„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Was ist links? Eine Standortbestimmung

„Mit Liebe gegen Rechts“ – schreibt Margarete Stokowski in ihrer aktuellen Kolumne auf Spiegel Online. Und: „Wenn vom Rechtsruck die Rede ist, dann findet unter Linken bisweilen ein Spektakel an Selbstbeschuldigung statt: Haben wir übertrieben mit unseren Forderungen nach gleichen Rechten für alle?“

Ich stolperte über das „wir“. Wer „wir“? Welche „gleichen Rechte für alle“? Mit „wir“ ist offenbar, wie Stokowski weiter präzisiert, gemeint: „in unserer linken, queeren Bubble mit Biokaffee“. Queerfeminismus offenbar als Synonym für links. De fakto, tut mir leid, sind das meiner Erfahrung nach zum Teil recht blasierte junge Frauen, alle, egal was sie behaupten, aus den höheren Gesellschaftsschichten, bestmöglich gefördert in akademischen Elitezirkeln und mit einem proper aufgepumpten Selbstbewusstsein. „Benachteiligt“ ist jedenfalls etwas anderes.

Dafür erinnere ich mich noch gut an das „Prolltussi!“, das auf einer taz-Veranstaltung fiel. Und: „Bei der ist das nicht schlimm! Die ist das doch schon so gewohnt!“. Damit war Arschglotzen gemeint, sexuelle Belästigung. Links, so wie ich es verstehe, bedeutet aber nicht, dass Frauen sexuell belästigt werden müssen, damit sich andere Frauen „wohl in ihrem Körper fühlen“ können. Links bedeutet nicht, dass man Frauen belauern und ausbeuten muss, damit sich andere Frauen einreden können, dass das mit Sarrazin, dass sie nun einmal die höherwertigen Gene hätten, dass das schon stimme, aber sie wollen halt mal nicht so sein. Gegen Türken haben sie nichts. Für mich blieb: „Aber die ist doch nun wirklich unwertes Leben!“. Leider waren das auch Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung. Nein! Sorry Leute, aber so nicht! Links ist auch nicht, wenn ich von Hipstern angeschnauzt werde: „Literatur! DAS ist nun einmal das, was WIR mögen.“ Kann sein. Habe ich ihnen ja auch nicht verboten.

Es ist nur so: Links bedeutet, dass Menschen zum Beispiel unterschiedliche Dinge mögen dürfen – ohne dass das mit einer Wertung verbunden wäre. Und dass man leider auch nicht gleich hysterisch „re-echts!“ kreischen kann, sofern irgendjemand nicht von Kindesbeinen an intellektuell mit Hochliteratur gefüttert und zum arroganten feinen Pinkel herangezogen worden ist.

Wenn von „gleiche Rechte für alle“ gesprochen wird, ist leider, so meine Erfahrung, allzuoft mit „alle“ gemeint: „Queerfeministinnen und ihre Freunde. Weil die ja das Sagen haben“. Links bedeutet aber, in seiner ursprünglichen Bedeutung, dass leider gerade NICHT einige wenige die BestimmerInnen sind und man-frau-mensch einfach jedeN lächerlich macht und öffentlich bloßstellt, der-die sich nicht in dem gewünschten Maße unterordnet. DAS ist nämlich leider rechts. Genau wie das mit dem „unwerten Leben“.

Man-frau-mensch kann andere halt nicht einfach so entmündigen. Auch nicht in der Liebe. Was ist, wenn man bestimmte Arten, von -äh- „Liebe“ nicht will, weil sie verletzend und demütigend sind, ganz gleich, wie sehr der-die-das andere auch beteuert, dass es aber „lieb gemeint“ sei. Einzusehen, dass andere Rechte und Gefühle haben, und dass man da nicht einfach so selbstherrlich darüber hinweggehen kann und dass man schon gar nicht vorsätzlich die Grenzen anderer verletzt, weil man-frau-mensch vielleicht zeigen will, dass man sie-ihn „doch in jedwede Richtung zwingen kann“ – Das einzusehen, ist gleichbedeutend mit dem, was man landläufig so unter „Empathie“ versteht. Das andere kann man eher mit Begriffen wie „Manipulation“ und „Missbrauch“ umschreiben.

Dass man zum Beispiel auch die Blogs von Leuten, die man nicht leiden kann, nicht einfach mit Kinderpornos verlinken kann, weil man nicht will, dass er-sie schreibt oder mit Kindern arbeitet oder ihn oder sie einfach nicht leiden kann oder aber als – ich zitiere mal wieder: „Schutzschild“ für andere will – dass das alles NICHT links ist, sondern kriminell, das einzusehen bedeutet, sich auf die Seite des Grundgesetzes und der Demokratie zu stellen. Beides ist nämlich eigentlich dahingehend gestaltet, dass gerade NICHT die einen willkürlich, nach ihrem eigenen Gutdünken und nach dem, was am besten für sie selbst ist, über die anderen bestimmen, dass man NICHT anderen „alles in die Schuhe schieben“ kann und ihnen auch nicht alles möglich andichten oder aber absprechen kann, weil man-frau-mensch vielleicht mehr Geld, die besseren Beziehungen, mehr Macht oder was auch immer hat. Das wäre dann tatsächlich Diktatur oder das, was das Querfrontmilieu dieser Tage gern als „Oligarchie“ bezeichnet.

