“ Micha zuckte mit den Schultern und warf ihr einen wütenden Blick zu. Trotzdem war sie froh, als die Haustür hinter ihr ins Schloss fiel. Sie brauchte dringend eine Kippe. Und sie musste mit jemandem reden. Aber mit wem bloß?

Gespannt, wie’s weitergeht? Demnächst hier auf Laila Phunk!

*Trastevere: historisches Viertel im Zentrum von Rom, direkt am Tiber, nicht unbedingt ein „reiche-Leute-Viertel“

**“21 Jump Street“: us-amerikanische Serie mit Johnny Depp, die Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre im deutschen Fernsehen lief, v. a. für Teenager interessant. Die Mainzelmännchen sind Zeichentrickfiguren, die im ZDF zwischen den Werbeblöcken eingeblendet wurden.

Die Familie Yildirim gibt es wahrscheinlich in Deutschland hundertfach und vermutlich sogar in Gießen – hier ist sie aber frei erfunden, ebenso wie Leyla Peri und alle anderen in der Geschichte auftretenden Personen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil 39)

Wer den Anfang verpasst hat oder irgendwo quereinsteigen will – alle Teile von „Terror!“ finden sich unter #TerrorTheStory. Eine Zusammenfassung dessen, was bisher geschah, gibt es hier.

Enrico, Autobahnring um Florenz, Italien, 01. Juni 1990, ca. 11 Uhr

Enrico blinzelte. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und strahlte mit ihrer vollen Kraft. Aber das nahm Enrico nur halb war. Mental befand er sich irgendwo zwischen Tiefschlaf und Aufwachen, nein, eher zwischen Koma und Aufwachen. Sein Kopf fühlte sich bleischwer an und seinen Gliedmaßen lagen wie festgekettet auf dem staubigen, harten Boden. Enrico spürte einzelne, verdorrte Grasbüschel, die ihn an der Wange kitzelten und einen Huckel, der ihm in die Wirbelsäule drückte. Er schwitzte. Sein Haar pappte klatschnass an seinem Kopf und sein T-Shirt war an den Achselhöhlen fast durchgeweicht. Mühsam bewegte Enrico erst das linke, dann das rechte Bein. Dann nahm er all seine Kraft zusammen, stützte den rechten Ellenbogen auf und rappelte sich mit einem energischen Ruck hoch.

Enrico schnaufte. Wie war er hier hergekommen? Verschwommen erinnerte er sich. Er hatte über zehn Jahre in Reha-Kliniken, psychiatrischen Anstalten und Sanatorien zugebracht. Er hätte nicht einmal mehr sagen können, wann er wo gewesen war. Er erinnerte sich nur an hellbeige gestrichene Wände und an Menschen, die merkwürdige Sachen sagten und machten und immer wieder versuchten, ihren Kopf an die Wand zu schlagen, weshalb viele von ihnen ein wattiertes Dings um den Kopf trugen. Zu Enrico kam regelmäßig eine Schwester und verabreichte ihm Medikamente. Sie wartete sogar, bis sie an seinem Kehlkopf sah, dass er sie geschluckt hatte. Die Medikamente hatten dafür gesorgt, dass er die Welt nur noch durch einen gedämpften Nebel wahrnahm. Zweimal war er draußen gewesen, 1984, als er in Rom weggelaufen war, und 1987, als man ihn in Mailand entlassen hatte. Jedesmal hatte er sich noch am selben Abend Drogen besorgt und war schon am nächsten Morgen wieder drin gewesen, das heißt, nein, in Mailand hatte es zwei oder drei Tage gedauert. Er hatte nach Florenz gewollt, aber dann hatten sie ihn, den Junkie, erwischt und alles war von vorn losgegangen – hellbeige gestrichene Wände, die Schwester, die ihn regelmäßig besuchen kam, um ihm seine Medikamente zu verabreichen, die irren Leute, Enrico, einer von ihnen.

Er war gestern Abend wieder rückfällig geworden. Er wusste es. Enrico kramte nach seiner Brieftasche. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass sie noch da war. Er zog seinen Ausweis raus. Er las halblaut, hätte es fast buchstabiert, um sich zu vergewissern. Da stand es schwarz auf weiß: Enrico Nicosia, geboren am 30. Mai 1955 in Rom, Nationalität: italienisch. Enrico erinnerte sich, dunkel, aber er erinnerte sich. Es war fast wie die Erzählung eines Fremden, sein Leben bis zum Sommer 1980. 1980 war das düsterste Jahr in seinem jungen Leben gewesen. Die Drogen hatten endgültig die Oberhand gewonnen und Tag und Nacht waren ineinander verschwommen. Die Zeit hatte sich aufgelöst, Enricos Leben war stehen geblieben, ein langer, ruhiger Fluss, der ihn, so war es ihm jedenfalls vorgekommen, in eine Art Unterwelt entführt hatte, wo ihm im Dämmerlicht der Sphäre der Halbtoten nur verirrte Seelen begegneten, wie er selbst eine war, keine Menschen mehr, zu denen er hätte durchdringen können.

Aber vorher hatte er studiert. Blitzartig hatte Enrico den hallenden Säulengang des alten Klostergebäudes vor Augen, in dem seine Fakultät – Literaturwissenschaften und Philosophie – untergebracht war: Junge Leute, die lachten, und auf ihre Vorlesung warteten. Cristina hatte gewollt, dass er aufhörte mit den Drogen – kein Shit mehr, kein Heroin. Das hatte er sich auch immer vorgenommen, aber irgendwann war er wieder auf einer Party gewesen oder irgendwo und jemand hatte etwas dabei gehabt und Enrico hatte sich gesagt: Nur dieses eine Mal noch. Das war 1980 gewesen. Vorher hatte er nur gekifft.

Er musste Cristina sehen. Sie hatte geheiratet. Enrico erinnerte sich vage an die Verlobung. Dann war sie wahrscheinlich in Paris. Pietro, der 1980 noch Cristinas Verlobter gewesen war, arbeitete in Paris. Er war ein richtiges Arschloch: aalglatt, einer, der für Geld über Leichen ging und Enrico hatte gewusst, dass Cristina ihn gar nicht hatte heiraten wollen. Ging es ihr gut? Hatte sie Kinder? War es ihr am Ende gelungen, die Verlobung zu lösen und jemanden zu finden, der ihre Liebe eher verdient hatte? Cristina war immer gern in dem Sommerhaus ihrer Familie in Fiesole gewesen. Wenn sie in Italien war, würde er sie am ehesten dort antreffen, überlegte Enrico. Er hätte nichts weiter zu tun, als das Tal hinabzugehen, bis er auf Häuser treffen würde, nicht die Villen, in denen reiche Ausländer und Italiener wohnten, denen es in der Stadt zu trubelig war, sondern Häuser, in denen normale Menschen lebten. Dort würde es auch eine Bushaltestelle geben ….

Micha, Gießen, Deutschland, 02. Juni 1990, ca. 10 Uhr

„… Only emptiness remains, it replaces all, all the pain … Won’t you come out and play with me? … Step by step, heart to heart, left, right, left, we all fall down like toy soldiers …“ sang Martika♦. Verschlafen langte Micha mit einer Hand zu ihrem Nachttisch und versuchte, den Radiowecker auszustellen. War es okay, sich noch einmal auf die andere Seite zu drehen? Ronja war sicherlich schon wach und Sigrid und Bernd sowieso. Micha mochte ihre kleine Schwester, aber sie hatte jetzt keine Lust, mit einer Dreijährigen herumzutoben und zu schmusen. Ronnie war ein fröhliches, lebhaftes Kind und Micha war jetzt einfach nicht nach lebhaft zu Mute. Genau genommen fühlte sie sich wie ausgekotzt. Sie war gestern einfach zu lange bei Ulrike gewesen. Ulrike war in der elften Klasse neu nach Gießen an ihre Schule gekommen. Ihr Vater war Banker in Frankfurt und am Wochenende waren ihre Eltern oft zu irgendwelchen Empfängen in Frankfurt, in der Oper oder bei irgendeiner Museums-Soirée und sie übernachteten da meistens auch. Deshalb hatte Ulrike öfters freie Bahn als alle anderen und sie trafen sich mit ihrer Mädchen-Clique gern bei ihr.

♦Diskographie: Martika: Song „Toy Soldiers“, Lyrics: Martika (Marta Marrero) & Michael Jay, Release: 1989.

Gestern hatte Ulli Haschisch da gehabt. Unbeholfen hatte sie einen Joint gedreht und sogar Katja hatte daran gezogen. Micha fasste es nicht. Ihre beste Freundin rauchte nicht einmal Zigaretten. Micha selbst rauchte auch nur gelegentlich, das heißt, jetzt, so kurz vor dem Abitur war aus gelegentlich schon täglich geworden, aber sie hatte sich fest vorgenommen, spätestens dann wieder aufzuhören, wenn sie mit dem Studium anfing. Das war doch ein neuer Lebensabschnitt und da passte es doch ganz gut. Micha hatte alles schon fest geplant. Sie wollte Jura machen, wie ihre beste Freundin Katja. Sigrid und Bernd hatten die Idee zu Michas Überraschung gut gefunden. Ansonsten ließ Sigrid ja gern durchblicken, dass sie fand, dass Micha für ihr Alter zu brav war und sich zu sehr an materiellen Dingen aufhing, aber was sie mit ihrem Leben anfangen wollte, das war schließlich Michas Sache. Sogar Sigrid sah das ein. Außerdem hatte Micha immer ihren Bio-Vater Lutz vor Augen. Lutz war ein netter Kerl, aber ganz schön verpeilt. Er lebte mit seiner Freundin Swantje, einer Künstlerin, die jetzt Jugendgruppen für die evangelische Kirche betreute, und deren Sohn Arne in Hannover. Lutz selbst war eigentlich Lehrer für Deutsch und Bio, aber er hatte in dem Bereich nichts gekriegt und in Hannover eine Weile in einem linken Buchladen gejobbt. Jetzt unterrichtete er Teilzeit an einer Berufsschule. Arne, der noch ein süßer Grundschüler gewesen war, als Micha ihn zum ersten Mal gesehen hatte, war jetzt ein pickeliger 14jähriger, der am liebsten mit seiner Nintendo-Spielekonsole spielte, ein absoluter Nerd, den man, wenn man etwas von ihm wollte, meistens zwei oder drei Mal fragen musste, bevor er sich dazu herabließ, sich irgendwie zu einer Antwort durchzuringen.

Micha wollte im Herbst erst einmal für ein Jahr als Au-Pair nach Frankreich gehen. Sie war total happy, weil sie eine Zusage für Paris gekriegt hatte. Sigrid hatte gesagt, dass sie sich schon selbst darum kümmern müsse. Das hatte Micha dann auch getan. Sie hatte Ratgeber gewälzt, Briefe an diverse Organisationen verschickt, Prospekte durchgeblättert und am Ende hatte Sigrid dann doch alles nachkontrollieren wollen, bevor sie ihr ihr Okay gab. Jetzt war alles in trockenen Tüchern und Micha freute sich – Paris, die Stadt der Liebe! Allerdings, so dachte Micha wehmütig, bedeutete das auch, dass sie ihren Freund Mehmet ein Jahr nicht sehen würde. Mehmet würde in der Zeit seinen Militärdienst in der Türkei absolvieren. Danach wollte er Zahnmedizin studieren. Bernd, Michas sozialer Vater, den Sigrid vor fünf Jahren geheiratet hatte, war Zahnarzt und er half Mehmet, der eigentlich kein großes As in Mathe und Naturwissenschaften war, öfters mit den Hausaufgaben, wenn Mehmet bei ihnen war.

Mehmet war in der zehnten Klasse auf ihre Schule gekommen und zunächst in die Parallelklasse gegangen. Er war einfach der süßeste, aufmerksamste, warmherzigste und sanfteste Typ der ganzen Schule, was ihm viele Leute allerdings zunächst nicht zutrauten, denn nach außen hin gab er oft den coolen Macker. Aber Micha wusste es besser – harte Schale, weicher Kern. Wie Bernd half Mehmet anderen Leuten gern, ohne sie spüren zu lassen, dass er ihnen einen Dienst erwiesen hatte. Er war großzügig und geradlinig und bereit, hart zu arbeiten, um seine Ziele zu erreichen. Mal ganz abgesehen davon, dass er einfach auch verdammt gut aussah. Aber Micha wollte nicht oberflächlich wirken.

Micha und Katja wollten eine Uni suchen, an der man auch Zahnmedizin studieren konnte. Wenn Mehmet den NC nicht schaffte, was leider jetzt schon abzusehen war, dann würde er eben zuerst eine Ausbildung zum Zahntechniker machen. Spätestens wenn er das Physikum gepackt hatte, hatte er gesagt, würden sie heiraten. Dann wäre es richtig ernst. Es war klar, dass Mehmet keine halben Sachen machen würde. Und er plante, genau wie Micha, langfristig.

Gestern Nachmittag, als Micha und Katja in der Stadt bummeln gewesen und dann noch in ein Café gegangen waren, hatten sie sich alles schon so richtig schön ausgemalt. Sie würden zusammen in eine coole Mädchen-WG ziehen und hatten schon gestern alles in Gedanken eingerichtet. Katja, die Verwandte in den USA hatte, wollte nach der Schule für ein Jahr dorthin gehen und in einer kirchlichen Einrichtung mit Kindern arbeiten. Ihre Eltern hatten gemeint, dass es sie reifer machen würde, wenn sie einmal über den Tellerrand blicken und sehen würde, wie gut sie es hatte und wie hart das Leben für viele andere Menschen war. Katja freute sich auch ziemlich darauf. Genau wie Micha wollte sie raus aus dem Trott von Schulbank und Büffeln, einfach mal Luft holen und was Neues sehen, neue Erfahrungen machen. Schließlich würden sie beide im Studium noch hart genug arbeiten müssen, denn nur ein guter Abschluss würde ihnen später alle Türen öffnen. „Mensch, Law School, Micha!“ hatte Katja, deren Vater Richter war, gesagt. „Das ist das, wonach sich jede Menge Amis alle zehn Finger lecken würden, aber in den USA musst du richtig Kohle haben, um Jura studieren zu können!“