Links bedeutet nicht, „BestimmerIn“, „Pascha“, „Männchen“ oder „Dyke“ zu sein, in dem sozialen Sinne, in dem es der z. B. sog. „Transfeminismus“ verstanden wissen will. Links bedeutet, dass das sexuelle Selbstbestimmungsrecht zum Beispiel jedem und jeder zusteht. Das heißt auch, dass niemand mit Adipositasfrauen „rummachen“ muss, weil es denen doch so gut tut und weil überhaupt, ich zitiere nochmal: „Jede Frau sich ihr gegenüber wie eine Sexgöttin fühlen soll!“. LINKS bedeutet, dass die Gefühle und Bedürfnisse der einen – seien sie nun dick, essgestört, queer, feminin, „Dyke“ oder nicht – nicht über denen anderer Menschen stehen, schon auch, weil DEMOKRATIE bedeutet, dass „unwertes Leben“, wie gesagt faschistisch ist, weil einfach alle gleich viel wert sind. Basta.

My Story: Die konservative Revolution (Part V)

In der linken Szene lernte ich Silvia* kennen. Damals ein paar Jahre jünger als ich, studierte Silvia noch. Mit ihren langen braunen Korkenzieherlocken, die so akkurat fielen, als sei sie der Star eines klassiszistischen Gemäldes, war Silvia eine echte Schönheit. Nur der Pony war glatt und straff. Schlank, wohlproportioniert und immer nach der neuesten Mode gekleidet – Ich meinte, die Namen teurer Marken gelesen zu haben und Silvia schien der Typ zu sein, der nie ein Outfit ein zweites Mal trug – verkörperte sie das Ideal einer jungen, modernen Frau des 21. Jahrhunderts, das damals erst ein paar Jahre alt war. Silvia hätte auch damals schon symbolhaft für einen neuen Feminismus stehen können. Tatsächlich wird sie später intensiv von der Frauen- und Genderforschung gefördert werden. Damals waren Silvia und ich die einzigen Frauen in einer Männerrunde, die außerdem noch aus David Vranek*, der mit Silvia zusammen war, Mirko Kiss*, der in der DDR aufgewachsen war und nicht einsah, warum er sich dafür schämen sollte – ganz im Gegenteil! – und einigen anderen bestand.

Vranek kannte ich schon länger, auch schon bevor er angefangen hatte, zu studieren. Er hatte sich schon als Jugendlicher für die DKP engagiert. Später wird auch er, wie viele andere aus meiner Vergangenheit, in Berlin auftauchen. Dort werde ich auch Mirko Kiss begegnen, der, wie ich Geschichte studiert hat, und behaupten wird, in Berlin zu promovieren. Vranek wird eher dem Umfeld der „Jungen Welt“ zuzuordnen sein. Wobei ich ihm, wie gesagt, attestieren kann, immer schon voll und ganz auf deren politischer Linie gewesen zu sein.

Meinerseits war ich in Berlin zweimal auf Veranstaltungen bei der „Jungen Welt“. Einen Artikel habe ich auch bei ihnen veröffentlicht. Allerdings war ich dort nicht gern gesehen, wie man mir unmissverständlich klar machte. Dafür haben sie offenbar einen guten Draht zur queerfeministischen Szene.

Später werde ich, weil irgendwer das rechte und besonders das sog. „Querfrontmilieu“ auf mich aufmerksam emacht hat, eine E-Mail in die Stadt, wo ich studiert habe, in den tiefsten katholischen Südwesten schicken und fragen, ob die politische Situation sich bei ihnen ähnlich wie in Berlin entwickelt hat. Die Antwort wird „Ja“ sein.

Ein Transmann, der, wie er angibt, in Frankfurt am Main Soziologie studiert, wird mir auf Twitter folgen. Als ich mich frage, wer den Transmenschen auf mich aufmerksam gemacht hat, werde ich auf Silvia stoßen, die in Frankfurt am Main promoviert. Ich werde denken, dass der Transmann wie Silvia mit Bart aussieht. Silvia trägt ihr Haar jetzt offenbar kurz und glatt. Der Blick ist immer noch der gleiche. Ob sie etwas mit dem Transmann zu tun hat, weiß ich aber nicht. Das ist vielleicht reiner Zufall.

Damals im Südwesten, als ich Silvia kennen lernte, fühlte ich mich jedenfalls wie Abfall. Ich hinkte, obwohl die Verletzungen, die ich mir durch einen schweren Autounfall zugezogen hatte, längst verheilt waren. Ich ging noch einmal ins Ausland. Diesmal im Auftrag einer Friedensinitiative. Bezahlt werden sollte es aus den Töpfen einer katholischen Freiwilligenorganisation. Dort bin ich nicht willkommener, als ich es später bei der „Jungen Welt“ sein werde. Das konnte ich mir allerdings denken.

Bizarrerweise werde ich auch diese Leute, mit denen ich kaum Zeit meines Lebens verbracht und noch weniger Gemeinsamkeiten habe, zum Teil später in Berlin wieder treffen.

Als ich damals, im Sommer 2007, die Stadtgrenzen der kleinen katholischen Stadt, in der ich meine Studenzeit verbracht habe, hinter mir gelassen hatte, hatte ich von einer Sekunde auf die andere das Gefühl, wieder ganz die Alte zu sein.