Dafür gab es in den USA ein besseres Größensystem, was Damenhosen anging. Das hatte Katja auch erzählt. Katja war 1 Meter 80 groß – das größte Mädchen des Jahrgangs – und dazu noch ziemlich sportlich. Micha war mit 1 Meter 76 auch nicht gerade klein. Sie überragte Sigrid schon seit ein paar Jahren und Hosen bei H&M sahen bei ihr oft ein bisschen Hochwasser aus. Nur in Jeans rumlaufen oder sich gleich Männerhosen überziehen – dazu hatten weder Micha noch Katja Lust. Sie waren nun einmal junge Frauen, beide 19, und sie wollten chic sein. Gestern hatten sie in der Stadt auch nichts Passendes gefunden. „Ach was!“ Katja hatte Micha in die Seite geknufft „Nigga sind nun mal sowieso groß und weil die Frauen in den Staaten auch nicht wie halbe Kerle aussehen wollen, gibt’s da supersüße Sachen, auch wenn du nicht gerade klein und zierlich bist. Ich bring dir was mit, wirst sehen …“

Micha hatte sich ein Lächeln abgerungen. Katja meinte es ja gut. „Katja, ‚Nigga‘ ist doch ein Schimpfwort. Musst du das unbedingt sagen?“ war es ihr dann aber doch rausgerutscht. Sie hätte den Satz am liebsten gleich wieder zurückgenommen, aber Katja hatte gelacht „Das sagen die Schwarzen aber doch selbst. Du musst nicht immer Angst haben, etwas falsch zu machen, Micha. Damit machst du dir doch nur selbst das Leben zur Hölle.“ Katjas Mutter war Afroamerikanerin, allerdings eine ganz helle, noch heller als Lisa Bonet aus der „Cosby Show“*. Frau Lehmann könnte glatt auch als Latina oder Südeuropäerin durchgehen und Katja sah man es eigentlich gar nicht an, dass in ihren Adern schwarzes Blut floss. Sie hatte dunkelbraune, leicht gewellte Haare, dunkle Augen und einen zart gebräunten Teint, wie einige andere in ihrem Jahrgang auch. Sandra hatte sogar noch etwas dunklere Haare. Bevor Micha Katjas Mutter kennengelernt hatte, war sie sich sicher gewesen, dass Katja eine ganz normale Deutsche war. War sie nun aber weiß oder schwarz? Wenn man es gar nicht sehen konnte? „Sigrid hat gemeint, dass es Rassismus ist, wenn Weiße es sagen …“ hatte Micha etwas betreten gemurmelt. „Ja, weil deine Großeltern voll die Nazis sind und Sigrid sich dafür schämt und alles anders machen will.“ hatte Katja gesagt „Aber weißt du, so etwas kann auch etwas aufgesetzt rüberkommen. Bleib doch einfach locker ….“

Gespannt, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 40.

*Lisa Bonet: (geb. 1967) us-amerikanische Schauspielerin „of Color“, wie man heute sagen würde, spielte in der „Cosby Show“ mit. Die „Bill Cosby Show“ ist eine us-amerikanische Fernsehserie, die sich um eine kinderreiche, aber recht wohlhabende afroamerikanische Familie in New York und ihre Alltagsprobleme dreht. Die oberflächliche „feel good“-Darstellung gutbürgerlichen schwarzen Familienglücks wurde oft verhöhnt und von Bürgerrechtsaktivisten kritisiert, weil sie zu stark an der Lebensrealität vieler schwarzer Amerikaner vorbeigehe. Ende der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre lief die Serie auch in der Bundesrepublik.

Für „Katja Lehmann“ habe ich mich ein bisschen an Jennifer Beals (geb. 1963) inspiriert, wie ich hier zugeben muss. In dem Abschnitt von „Terror!“, der Mitte der 1980er Jahre spielt, wollte ich „Micha“ einen normalen westdeutschen Teenager sein lassen, der mit seiner Pubertätsakne hadert und sich für Pferde, Popmusik und Tanzfilme interessiert. Als ich googelte, welche Tanzfilme zu der Zeit gerade in den bundesdeutschen Kinos waren, stieß ich auf „Flashdance“, wo Beals die Hauptrolle spielt. In dem Wikipedia-Eintrag zu Jennifer Beals stand dann, dass sie Tochter eines afroamerikanischen Vaters sei und kürzlich in der in der queeren Szene beliebten Serie „The L-Word“ mit einer Hauptrolle ein Comeback gefeiert habe. Auch der Charakter in the L-Word soll eine Afroamerikanerin sein. ich hätte fast einen Lachkrampf gekriegt. Nicht nur, weil meiner Erfahrung nach die queeren Frauen Wert darauf legen, ihr Leben lang nur „Jungssachen“ gemacht zu haben und sicher nicht mit „Flashdance!“ in Verbindung gebracht werden wollen, sondern auch, weil ich nie im Leben darauf gekommen wäre, dass Beals irgendwie „farbig“ sein könnte. Wäre ich gefragt worden, ob sie „Caucasian“ (= „europäischer Typ, weiß“, Bezeichnung in den USA, die verwendet wird, wenn Menschen sich selbst „ethnisch“ bzw. als „Rasse“ einstufen sollen, leider nicht nur in offen rassistischen Kontexten (obwohl sich bei mir als Deutscher in solchen Fällen irgendwie schon der Magen umdreht)) oder „African American“ ist, hätte ich ohne zu zögern gesagt, klar, die ist „white“.

Im Zuge der derzeitigen Hysterie um Minderheiten (Wer darf sich alles so sehen, was ist diskriminierend, usw..) fand ich das spannend, mit „Katja“ eine Figur zu erschaffen, die sowohl Rassisten als auch Verfechter der Critical Whiteness an ihre Grenze bringt, weil sie nicht als „andere“ erkennbar ist, theoretisch, sofern es um „Abstammung“ und „Blut“ geht, aber einen Anspruch darauf hätte, sich als solche zu positionieren, worauf „Katja“ in der Geschichte aber sehr wahrscheinlich keinen Wert legt, da es zum Einen um 1990 keinerlei Vorteile mit sich brachte, sich als „anders“ zu outen und „Katja“ zum anderen eher konservativ ist. Persönlich bin ich hier im Übrigen eher einer Meinung mit „Sigrid“. Ich finde, dass „Nigger“ oder „Nigga“ ein rassistischer Begriff ist, zumal wenn es „Nicht-Schwarze“ sind, die ihn verwenden. Das bedeutet allerdings nicht, dass man als Sprachpolizei jede Wendung darauf hin durchanalysieren muss, ob sie irgendwie das Potenzial zumindest zur latent diskriminierenden „Mikroaggression“ für irgendwen hat. Wie so oft, ist ja alles eine Frage der Dosis. Es ist ja auch ein Unterschied, ob man einer Frau „Schlampe“ hinterherbrüllt und ihr an den Busen grapscht oder ob jemand einfach nur ein unglückliches Kompliment gemacht hat ….

Anders als Jennifer Beals soll „Katja“ übrigens weder besonders hübsch noch besonders hässlich sein. Sie hat vielleicht „Model-Größe“ und manchmal Schwierigkeiten, die passenden Hosen zu finden, aber abgesehen davon grämt sie sich nicht und weiß nichts davon, dass sie sich damit auch als „queerer“, „abweichender“ Körpertyp betrachten könnte ….

Alles in allem sind alle hier auftretenden Personen jedoch ohnehin frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! – Was bislang geschah (II)

Eine zweite Zwischenbilanz der Internetstory um Terrorismus, politische Gewaltt, dem Zeitgeist der 1970er & 1980er Jahre und natürlich dem Kalten Krieg in Deutschland und Italien.

Die erste Zwischenbilanz findet sich, für alle, die nochmal nachlesen wollen, hier.