Als ich aus dem Ausland zurückkomme, gehe ich nach Berlin. Ich werde zehn Jahre in Armut und Einsamkeit leben, belästigt, gehänselt, belauert, vorgeführt und gedemütigt werden. Ich werde, wie gesagt, viele Leute aus meiner Vergangenheit wieder treffen. Niemand wird noch auf meiner Seite sein. Ich werde wieder hinken. Meine Allergie wird mit aller Wucht zurückkommen. ich werde auf Menschen treffen, die ich für rechts halte, die aber beteuern links zu sein. Ich werde mich tatsächlich hundertmal fragen, ob ich nicht spinne. Dann wird die AfD gegründet werden, die ihre Wahlparties in meinem Wohnviertel feiert. KenFM von Ken Jebsen wird zur neuen Größe in der linken Medienlandschaft aufsteigen. Feminismus wird sich gegen Frauen wie mich richten. Ich werde unendlich viele Leute treffen, die etwas mit Kunst und Kultur machen wollen.

Die Welt ist dabei, neu zusammengewürfelt zu werden.

An meine Studentenzeit habe ich trotz allem übrigens sehr gute Erinnerungen. Da mein Blog aber von vielen Menschen gelesen wird, die mir nicht wohlgesonnen sind, möchte ich meine guten Erinnerungen lieber für mich behalten.

Frei nach Heraklit: „Man springt niemals in denselben Fluss.“

Oder, um es mit Rosa-Luxemburg zu sagen: „Ich war. Ich bin. Ich werde sein.“

Ende. Oder Anfang, je nachdem.

*Alle Namen geändert.

 

My Story: Die konservative Revolution (Part IV)

Iiieh! Die Lesbe!

Als Dunja* und ich nach dem Sport unter der Dusche standen, glaubte ich zunächst, mich verhört zu haben. „Iiieh! Die Lesbe!“. Dann das Kleinmädchengekicher, von dem ich wusste, dass es von erwachsenen, wenn auch jungen Frauen kam. Es war nicht das erste Mal. Seit geraumer Zeit wurde ich von jungen Frauen belästigt. Manchmal bissen sich geradezu Blicke an meinem Hintern fest. Waren es immer diesselben zwei, drei Tussen? Ein blondes Fashion Victim, ein paar Jahre jünger als ich. Ein paar Tage nach dem Vorfall traf es mich im Bus. Das Blondchen stieg mit einer Freundin ein und tänzelte mit dem Gang. Sie lächelte, ich lächelte unsicher zurück. Da brach die Blonde in ein hysterisches Gackern aus: „Iiieh! Die Lesbe steht auf mich!“

Irgendwie konnte ich mit niemandem so richtig darüber reden. Dunja kannte ich kaum. Sie war so ganz nett, aber wir wurden nicht wirklich warm miteinander. Einmal traf ich Ronja*, mit der ich einmal gut befreundet gewesen war. Vielleicht hätte Ronja das Problem verstanden. Da sie groß und sportlich war, hatte sie öfters mal was zu hören gekriegt. Das hatte sie mal erzählt. Ronja sah nicht gut aus. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie keinen Kontakt zu mir wollte. Wir sahen uns viele Jahre nicht mehr. Allerdings habe ich auch sie in Berlin wieder getroffen.

Ich machte eine Therapie. „Vermutlich sind Sie bisexuell.“ Als Diagnose meiner sexuellen Orientierung traf mich das wie ein Schlag. „Nein. Ich bin nicht lesbisch.“ sagte ich entschlossen. Ich hatte damals zwei Affairchen nebeneinander laufen. Hochzeitsglocken wie bei meinen Freunden läuteten bei mir nicht, nicht einmal irgendwo an einem fernen Horizont. Ich fühlte mich unfähig als Frau. Eine, die niemand haben will. Aber lesbisch – Das nicht! „Nein, lesbisch sind Sie sehr wahrscheinlich nicht. Demnach, was Sie sagen, spricht nichts dafür. Aber bisexuell. Sehen Sie es positiv!“ hieß es in der Therapie.

Ein knallhartes Karriereweib! Welche denn?

Ehrlich gesagt, ich wollte es nicht positiv sehen. Mir klingelte noch die Situation in der Cafeteria in den Ohren. Michaela Schwartzkopf*, eine Kunstgeschichtsdozentin hatte dort mit einer Historikerin, die am Lehrstuhl einer feministischen Geschichtsprofessorin arbeitete, gesessen und mir einen langen Blick zugeworfen. „Die Phunk.“ hatte sie der anderen zugeworfen. „Das ist so eine knallharte Karrierefrau.“ Es hatte ziemlich abwertend geklungen.

„Karriereweib“, „Lesbe“, „Igitt!“ drehte es sich in meinem Kopf. Leider konnte ich damals nicht in die Zukunft schauen. Und ich wusste auch nicht, wie angesagt Queer in Berlin wahrscheinlich schon zu der Zeit war. Zwar hatte ich Kunstgeschichte und damit ein sehr konservatives Fach studiert, noch dazu in einer kleinen Stadt, die von einem prüden, spießbürgerlichen Katholizismus geprägt war. es hatte immer schon Bemerkungen zu meiner sexuellen Orientierung gegeben. Allerdings war ich nie so aggressiv angegriffen worden.

Das Spiel mit der Identität

In Berlin ist das gleiche Spiel – Belästigen, Schimpfwörter hinterherrufen – ja auch mit mir gespielt worden, nur dass dann angeblich ich immer die Homophobe oder ganz allgemein „die Diskriminiererin“ war. Was wenn es damals schon das gleiche Spiel war? Hier hetzte einmal eine ältere Frau, sie wollten mir „das austreiben“. Was, wenn es mir schon damals „ausgetrieben“ werden sollte? Zumindest habe ich mich über die dicken Frauen aus Berlin gewundert, die plötzlich in der kleinen Stadt zu Besuch bei den Kunsthistorikerinnen waren, die am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung promovierten (siehe: My Story (Part III)). Was ist, wenn jemand schon damals in Berlin fleißig erzählt hat, ich sei eine ganz Homophobe, eine richtig fiese Frau? Vielleicht sogar jemand, der hippe Frauen wie Silvia Fehrmann und Carolin Emcke kennt, die im Kulturbiz viel zu sagen haben? Vielleicht sind mir schon damals alle möglichen negativen Eigenschaften und Missetaten anderer Frauen in die Schuhe geschoben worden? Immerhin weiß ich JETZT, wie hart umkämpft dieser Queer-Sektor ist, v. a. im Kulturbereich, und mit wie unfairen Bandagen gekämpft wird. Ob es aber wirklich so war und wenn, wer genau mir das Leben hier zur Hölle gemacht hat oder zumindest den Anstoß dazu gegeben hat, weiß ich nicht. Nur dass sehr oft Leute von früher in meiner Umgebung aufgetaucht sind, auch KunsthistorikerInnen. Sogar dass ich für die taz geschrieben hatte, wusste man. Aus Nürnberg erreichte mich eine E-Mail von Julia Dörr*, die auch bei Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung promoviert hatte. Julia, die zufällig den gleichen Namen* wie eine meiner Schulfreundinnen hat, war eigentlich ganz nett. In ihrer E-Mail fragte sie auch nur freundlich an, ob ich, da ich ja für die taz schreiben würde, vielleicht auch ihre Projekte wohlwollend beschreiben könnte. Ich musste Julia Dörr wahrheitsgemäß antworten, dass ich bei der taz niemanden kannte und ihr deshalb wohl nicht helfen könnte. Tatsächlich hatte ich dort nur Artikel hingeschickt und mein Ausflug in den Journalismus war auch nur von kurzer Dauer. Dass Julia davon wusste, jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Ertappt!

Irgendwie „homo“ zu sein, erfüllte mich damals im Südwesten auch nicht gerade mit Freude. Es stimmte, dass ich anno 1997 mal in die Fänge einer Lesbe geraten war, nicht in der Stadt, in der ich studiert hatte, die Kunsthistoriker konnten es nicht wissen, genau genommen konnte es niemand aus meiner Vergangenheit wissen. Ganz unschuldig war ich auch nicht. Vermutlich trifft es „williges Opfer“ besser. Carmen* hieß sie, sinnierte ich, wie die dicke Carmen von den Kunsthistorikern (siehe: My Story (Part I)) Nur dass die andere groß und schlank gewesen war. So eine Carmen hatten Freunde von mir auch mal angeschleppt. Ich glaube, das war 2003. Ob diese Frau lesbisch war, weiß ich nicht. Ich glaube, es war eine Wissenschaftlerin, auch Feministin, wie ich mich erinnere. Ich fand sie erst sehr nett. Ein paar Tage später traf ich sie zufällig wieder an der Uni. „Hallo Carmen!“ rief ich fröhlich. „Ja. Tag.“ antwortete die Frau kurz angebunden. Ich guckte irritiert. Dann sah ich Heike*, die mit diesen Freunden von mir, die Carmen eingeführt hatten, und die ich aus meiner Arbeit für eine multikulturelle Initiative kannte, befreundet war. Heike war irgendwo wissenschaftliche Mitarbeiterin, Germanistik, glaube ich. Die stämmige kleine Frau grinste triumphierend und zog mit Carmen ab. Später arbeitete Heike übrigens mit den Kunsthistorikerinnen, die am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung waren, zusammen. Die Uni war eben sehr klein. Noch viel später sollte ich ihr in Berlin wieder begegnen. Wie meine Freundin Ronja* lebt auch Heike* mittlerweile lesbisch. Carmen habe ich nie wieder gesehen. Keine der drei. Der Name ist wohl kein gutes Omen für mich!

Auf Wiedersehen in Berlin?

Außerdem war da Anja* gewesen, eine Bekannte von meinem Kumpel Tom*. Stimmt, die fand ich sehr hübsch. Eines Tages guckte mich Anja angeekelt an. In ihrem Blick lag Verachtung. Stimmt, schon damals schoß es mir für ein paar Momente durch den Kopf: „So eine blöde Birkenstockkuh bin ich ja wohl nicht!“. Dabei war ich mit einer lesbischen Frau befreundet gewesen. Dass sie lesbisch war, kam nur heraus, weil ein Freund von mir sich in sie verliebt hatte. Irgendwann zog sie in eine andere Stadt. Nach der Sache mit Anja beruhigte ich mich mit Michael*, einem Kunsthistoriker.

Eine Frau, die glatt ein Double von Anja sein könnte und interessanterweise auch aus der gleichen Stadt kommt, der Stadt, in der ich studiert habe, nämlich, ist heute übrigens in der queeren Szene in Berlin eine große Nummer. Was für ein Zufall!

*Alle Namen geändert.

My Story: Die konservative Revolution (Part III)

„Dummchen“ oder akademischer Superstar?