1980 ist die außerparlamentarische Linke nicht mehr das, was sie einmal war. 1968 liegt weit weg, auch ideell. Nach dem „deutschen Herbst“ 1977, als Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer von der Roten Armee Fraktion entführt und ermordet wird, um Leute aus dem Gefängnis freizupressen, was misslingt, weshalb die RAF-Gefangenen Selbstmord begehen, ist die Linke gespalten. Die einen distanzieren sich, treten den „Marsch durch die Institutionen“ an. Die Grünen werden – zunächst als Antipartei und Gegenpol zu den bürgerlichen Parteien – gegründet, Umweltthemen, auch der Kampf gegen Atomkraft erlangen zunehmend an Bedeutung in der linken Bewegung. Andererseits wird der staatliche Sicherheitsapparat noch einmal hochgefahren, ein Teil der Linken radikalisiert sich weiter, wird immer militanter und gewaltbereiter. Auch Lutz Seiffert hängt irgendwann mit drin. Aber erst einmal von vorn:

Lutz und seine Frau Sigrid, die um 1967/1968 angefangen haben, an der Freien Universität in Berlin zu studieren, 1970 geheiratet haben und deren Tochter Micha 1971 zur Welt kam, waren immer links, klar. Der Mord an Benno Ohnesorg 1967 und das Attentat auf Rudi Dutschke 1968 haben ihrer Meinung nach gezeigt, wie viel Gewaltpotenzial in der bundesdeutschen Gesellschaft steckt, wenn Leute aufbegehren gegen eine verkrustete, erzkonservative Ordnung, in der immer noch alte Nazis wie z. B. der ehemalige SS-Untersturmführer Hanns-Martin Schleyer das Sagen haben. Sigrid weiß nur zu gut, wogegen sie da ist, denn ihre eigenen Eltern haben den Untergang des sog. „Dritten Reiches“ nie wirklich akzeptiert. Lutz Vater dagegen kam schwer traumatisiert von der Ostfront zurück.

1977 sind sich Lutz und Sigrid einig: Der deutsche Staat foltert nicht nur, wie man an der Isolationshaft und der sog. „sensorischen Deprivation“, dem Entzug von Sinnesreizen im Knast, dem Ulrike Meinhof unterworfen wurde, sehen konnte, er mordet auch. Dass Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe tatsächlich Selbstmord begangen haben könnten, glauben Lutz und Sigrid nämlich nicht.

Doch die beiden haben privat so einige Probleme. Lutz, der eigentlich Lehrer für Deutsch und Biologie werden wollte, fällt unter den Radikalenerlass und kann kein Referendariat mehr machen. Stattdessen jobbt er in einer linken Kneipe. Auch Sigrid, die Soziologie studiert hat, findet nach ihrem Abschluss zunächst keinen Job, als junge Mutter ist sie zudem überfordert und frustriert, weil Lutz die Finger nicht von anderen Frauen lassen kann. Deshalb reicht sie im Winter 1978 die Scheidung ein. Das wiederum wirft Lutz vollkommen aus der Bahn. Während Sigrid durch Vermittlung einer Freundin promovieren kann und mit der gemeinsamen Tochter Micha in ein Hausprojekt in Kreuzberg zieht, radikalisiert Lutz sich politisch zunehmend.

Er erfährt von der sog. „Strategie der Spannung“ in Italien. Auch dort sind aus der außerparlamentarischen Opposition linke Terrorgruppen, u. a. die Roten Brigaden, entstanden. Allerdings bombt der Staat so ziemlich von Anfang an mit. Brutale Anschläge mit vielen Toten sollen den Linken in die Schuhe geschoben werden und so die Bevölkerung aufhetzen. In Wirklichkeit stecken oft die italienischen Neofaschisten dahinter. In Italien ist zudem die kommunistische Partei, die anders als die DKP in Deutschland einen gemäßigten, nicht an Moskau orientierten Kurs, den sog. „Eurokommunismus“ vertritt, sehr stark. Als 1978 der konservativ-christliche Politiker Aldo Moro, der sich für eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten ausgesprochen hatte, entführt wird, bleibt die konservative Regierung unter Führung Giulio Andreottis hart. Moro wird ermordet. Obwohl alles dafür spricht, dass es in diesem Fall tatsächlich die Roten Brigaden waren, sind die Menschen verunsichert.

Dem Italiener Nanni, der in Prato bei Florenz mit zwei Frauen in einer WG lebt, geht es ähnlich wie Lutz. Nanni, der ambitioniert und mit viel Herzblut Sprachen – Französisch, Englisch und Deutsch – studiert hat, hat bis auf einen schlecht bezahlten Teilzeitjob in einem Tourist Office nichts. In Florenz sind viele junge Leute links. Viele leben aber auch wie Nanni trotz guter Ausbildung in prekären Verhältnissen. Weder die eigene Perspektivlosigkeit noch die staatliche Repression, die in Italien eine ganz andere Qualität hat als in Deutschland und auch mit einer, vorsichtig formuliert, nicht unerheblichen Aufweichung rechtsstaatlicher Prinzipien einhergeht, will der junge Mann so ohne Weiteres hinnehmen. Daher engagiert auch er sich politisch und ist bereit, im Zweifelsfall mehr zu machen, als sich mit linken Theorien auseinanderzusetzen und auf Demonstrationen zu gehen.

Als Lutz, der über politische Bekannte aus der linken Szene in Berlin hat läuten hören, dass die „Strategie der Spannung“ auch in Deutschland Anwendung finden soll und sich der NATO-General Berthold Brennecke zu diesem Zweck am 02. August 1980 mit ein paar Italienern in Florenz treffen will, Nanni kontaktiert, ist dieser sofort bereit, mit dem politisch und menschlich ganz ähnlich tickenden Deutschen zusammenzuarbeiten. Beide wollen einen Sprengsatz in einem Café an der Piazza della Reppublica in Florenz deponieren, wo das Treffen des Generals stattfinden soll.

Doch auch Daniela della Chiesa aus Argentinien ist auf Brennecke angesetzt. In Argentinien herrscht zu der Zeit eine grausame Militärdiktatur, im Zuge derer Daniela ihren Mann verloren hat und selbst auch gefoltert worden ist. Ursprünglich nicht an Politik interessiert und außerdem gläubige Katholikin, schließt sich die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Daniela der „Organisation“ an, einer Terrorgruppe, mit maoistischer Ausrichtung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die autoritären und meist stark rechtslastigen Diktaturen in Lateinamerika, die im Kampf gegen den Kommunismus von den USA unterstützt werden und teilweise auch gute Kontakte zu den italienischen Neofaschisten haben, zu sabotieren. Doch die Organisation braucht Geld, um ihre Guerilla-Aktivitäten zu finanzieren. Nicht zuletzt deshalb nimmt sie Aufträge von dritter Seite an und ein solcher führt Daniela nach Florenz.

An dem Treffen mit Brennecke soll auf Geheiß ihres Vaters, eines auch politisch einflussreichen römischen Geschäftsmannes, auch Cristina Nicosia teilnehmen. Cristina hat und ist so ziemlich alles, was Leute wie Nanni neiden und hassen. Die junge Frau, für die Geld im Leben nie wirklich eine Rolle gespielt hat, hat in Paris Psychologie studiert und nun steht die Heirat mit Pietro an, einem Geschäftspartner ihres Vaters, der nicht nur sehr gut aussieht, sondern sich auch in Windeseile in der römischen Privatbank Banca delle Tre Stelle hochgearbeitet hat. Hinter der schönen Fassade sehen die Dinge allerdings ganz anders aus: Cristina versucht verzweifelt, sich gegen ihren übermächtigen Vater anzustemmen, der ihr Leben dominiert und jeden ihrer Schritte kontrolliert, obwohl sie längst erwachsen ist. Außerdem ist sie homosexuell und setzt nicht nur deshalb alles daran, die Ehe, die ihr Vater für sie arrangiert hat, nicht eingehen zu müssen. Als sie von den Plänen Berthold Brenneckes erfährt und begreift, dass ihr Vater nicht nur sehr konservativ ist, sondern ein lupenreiner Faschist, beschließt Cristina, in den Lauf der Dinge einzugreifen.

Lutz Ex-Frau Sigrid weiß im Sommer 1980 nur, dass Lutz in den Urlaub nach Italien fahren will und nötigt ihn mehr oder weniger, Micha mitzunehmen. Dennoch scheint alles nach Plan zu verlaufen. Lutz trifft Nanni, die beiden deponieren den Sprengsatz an der Piazza della Reppublica, und Lutz und Micha fahren nach ein paar Tagen, in denen sie tatsächlich Urlaub am tyrrhenischen Meer machen, wieder unbehelligt nach Berlin zurück. Später ist Lutz hin- und hergerissen. Hat er wirklich richtig gehandelt?

Auf der Piazza della Reppublica in Florenz kommt es indes am 02. August 1980 zu einem Showdown. Daniela della Chiesa hat den Auftrag, den NATO-General zu erschießen, noch bevor die Gruppe das Café betritt. Allerdings kommt Cristina, die hofft, mit einer Verzweiflungstat aus ihrem alten Leben ausbrechen zu können, ihr zuvor. Sie wird von einem jungen Soldaten, der den General schützen soll, erschossen. Berthold Brennecke stirbt wenige Tage später im Krankenhaus. Der Sprengsatz in dem Café explodiert wie geplant, aber es kommt niemand dabei zu Schaden.

Die Ermittlungsarbeiten in Florenz verlaufen schleppend und werden überraschend schnell eingestellt. Zwar gelingt es, Daniela della Chiesa zu schnappen, die mit einem falschen Pass als „Erika Müller“ – der Name ihrer Schwester – unterwegs ist, doch Daniela schweigt und springt schließich aus dem Fenster der Carabinieri-Station im Palazzo Pitti in Florenz. Oder wurde sie am Ende gestoßen? Obwohl die Carabinieri zunächst vermuten, dass es einen Zusammenhang zu dem Attentat in Bologna gibt, bei dem am 02. August exakt zur selben Zeit der Wartesaal zweiter Klasse des Hauptbahnhofs weggesprengt wurde und das, wie viele von Anfang an dachten, auf das Konto der Neofaschisten geht, verlaufen alle Spuren im Sande. Der Sprengsatz in dem Café stellt sich letztendlich als geschickt eingefädelter Versicherungsbetrug dar, denn der Besitzer des Cafés, der ebenfalls Kontakte zur linken Szene hatte, war bekanntermaßen in Geldnot.

Nanni flieht nach Frankreich, wo er die Französin Marie-France kennenlernt, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagiert. 1985 erhält er politisches Asyl im Zuge der Mitterand-Doktrin, die italienischen Terroristen Schutz in Frankreich gewährt, sofern sie in ihrer Heimat nicht wegen schwerwiegender Straftaten gesucht werden und sich vom Terrorismus distanziert haben.

Auch Lutz steht an einem Wendepunkt. Als ein rechtsextremer Student in München am 26. September 1980 einen Sprengsatz auf dem Oktoberfest zündet und 13 Menschen mit in den Tod reißt, begreift Lutz, dass alles sinnlos war. Er, der davon ausgeht, dass der General Brennecke durch den Sprengsatz im August 1980 getötet wurde, sieht, dass dessen Pläne offenbar trotz allem gnadenlos umgesetzt worden sind. Zumindest stellen sich die Dinge für Lutz so dar. Er beschließt, Deutschland und Berlin hinter sich zu lassen, und geht in die Niederlande, wo es ihm schließlich gelingt, sich so etwas wie eine bürgerliche Existenz aufzubauen. In Groningen findet er Arbeit als Deutschlehrer. Auf dem Markt lernt er die Künstlerin Swantje kennen, die aus der nordwestdeutschen Grenzregion stammt und Samstags in Groningen Töpferwaren und anderes Kunsthandwerk verkauft. Endlich scheinen die Dinge rund zu laufen für Lutz Seiffert.

Auch im Leben seiner Ex-Frau Sigrid geht es bergauf. 1983 schließt Sigrid ihre Doktorarbeit ab und erhält eine zunächst befristete Assistentenstelle an der Universität Gießen. Ein Jahr später lernt sie in einer Umweltgruppe den Zahnarzt Bernd kennen, der sich auch mit Micha gut versteht und ein eher ruhiger, von außen besehen vielleicht ein wenig blasser Typ zu sein scheint. Bernd selbst kam als Kind als Flüchtling aus Böhmen nach Hessen. Politisch stammt er eigentlich eher aus einem wertkonservativen, wirtschaftlich liberal gesonnenen Milieu, doch er ist seit seiner frühesten Jugend gern in der Natur und engagiert sich daher mit einer gewissen Leidenschaft, sofern man das von Leuten wie Bernd sagen kann, für Umweltschutz.

Als der NATO-Doppelbeschluss 1983 in Deutschland vom ersten Kabinett Kohl durchgedrückt wird und das Wettrüsten der Supermächte USA und UdSSR auch in der Bundesrepublik konkrete Züge annimmt – immerhin werden in der Mutlanger Heide atomare Mittelstreckenraketen stationiert – bekommt Bernds vages politisches Weltbild endgültig Risse, die nicht mehr zu kitten sind, und er fängt an, sich weiter in Richtung Friedensbewegung zu orientieren. Eine gewisse Rolle spielt dabeiauf der persönlichen Ebene sicherlich auch, dass ihn seine schöne, lebenslustige Frau Barbara – seine große Liebe und eigentlich seit Studientagen die Frau an seiner Seite – verlassen hat. Barbara wollte Kinder, Bernd nicht. Nun lebt sie mit einem jüngeren Mann auf Teneriffa und führt dort ein turbulentes Jet-Set-Leben. Bernd, der Barbara hinterhertrauert, und die einsame Sigrid, die auf einen Neuanfang hofft, heiraten im Sommer 1985 in Gießen – vielleicht etwas überstürzt, denn recht schnell wird klar, dass die beiden neben einiger Gemeinsamkeiten auch sehr viel trennt.

Im Herbst 1985 wird Lutz auf einen Tipp hin, von dem nicht klar ist, wer ihn gegeben hat, in den Niederlanden verhaftet. Ihm wird u. a. vorgeworfen, Mitglied der RAF zu sein und die Terrorgruppe logistisch auch bei dem Anschlag auf die Rhein-Main US Air Base im August 1985 unterstützt zu haben. Zwar hat die Staatsanwalt außer einem dubiosen Brief, der nahe legt, dass Lutz in illegale Transaktionen von Waffen an Terroristen verstrickt ist, an dessen Authentizität aber erhebliche Zweifel bestehen, nichts gegen Lutz in der Hand und das Verfahren wird daher aus Mangel an Beweisen eingestellt, aber ein Stein ist dadurch eben doch ins Rollen gebracht worden. Die Zeitungen berichten über Lutz Seiffert, die Gerüchteküche kocht – auch in Gießen – und Sigrids härtester Rivale an der Uni nutzt die Gelegenheit, um sie mit ihrer linksradikalen Vergangenheit abzuschießen, was ihm schließlich auch gelingt.