Wir haben damals alle zusammen unseren Uni-Abschluss gemacht, meine Freunde und ich. Alle hatten übrigens sehr gute Noten. Auch wenn ich mir da heute nicht mehr so sicher bin. Ronja*, mit der ich eine Weile ganz dicke gewesen war, habe ich, wie viele andere, später in Berlin wieder getroffen. Da gab sie zu, das ihre Noten nicht ganz so gut gewesen waren. Ich hatte Ronja immer für intelligent gehalten und wusste nur zu gut, wie sehr auch der Zufall und Prüfungsangst eine Rolle spielten. Dass sie gelogen hatte, verzieh ich ihr aber nicht. Dass ich als eine der besten meines Fachbereichs „mit Auszeichnung“ abgeschlossen hatte, wollte ich für mich behalten. Zwar hatte ich hart dafür gearbeitet und so manche hohe Hürde nehmen müssen, aber ich konnte mir denken, wie es anderen ging, die sich ebenfalls viel Mühe gegeben hatte. Die Schlagzeilen „Akademikerarbeitslosigkeit“ und „Eierlegende Wollmilchsau: 5 Sprachen fließend und trotzdem nichts als unbezahlte Praktika“ gingen schon zu der Zeit fast tagtäglich durch die Zeitungen. Besonders hart hatte es Christina* getroffen. Christina kannte ich oberflächlich aus der linken Szene. Wir hatten uns einmal in der Kneipe getroffen, um über Feminismus zu diskutieren. Das war allerdings nicht besonders ergiebig, denn Christina, die Soziologie studierte, wollte über feministische Theorie reden, ich dagegen kannte mich besser mit kultureller Repräsentation aus und nannte Beispiele etwa aus der Werbung oder aus Filmen. Das wiederum war Christina nicht wissenschaftlich genug. Ich war etwas beleidigt, weil ich mich als „Dummchen“ vorgeführt fühlte. Wir wiederholten den Abend nicht. Christina ging mit einer tapferen zwei aus dem Studium. Da ich wusste, wie wichtig ihr das Intellektuelle war und wie wenig angesichts der zu der Zeit fast inflationär vergebenen „sehr guts“ ein „gut“ zählte, tat es mir leid. Natürlich trumpfte ich insgeheim auch ein bisschen auf, aber es tat mir vor allem leid.

geduckte Akademiker

Es war dann Jo*, der mit meiner Note herausplatzte. Jo war eine Weile mit Gundula* zusammen gewesen, die mittlerweile in Kunstgeschichte promovierte und die beste Freundin von Carmen* war, ebenfalls Kunsthistorikerin. Mit Carmen hatte ich im Rahmen eines Ausstellungsprojektes (siehe: My Story (Part I)) einmal unglaublichen Ärger gehabt. Jo jedoch verstand sich gut mit ihr. „Tjaha, Laila, du mit deiner eins-null musst hier keinen auf bescheiden machen!“ Ich sah, wie Christina die Gesichtszüge entglitten. Jo, der in Geschichte promovierte, hatte selbst auch „mit Auszeichnung“ abgeschlossen. Das war für Christina kein Problem und das ärgerte mich. Aber ich war auch wütend, weil Jo mir die Entscheidung abgenommen hatte. Im Fach selbst war die Note bereits fünf Minuten nachdem ich den Prüfungsraum für die letzte mündliche Prüfung verlassen hatte, rum gewesen. Leute, die mich – Verzeihung! – all die Jahre mit dem Arsch nicht angeguckt hatten, kamen auf mich zu und gratulierten mir plötzlich aufs Herzlichste.

bürgerlich geworden

Trotzdem hatte ich auf einen Schlag meinen Freundeskreis verloren. Ich wollte über die schwierige Situation von Akademikern auf dem Arbeitsmarkt reden, die anderen wollten bei Leuten, auf die es ankam, Punkte machen. Ich fand einen Job – allerdings im Ausland und zeitlich befristet. Als ich erneut auf Jobsuche war, wurde ich vom Auto angefahren, als ich gerade dabei war, einen Zebrastreifen zu überqueren. Für viele Monate konnte ich meine rechte Hand nicht mehr benutzen. Ich hing an der Uni herum, versuchte hier und da, noch mal an die linke Szene anzudocken, war mit einem Typen zusammen, aber es war nichts Ernstes. Mein bester Freund Christian heiratete seine Freundin Bellinda. Meine Freundin Ronja heiratete ihren Langzeitfreund Ashley. Zu beiden Hochzeiten war ich nicht eingeladen. Manchmal traf ich mich mit Matthias, einem bekannten aus unserer damaligen Clique. Matthias hatte sein Studium geschmissen. Ihm ging es nicht gut. Manchmal lud ich Matthias zum Essen ein. Er hatte beschlossen, mehr auf seinen Körper zu achten, und bat mich gesund und Kalorien arm zu kochen. Als Matthias gegen Monatsende nichts mehr zu Essen hatte, brachte ich ihm etwas vorbei. Es war irgendwie nicht das Richtige. Ich begriff, dass wir uns voneinander entfremdet hatten.

harte Blicke, harte Zeiten

Ich fühlte mich furchtbar einsam. Manchmal, wenn ich allein durch die Stadt lief, bohrte sich ein Blick in meinen Rücken. Damals drehte ich mich noch schlagartig aus meinem Tran gerissen um – „Großväterchen“, einer der Kunstgeschichtsdozenten. Alle nannten ihn „Großväterchen“ und hatten großen Respekt vor ihm, da er, obwohl er kein Professor war, als sehr intelligent und fachlich ausgesprochen kompetent galt. „Oh. Guten Tag, Herr Westermann*“ grüßte ich ihn in solchen Fällen. „Großväterchen“ fixierte mich jedes Mal, bevor er sich zu einem gegrunzten, knappen „Tag!“ durchringen konnte.

Die Dicken aus Berlin kommen!