Bernd ist es endgültig zu viel, beim Thema RAF ist bei ihm eine Grenze erreicht und er möchte sich eigentlich gern wieder von Sigrid trennen, doch die ist unverhofft schwanger. Beide sehen dem Kind mit gemischten Gefühlen entgegen und reden mehr und mehr aneinander vorbei. Bernd glaubt, sich als „Ehrenmann“ verantwortungsbewusst verhalten zu müssen und ist zerrissen zwischen seiner wertkonservativen Prägung, die auch seinen Freundeskreis aus Studienzeiten bestimmt, und seinen wahren Gefühlen und Sehnsüchten, zu denen das Kind und die Ehe mit Sigrid nicht passen. Sigrid selbst will nicht noch einmal Mutter sein, hat aber plötzlich das Gefühl, von Bernd abhängig zu sein, in finanzieller wie in emotionaler Hinsicht, und beginnt schließlich, sich an das Kind als Fixpunkt zu klammern. Da beide nicht mehr ganz jung sind und Ende April 1986 zudem der Super-GAU in Tschernobyl dazwischenkommt, fürchten Bernd und Sigrid, dass das Baby behindert zur Welt kommen könnte.

Micha dagegen, die im Sommer 1986 15 wird, hat beschlossen, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen. Sie hat sich in Gießen längst eingelebt und Freunde gefunden, die Kinderjahre in Berlin, auch der Trip mit Lutz nach Florenz im Sommer 1980 verblassen in ihrer Erinnerung zusehends ….

Für den Fall, dass jemand gleich weiterlesen will – hier geht’s übrigens zu Teil 39.

Das Attentat in Florenz, wie auch der NATO-General Berthold Brennecke, die Banca delle Tre Stelle, die Familie Nicosia und weitere Institutionen und Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden, außer es handelt sich um historische Persönlichkeiten, Einrichtungen und Ereignisse (wie z. B. das Attentat in Bologna, das Oktoberfestattentat, die Militärdiktatur in Argentinien und die Ereignisse rund um die Rote Armee Fraktion). Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind ansonsten rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil 38)

„Entweder du bist ein Teil des Problems oder du bist ein Teil der Lösung“ Holger Meins (RAF, 1941 – 1974) zugeschrieben.

Alle Folgen der Internetstory „Terror!“ finden sich unter #TerrorTheStory.

Sigrid, Gießen, 25. Mai 1986, ca. 23 Uhr

Sigrid saß am Küchentisch und massierte sich die Schläfen. Sie hatte Kopfschmerzen, schon den ganzen Abend. Micha schrieb morgen eine Mathe-Arbeit und war schon ins Bett gegangen. Sigrid hoffte, dass sie nicht wieder bis tief in die Nacht lesen würde und sie sie dann unausgeschlafen zur Schule schicken müsste. Dabei verstand sie sie ganz gut. Sigrid selbst schlug sich auch gern die Nächte mit Büchern um die Ohren. Manchmal stand sie sogar mitten in der Nacht wieder auf, um noch etwas zu lesen oder zu arbeiten. Wenn alles im Haus ruhig war, konnte sie sich am besten konzentrieren und sie fühlte sich behaglich, irgendwie aufgehoben in der Stille der frühen Morgenstunden. Doch ihre ältere Tochter war kein As in Mathematik, auch wenn sie ansonsten eine gute Schülerin war. Im Herbst würde sie in die zehnte Klasse kommen, mit deren Abschluss sie dann schon die mittlere Reife hätte. Für manche Teenager stand dann ja schon der Ernst des Lebens an. Das konnte Sigrid sich kaum vorstellen. Sie selbst hatte in ihrer Schulzeit mit dem Gedanken gespielt, eher von der Schule abzugehen, um schneller von zu Hause wegzukommen, aber dann hatte sie begriffen, dass Lehrlingsgehälter vor allem ein Kostgeld waren, dass man davon gar nicht leben konnte. Außerdem hatte Sigrid zwei linke Hände. Sie war von Natur aus unpraktisch veranlagt, genau wie Micha auch.

Das andere Kind würde in gut einem Monat zur Welt kommen, wenn alles nach Plan verlief und so sah es erst einmal aus. Es hatte ihr eine zweite Krampfader beschert, die jetzt schwer an ihrem Bein zog, aber sonst keine weiteren Probleme bereitet. Sigrid hoffte inständig, dass das ein Zeichen dafür war, dass das Baby selbst auch gesund war. Würde sie einem behinderten oder geistig zurückgebliebenen Kind die gleiche Liebe geben können wie einem gesunden? Und würde Bernd sie dann doch verlassen, weil er eigentlich keine Kinder gewollt hatte und eines, das ganz besonders viel Pflege erforderte, eine Belastungsprobe wäre, der selbst eine Beziehung zu einem vernünftigen, im Kern gutherzigen, verantwortungsbewussten Mann wie ihm nicht standhalten konnte? Zumal ja eh schon alles auf wackeligen Beinen stand. Und wo bliebe sie selbst dabei? Was wollte sie eigentlich noch vom Leben? War sie zu egoistisch, wie Bernd ihr vorgeworfen hatte, weil sie in ihm nicht den Papi gesucht hatte, nicht wirklich jedenfalls, wie sie sich eingestehen musste, nicht so sehr den Anständigen, der bereit war, für andere zu sorgen, auch wenn das bedeutete, selbst Abstriche machen zu müssen? Weil sie Gefühle von ihm gewollt und keine gekriegt hatte? Weil sie sich eigentlich doch auf das Kind freute, und wenn es auch nur aus Trotz war? Bedeutete es nicht noch einmal eine Chance, wenn auch auf eine ziemlich verdrehte, irrationale Art? War es unverfroren, so zu denken, auch, weil sie ja wusste, dass Bernd keineswegs glücklich damit war und dass Kinder Paare nicht zwangsläufig zusammenschweißten, weil Menschen, die sich trennen wollten, es über kurz oder lang sowieso tun würden? Das hatten Lutz und sie ja auch getan. Vielleicht hatte sie Lutz damals zu schnell geheiratet – ja, wahrscheinlich, bestimmt – und sie hatte Micha zu schnell, zu jung bekommen, noch bevor ihr klar gewesen war, wer sie eigentlich selbst war und wohin sie gehen wollte. Das stimmte alles. Oder war es jetzt undankbar und keineswegs legitim, so zu denken? Andere Frauen ließen sich schlagen oder hielten es an der Seite von Alkoholikern aus, mit gestörten, perversen Bestien oder gehemmten Kleinbürgern, die wenigstens zu Hause die Hosen an haben wollten. Alles nur um nicht allein zu sein. Hatte Sigrid nicht irgendwie auch Glück gehabt? Was beklagte sie sich eigentlich? Was und welcher Verlauf ihres Lebens hätte sie denn jetzt glücklich und zufrieden sein lassen – eine heile Welt, das Vati-Mutti-Kind-Programm? Oder ein edler Erretter, der weder Lutz noch Bernd hatten sein können, mehr Romantik, mehr Abenteuer, mehr Unabhängigkeit? Was hätte sie selbst anders machen sollen, müssen?