An der Uni lernte ich auf einem Abendvortrag eine Frau aus Berlin kennen – offenbar eine Freundin von Gundula und den anderen aus dem Kolloquium. Da ich längst beschlossen hatte, bei der nächstbesten Gelegenheit nach Berlin überzusiedeln, denn ich hatte das Gefühl, in der muffigen Enge der kleinen, katholisch geprägten Stadt fast zu ersticken und wollte irgendwo leben, wo Frauen nicht spätestens mit Ende 20 unter der Haube sein müssen, quetschte ich die Frau aus Berlin ein bisschen aus. genau genommen interessierte mich eigentlich alles, was die sehr dicke dunkelhaarige Frau zu erzählen hatte. Sie gab bereitwillig Auskunft, wenn auch ein wenig von oben herab, aber das war ich zu dem Zeitpunkt längst gewohnt. Später in Berlin glaubte ich, die Frau in einer Galerie in Kreuzberg wieder gesehen zu haben. Vielleicht war das eine Verwechslung – sie zeigte ihrerseits auch keine Zeichen des Wiedererkennens. Das „Verwechslungsspiel“ fing aber schon in der Stadt in Südwestdeutschland, in der ich damals lebte, an.

Kurze Zeit nach dem ersten Besuch aus Berlin war nämlich eine weitere Frau aus Berlin zu Besuch: Auch sie sehr dick und dunkelhaarig, wenn auch vom Teint her heller als die andere. Ansonsten hätten sie fast Zwillinge sein können. Interessanterweise war auch diese Frau eine Freundin von Gundula und den anderen. Na ja, Gundula lebte damals zeitweise in Berlin. Da ich die Nase voll hatte vom Alleinsein, fragte ich Gundula an diesem Tag, ob ich mich ihnen in der Mensa anschließen könne. Ich konnte. Die dicke Frau starrte mich die ganze Zeit versonnen an. Das war irgendwie komisch und ich fühlte mich unwohl damit. Als ich mir einen Salat von der Theke nehmen wollte, starrte die Frau, die vor mir in der Schlange war, mich weiter an. Der Plastikdeckel, der die Salatschalen abdeckte fiel herunter. Ich hatte nicht gesehen, dass sie ihre wurstartigen Arme immer noch auf der Theke hatte. ich war kurz davor, auszurasten, bemühte mich aber um ein „Entschuldigung!“. Als wir saßen, plauderte Hans*, ein Anglist, der aber ebenfalls an unserem Lehrstuhl promovierte, fröhlich Französisch mit Louis-Aimé, unserem Doktoranden aus Westafrika. Louis-Aimé sprach manchmal mit mir Französisch, wenn wir allein waren. jedes Mal, wenn ich mich jetzt in das Gespräch zu schalten versuchte, antworteten sowohl Hans als auch Luc-Aimé mir strikt auf Deutsch. Später, als ich längst in Berlin lebte, sollte ich von Luc-Aimé eine E-mail erhalten, in der er mir schrieb, er sei in Europa in Schwierigkeiten geraten und brauche dringend Geld. Woher er meine private E-Mail-Adresse hatte – im Kolloquium hatte ich immer meine Uni-E-Mail-Adresse angegeben – weiß ich nicht. Da ich von hartz IV lebte, konnte ich ihm mit Geld nicht helfen. Das schrieb ich auch. Später las ich irgendwo, dass es bloß eine klassische Romance-Scammer-E-Mail war. An dem Tag in der Mensa hatte ich jedoch die dicke Frau am Wickel. Sie saß mir gegenüber und fragte plötzlich aus heiterem Himmel schüchtern: „Und du bist die Laila Phunk?“. „Nein, die Königin von Saba!“ patzte ich, da die Frau mir wirklich auf die Nerven ging. Gleich nachdem mir das rausgerutscht war, tat es mir auch schon wieder leid. Ich entschuldigte mich. „Warum fragst du?“ wollte ich wissen. „Nur so.“ entgegenete die Frau und schwieg für den Rest des Essens beharrlich. Ich gig nie wieder mit Gundula, Hans und Luc-Aimé essen.

My Story: Die konservative Revolution (Part II)

In der Vorhölle

Sommer 2004: Über Südwestdeutschland brütete die Augusthitze. Es war fast jeden Tag das gleiche Spiel: gegen Nachmittag wurde es drückender und am Abend tobte ein Gewitter durch die kleine Stadt in Südwestdeutschland, in der ich studiert hatte. Ich war wahrlich in der Vorhölle gewesen. Das allerdings hatte sich eigentlich als ganz vergnüglich herausgestellt. Immerhin gehöre ich zu den wenigen Leuten, die von sich behaupten können, schon einmal auf dem Dach einer europäischen Kathedrale gewesen zu sein, und die in Stein gemeißelten Teufelsgestalten und sonstigen Ausgeburten der Hölle, die den Dachfirst eines solchen Gotteshauses für gewöhnlich schmücken, aus nächster Nähe gesehen zu haben.

Ansonsten fühlte ich mich total ausgelaugt. Ich war einfach fertig. Konnte man mit 27 schon Burnout haben? Gefühlt war ich bereits 47. es war, als läge meine Jugend in irgendeiner fernen Vergangenheit, die für mich selbst schon nicht mehr ganz real war. Sicher, für meinen Studienabschluss hatte ich mich mächtig ins Zeug gelegt. Und es hatte sich gelohnt. Meinen Magisterabschluss in Kunstgeschichte und Geschichte hatte ich mit glatt 1 bestanden, „mit Auszeichnung“. Als eine der besten Absolventinnen des Fachbereichs hatte ich sogar ein Buch geschenkt bekommen. Ein Bildband über meine Alma Mater, die sich zwar rühmte, Wurzeln zu haben, die bis ins Mittelalter reichten, in Wirklichkeit aber ein Asbest verseuchter Siebzigerjahrebau war.