Sigrid hörte schwere Schritte. Bernd, der noch Fernsehen geguckt hatte, kam in die Küche. „Du sitzt immer noch hier rum? Ich dachte, du seist oben, im Arbeitszimmer …“ Bernd klang müde. „Ich habe morgen eine Anhörung im Dekanat.“ sagte Sigrid. „Eigentlich nur noch eine reine Formsache. Ich habe letzte Woche schon mit Gödeke gesprochen. Er hatte zwar Verständnis, er hat mir geglaubt, aber …“ Sigrid zögerte „ … er hat auch gesagt, dass er in seinen Entscheidungen nicht so frei sei, wie er es gern wäre, dass es auch um Drittmittel ginge und Forschungskooperationen und dass eine Mitarbeiterin, die die Leute für eine ehemalige Terroristin halten, ein Problem wäre … Außerdem haben sie jemanden aus Frankfurt, den Gödeke gern fördern würde. Das hat er mir nicht gesagt, aber Anneliese hat es mir danach in der Cafeteria gesteckt. Es ist ein ganz junger, Ende 20 und schon Summa cum Laude promoviert. In dem Alter hatte ich noch nicht einmal meinen Studienabschluss in der Tasche …“ Sigrid grinste schief. Ihr war eigentlich nicht zum Lachen zu Mute. „… und trotzdem soll er geistig beweglich sein, intellektuell wach und rebellisch, ganz so wie Gödeke es gern hat …“

Bernd, Gießen, 25. Mai 1986, ca, 23 Uhr 30

Sigrids Vertrag würde also nicht verlängert werden. Er wusste, dass sie das frustrierte, aber würde sie nicht ohnehin alle Hände voll mit dem Kind zu tun haben? Sie hatten über eine Tagesmutter geredet, aber Bernd war sich nicht sicher, ob das bei ganz kleinen Kindern wirklich eine so gute Idee war. Er dachte an Harald und Gerda, gute Freunde von ihm, die er noch aus dem Studium kannte und deren Ehe an ihrer Tochter Claudia zerbrochen war. Obwohl Claudia ein Wunschkind gewesen war und Gerda keine gluckende Vollzeitmutti, wie es seine erste Frau Barbara sehr wahrscheinlich gewesen wäre, wenn sie Kinder miteinander hätten bekommen können. Anders als Sigrid war Gerda auch nicht in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Sie war pragmatisch und patent und hatte das Herz immer auf dem rechten Fleck gehabt. Aber dann hatte sich alles nur noch um die kleine Claudia gedreht und Harald und Gerda hatten sich in aller Stille und ohne es zunächst selbst bemerkt zu haben auseinandergelebt. Bei anderen war es besser gelaufen. Fast alle Leute, die Bernd kannte, waren verheiratet, glücklich, soweit er das beurteilen konnte, und die meisten hatten auch Kinder, das also, was man gemeinhin so als „geordnete Verhältnisse“ bezeichnete. Aber machten sie einander da nicht am Ende etwas vor? Oder war es Bernds Missgunst, seine Scham über sein eigenes Unvermögen, mithalten zu können, die ihn jetzt so kleinkrämerisch und engherzig denken ließ?

Bernd fragte sich, wie es Barbara wohl gehen mochte. Sie lebte mit einem jüngeren Mann auf Teneriffa und er hatte schon lange nichts mehr von ihr gehört. Richard, so hieß er wohl, hatte gut geerbt und betrieb, zu allem Überfluss offenbar recht erfolgreich, eine Künstlerbar auf der hippen Kanareninsel. Bernd vermisste Barbaras warmherzige, unkomplizierte Art. Sigrid war nicht die Frau, mit der er Kinder hätte haben wollen, wenn, dann wäre es doch eher Barbara gewesen, und er hätte im Januar auch einer Abtreibung zugestimmt, aber da war dieser Prozess gewesen, Sigrids Ex-Mann Lutz stand in dem Verdacht, mit der Roten Armee Fraktion zu tun gehabt zu haben, auch wenn man ihm letztendlich nichts hatte nachweisen können. Wenn Bernd ehrlich war, hatte er sie nicht spüren lassen wollen, dass sie ihm längst lästig geworden war und er im Winter immer wieder die Frage hin- und hergewälzt hatte, wie er sich aus der Beziehung wieder würde herauswinden können, ohne Sigrid, mit der er immerhin ein knappes Jahr lang auch sehr glücklich gewesen war, allzu sehr zu verletzen. Er hatte gezögert, ihr noch mehr aufzubürden, hatte geglaubt, sie würde sich abgelehnt fühlen, aber vielleicht, nein, ziemlich sicher, war das falsch gewesen. Außerdem hasst Bernd Szenen, auch wenn er wusste, dass Sigrid keine machen würde. Aber Holland? Und dann sofort die Trennung, so schnell es eben ging wieder auseinander gehen? Nein, Bernd wollte auch vor sich selbst nicht als verantwortungsloses Arschloch dastehen. Vielleicht war es seine eigene Feigheit gewesen. Er hatte sich nicht im Nachhinein Vorhaltungen machen lassen wollen, nicht einmal stumme und nicht nur nicht von Sigrid, selbst wenn diese, wie er wusste, ganz ähnliche Überlegungen angestellt hatte. Aber es war eben nicht nur das. Bernd wollte auch vor seinen Freunden nicht dumm dastehen, als zum zweiten Mal gescheiterter Ehemann, der schon auf die 50 zuging. Er hatte ihnen endlich eine eigene, glückliche Familie präsentieren wollen. Und er fürchtete die Einsamkeit, wollte nicht wieder zurück in sein altes Junggesellenleben, das belastet gewesen war von der Angst, vielleicht keine Frau mehr wie Barbara zu finden. Er hatte sich in der ersten Zeit fast manisch die Augen ausgeguckt, aber in jeder nur Barbaras Abbild gesehen, das zu verschwommen und zu unvollkommen gewesen war, als dass es real sein und in ihm reale, handfeste Leidenschaften hätte wecken können. Er hatte es dann bei einigen wenigen One-Night-Stands belassen und war jahrelang nicht einmal fähig gewesen, eine Affaire an Land zu ziehen, auch weil er gefürchtet hatte, die Frau würde sich enger binden wollen und er könne dann nicht mehr zurück. Dann hatte er Sigrid kennengelernt, Sigrid, die den Eindruck erweckt hatte, nicht allzu klammernd zu sein, nicht viel zu fordern und es war ein Treppenwitz seiner eigenen Existenz, dass er jetzt tatsächlich nicht mehr zurück konnte.