Auf den letzten Drücker

Der Weg, der hinter mir lag, war steinig gewesen. Ich hatte ein Stipendium für einen Rechercheaufenthalt im Ausland beantragen wollen. Dort hatte man sich drei Monate Zeit erbeten, bis man zu einer Entscheidung gelangen wollte. Dazu musste ich drei weitere Monate Bewerbungsfrist rechnen, weil Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann, bei der ich die Magisterarbeit schreiben wollte, keine Zeit hatte, mir das Gutachten zu schreiben, das ich für den Stipendienantrag brauchte. Zwar hatte ich gehört, dass an anderen, größeren Unis, Professoren gelegentlich nicht einmal Zeit haben, Magisterprüfungen abzunehmen und ich war auch dankbar, dass Frau Schulze-Lehmann eingewilligt hatte, mir das Gutachten zu schreiben, aber ich hatte ein gewaltiges Problem: Meine sechs Monate, die ich Zeit hatte, um die Arbeit zu schreiben, liefen bereits. Als ich mit dem Stipendienantrag ins Sekretariat gegangen war, hatte die Sekretärin darauf bestanden, dass ich zeitgleich auch die Arbeit anmelden müsse. Immerhin stünde der Arbeitstitel ja bereits in dem Stipendienantrag. Würde ich nicht unverzüglich anmelden, dürfte ich die Arbeit hier im Fach nicht mehr schreiben. Also meldete ich an. Aus den Augenwinkeln nahm ich war, wie „Großväterchen“ vorbeilief, der dienstälteste Dozent und guter Freund meiner einstigen Intimfeindin, Frau Dr. Messmer, die nicht mehr an dieser Uni unterrichtete.

Ich wachte fast jeden Morgen mit einer gehörigen Portion Wut auf. Finchen* – Josefine Schröder -, der kleine Liebling von Prof. Dr. Schulze-Lehmann arbeitete schon seit der Zwischenprüfung an dem Thema, über das sie ihre Magisterarbeit schreiben wollte. Das war zwar nicht verboten, aber im Grunde arbeitete der halbe Fachbereich mit. Fast immer schwirrte eine junge Dozentin oder Doktorandin vorbei, um Finchen noch einen Text zuzustecken, der doch „gut zu dem passt, was sie macht.“ Das war so ungerecht, dass man es mit mir so hypergenau nahm! Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass der DAAD Dreimonatsfristen verlangte für ein Stipendium für einen Auslandsaufenthalt, der im Rahmen einer sechsmonatigen Forschungsarbeit absolviert werden sollte, wenn man sich zeitgleich mit dem Stipendienantrag auch für die betreffende Forschungsarbeit anmelden musste. Das ergab keinen Sinn! Allerdings erhielt ich das Stipendium: zwei Monate Rom. Leider würde ich ein paar Tage nach meiner Rückkehr die Magisterarbeit abgeben müssen. Vorerst musste ich mit Fernleihen aus verschiedenen deutschen Bibliotheken Vorlieb nehmen.

Als ich meine Arbeit im Kolloquium vorstellte, waren die Reaktionen verhalten. Karin*, der zweite Liebling von Prof. Dr. Schulze-Lehmann ließ sich immerhin zu einem gedehnten: „Du weißt aber, dass du ein Inhaltsverzeichnis brauchst?!“ herab. Finchen merkte etwas an, dass zu ihrer Arbeit (Romantik) passte, aber nichts mit meinem Thema (klassische Moderne) zu tun hatte. Dennis, der einzige Mann, der seine Magisterarbeit am kunsthistorischen Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung schreiben wollte, wollte lieber über Psychologie sprechen. Dennis*, der weniger bildungsbürgerlich als die anderen wirkte, und mir gegenüber einmal behauptet hatte, früher einmal rechts gewesen zu sein – ein Fehler, den er aufrichtig bereute! -, hatte einen schlechten Stand im Fach. Später, als ich ihn in Berlin wieder traf, wie mehrere andere Kommilitonen und auch einige Lehrende, behauptete Dennis, er sei nie rechts gewesen. Vielleicht habe ich das falsch verstanden. Allerdings lief er noch in Berlin gern mit Bomberjacke herum. Nicht, dass das nicht einfach auch ein Styling sein könnte. Mit rechten Parolen ist er zumindest nie aufgefallen.

Die Schwachen zuerst!

Einmal, auf einer Exkursion in Paris, hatte Prof. Dr. Schulze-Lehmann mir ihren Standpunkt erklärt: „Man solle immer auch mal tun müssen, was man nicht so gewohnt sei.“ Genauer gesagt meinte sie damit, dass, wer lebhaft sei (wie ich) lernen müsse, sich mehr zurückzunehmen. Die Schüchternen dagegen sollten auch mal im Mittelpunkt stehen. Außerdem fand Prof. Dr. Schulze-Lehmann, dass Feminismus bedeute, v. a. feminine Frauen zu fördern, die ganz in der Frauenrolle aufgingen. Immerhin seien sie am stärksten von sexistischen Vorurteilen betroffen. Leider bedeutete das im Klartext, dass mein Referat gekürzt wurde und Finchen, die keineswegs schüchtern war, dafür aber der Hiwi von Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann, noch ein paar Extraübungen machen sollte. Ich war richtig sauer. Die anderen Frauen, die gedacht hatten, dass mit „schüchtern“ sie gemeint seien, waren ebenfalls verstimmt. Auf der Rückfahrt im Zug schenkte mir Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann die „Libération“, die sie offenbar gerade ausgelesen hatte, und scherzte mit uns. So richtig gut war die Stimmung trotzdem nicht.