Sigrids Ex-Mann Lutz hatte seinen düsteren Schatten auch über Bernd geworfen. Er, der Zahnarzt war mit einer kleinen, aber gut gehenden Praxis, hatte den Eindruck, dass in letzter Zeit weniger Patienten kamen. Oder bildete er sich das nur ein? Nein, auch Elvira, seiner Sprechstundenhilfe, war etwas aufgefallen. Aber sie hatte es auf Tschernobyl geschoben und gesagt, dass die Leute vielleicht im Moment andere Sorgen hatten als ihre Zähne. Was, wenn Elvira da recht hatte? Neulich war plötzlich ein Gespräch verstummt, als er sich im Supermarkt an der Käsetheke angestellt hatte. Nur fragte Bernd sich, ob er nicht vielleicht auch zuviel in solche Ereignisse hineindeutete. Wäre ihm so etwas vor einem halben Jahr überhaupt aufgefallen? Oder war jetzt einfach alles anders wegen Lutz oder genauer gesagt wegen Sigrid. War wirklich alles Sigrids Schuld, von der er sich würde befreien können, wenn er sich von Sigrid befreite? Margot, auch eine alte Freundin von ihm, die in der Gießener Innenstadt in einer kleinen, lauschigen Seitenstraße eine Galerie betrieb und deren Mann Frieder ebenfalls ein Studienkkollege von Bernd gewesen war, hatte ihn vor ein paar Tagen einmal beiseite genommen und ihn auf die Umweltgruppe angesprochen, bei der er mitmachte. Sie wisse ja, dass er nicht so sei, hatte Margot gesagt. Aber ob er sich im Klaren darüber sei, was das für Leute seien, die vor im Bau befindlichen Atomkraftwerken* und Wiederaufarbeitungsanlagen* Krieg spielen mussten, nur um der Lust willen, Krieg zu spielen und Polizei und Staat unter dem Vorwand, eine Art Umweltguerilla zu sein, in die Knie zu zwingen? Margot hatte ihn auch auf Sigrid angesprochen, dass es ja eine sehr höfliche, gebildete Frau sei, aber hatte man das nicht auch einst von Ulrike Meinhof gedacht? Und dann hatte die Meinhof sie alle betrogen und alles Zivilisatorische, die engagierte, menschenfreundliche Maske bedenkenlos fallen lassen und Texte, nein, Pamphlete zusammengeschrieben, bei denen es einen nur schaudern konnte, dass man ja natürlich auf Polizisten ruhig schießen könne**, entweder Mensch oder Schwein*** und wer alles Teil welchen Problems sei*** und so weiter. Verquaster Schwachsinn. Und das bei einer so klugen Frau! Nicht, dass es etwa bei Sigrid genauso so sei, hatte Margot sich beeilt, hinzuzufügen, das habe sie damit nicht sagen wollen, aber kannte Bernd Sigrid eigentlich wirklich so gut, wie er im Sommer letzten Jahres, als sie geheiratet hatten, alle hatte glauben machen wollen?

Belog er sich selbst? Nein, Bernd war nur sehr enttäuscht. Sigrid hatte alles, aber auch wirklich alles bis auf die letzte Sekunde hinausgezögert. Und er selbst hatte beschlossen, dass er ihr auch nicht mehr immer auf die Nase binden würde, was ihn bewegte. Zumindest diese eine Freiheit hatte er sich klammheimlich ertrotzt. „Ich bin müde.“ sagte er zu Sigrid. „Ich glaube, ich gehe hoch. Kommst du mit?“

Neugierig, wie’s weitergeht? Ziehen wir den Vorhang einfach mal kurz zu und lassen ein paar Jahre verstreichen. Nachdem der homosexuelle us-amerikanische Schauspieler Rock Hudson im Oktober 1985 an den Folgen der Immunschwächekrankheit AIDS verstorben war, Hollywood-Ikone Elizabeth Taylor die einzige war, die zu ihm gehalten hatte und Denver-Clan-Kollegin Linda Evans sich monatelang ängstigte, weil sie Hudson im Frühling in der TV-Serie noch auf den Mund geküsst hatte, gelangte AIDS, das als Virus bereits 1983 dingfest gemacht werden konnte, erst gegen Ende der 1980er Jahre ins Bewusstsein der bundesdeutschen Bevölkerung. Nur sehr langsam setzte sich die Erkenntnis durch, das AIDS nicht nur Risikogruppen, wie Schwule, Junkies und Prostituierte betraf, sondern auch heterosexuelle, eher „bürgerlich“ lebende Menschen daran erkranken konnten. Erst 1995 wurde eine erste wirksame Therapie gegen AIDS entwickelt, wer zuvor seinen ersten HIV-Test gemacht hat, musste im Falle eines positiven Ergebnisses damit rechnen, nur noch wenige Monate zu leben zu haben. Doch so weit will ich hier nicht vorgreifen. Boris Becker und Steffi Graf stiegen Mitte der 1980er Jahre zu Weltstars im Tennis auf und lösten in der Bundesrepublik einen wahren Tennis-Boom aus. Ab 1987 setzte sich in der Sowjetunion unter der Führung Mikhail Gorbatschows mit Glasnost und Perestroika eine Reformpolitik durch, die, im Westen flankiert von einer wiedererstarkenden Solidarnosc-Bewegung in Polen, eine Kettenreaktion auslöste, zunächst in Ungarn, wo die Grenzkontrollen zu Österreich deutlich gelockert wurden. Am 09. November 1989 fiel dann die Berliner Mauer. Im Dezember 1989 wurden die Grenzkontrollen in der CSSR abgebaut und in Rumänien wurde der Diktator Nicolae Ceausescu erschossen. Der Kalte Krieg war beendet. Die Welt würde nie mehr die gleiche sein. Und wir sehen uns wieder im Jahr 1990 … und zwar in Teil 39.

Nach wie vor gilt: alle Personen in dieser Geschichte – außer den historischen Persönlichkeiten – sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

*Kernkraftwerk Brokdorf & Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf: Das AKW Brokdorf in Schleswig-Holstein wurde 1985 in Betrieb genommen. Während seiner sehr langen Bauphase seit Mitte der 1970er Jahre kam es immer wieder zu heftigen Protesten von Atomkraftgegnern. Der Atommailer in Brokdorf ist, soweit ich weiß, noch in Betrieb, allerdings ist vorgesehen, es spätestens 2021 stillzulegen und zurückzubauen. Ebenfalls legendär sind die Proteste Mitte der 1980er Jahre gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf in der Oberpfalz (Bayern), in deren Folge das Bauprojekt 1989 schließlich eingestellt wurde. Danach wurden abgebrannte Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague wiederaufgearbeitet und danach als Castortransporte in die Zwischenlager Gorleben (Niedersachsen) und Ahaus (Nordrhein-Westfalen) gebracht.

**Korrekt lautet das Zitat von Ulrike Meinhof: „(…) Das ist ein Problem, und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden. (…), zitiert nach: Art. „Natürlich kann geschossen werden“, nach Tonbandaufzeichnungen von Ulrike Meinhof, in: Spiegel 25/1970, 15. 06. 1970 (Zugriff am 02. 12. 2017)

***Tatsächlich handelt es sich hier um ein Zitat von Holger Meins (siehe auch oben): „(…) Entweder Schwein oder Mensch Entweder überleben um jeden Preis oder Kampf bis zum Tod Entweder Problem oder Lösung Dazwischen gibt es nichts Sieg oder Tod — sagen die Typen überall und das ist die Sprache der Guerilla — auch in der winzigen Dimension hier: Mit dem Leben ist es nämlich wie mit dein Sterben: „Menschen (also: wir), die sich weigern, den Kampf zu beenden — sie gewinnen entweder oder sie sterben. anstatt zu verlieren und zu sterben. (…)“, siehe: Art.: „Entweder Mensch oder Schwein“, in: Spiegel 47/1974, 18. 11. 1974 (Zugriff am 02. 12. 2017). Holger Meins ist am 09. 11. 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks in der JVA Wittlich gestorben.