Das Studium in Italien, wo ich auch mit dem Erasmusprogramm gewesen war, hatte mir besser gefallen, obwohl es ganz das klassische Paukstudium war, das Deutsche zu Recht oft kritisieren. Auch wenn ich mediterrane Wurzeln habe, kämpfte ich mit der Sprache und litt die ersten Monate an einem Kulturschock – mussten es in der Mensa wirklich zweimal am Tag Spaghetti sein?! Jeden Tag?! Aber ich stand nicht unter dem Druck, ständig darum ringen zu müssen, irgendwelchen mächtigen Leuten gegenüber zu beteuern, DOCH die „richtige“ Persönlichkeit zu sein, in unserem Fall: feminin, hilflos, zickig, modebewusst. Paradoxerweise war das selbst am feministischen Lehrstuhl das Einzige, was zählte. Diese Frauen hatten es leicht. Finchen, Karin und einige andere hatten bereits Promotionsstipendien und erste Jobs, die teilweise eigens für sie geschaffen worden waren, sicher.

Jesus! Oder jedenfalls dicht dran!

Man sollte lieber nicht wie Frau Dr. Peters* sein, die lesbische Dozentin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Schulze-Lehmann. Lieber wie Michaela Schwartzkopf*, die Assistentin von Prof. Dr. Luchs*. Friedemann Luchs galt als ausgesprochener Narzisst. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, das abzustreiten. Der elegante Mann in den besten Jahren – langhaarig und mit femininen Touch, dabei aber längst glücklich mit einer Blondine ähnlich wie Michaela Schwarzkopf liiert – war eine beeindruckende Erscheinung. Sein Spezialgebiet – mittelalterliche und frühneuzeitliche Bildgeschichte – vermittelte er mit einer Lebendigkeit und Begeisterung, so dass man fast den Eindruck haben könnte, es sei das Evangelium, das einem dargeboten würde. Dabei war es ein anderer Dozent, der sich im Rahmen einer launigen Abendveranstaltung tatsächlich einmal mit nacktem Oberkörper ans Kreuz nageln ließ. Nichtsdestoweniger war Prof. Dr. Schulze-Lehmann auch für Michaela Schwarzkopf da, die kleine, zierliche Deutschschweizerin, die, wie es hieß, in unglaublichem Tempo promoviert und sowohl in Frankreich als auch in Italien gelebt hatte, auch wenn sie merkwürdigerweise nicht sehr gut Französisch sprach. Unter Menschen wie Friedemann Luchs und Großväterchen, die problemlos von einer Sprache in die  nächste wechselten, fiel das auf.

Ich hatte begriffen, dass ich mein Punkerdasein aufgeben und erwachsen werden musste. Sogar mein bester Freund Christian* hatte sich zum Konservativen bekehrt. Statt dass wir uns Billigbier in rauhen Mengen durch die Kehlen rinnen ließen, kochte Christians Freundin Bellinda ihm heißen Kakao. „Solche Staubmäuse wie bei dir würde man bei Bellinda nicht finden!“ merkte er jetzt schmallippig an, während er früher nach wilden Parties bei mir gern noch über Nacht geblieben war, oft mit anderen Partyopfern. Morgens hatten wir uns dann immer mit Aufbackbrötchen und einigen Litern starkem Kaffee gemeinsam den Kater weggefrühstückt. Doch die Zeiten waren unwiderbringlich vorbei, wie ich mir eingestehen musste …

*Alle Namen, auch einige Umstände aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

My Story: Die konservative Revolution (Part I)

Der Plan. Oder: junge Frauen „zum Anbeißen“

Dass es ein lang gehegter Plan war, mich einmal so richtig fertig zu machen, stimmt wahrscheinlich. Vermutlich stammt er aus dem Jahr 1999. Damals studierte ich – Kunstgeschichte, Geschichte, Romanistik und Politikwissenschaften, d. h. Politikwissenschaften hatte ich wohl schon abgewählt. In der katholischen Kleinstadt in Südwestdeutschland, in die es mich zum Studium verschlagen hatte, gab es nur wenige Linke. Man kannte sich. Trotz aller Querelen hielt man auch zusammen – mehr oder weniger: Marxisten, Anarchos, Spontis, Ökos, Friedensbewegte, Pro-Palästina, Pro-Israel, Multikulti-Leute, DKPler und Feministinnen. Ich engagierte mich in einer Multikulturellen Initiative in der Stadt – Letztendlich sollte ich 10 Jahre dabei bleiben. Zum Feminismus überredete mich mehr oder weniger eine Freundin, die etwas ganz anderes als ich studierte, so ziemlich zu 100% dem Klischee-Bild einer Emanze entsprach, und sich – zu meiner damaligen Überraschung, denn ich hatte Vorbehalte – als ausgesprochen witzig und draufgängerisch entpuppte. Also wurde ich Mitglied der linken, feministischen Hochschulgruppe, in der sich auch Anne*, wie ich sie hier nennen werde, engagierte. In meinem Hauptfach war ich als Punkerin ein absoluter Freak. Die anderen Frauen waren „ordentlich“ gekleidet: knielange Röcke oder modische Hosen, Blusen oder andere dezente Oberteile, lange Haare – brav. Einmal kam eine Studentin in der Diathek auf mich zu und setzte gedehnt zu einer Frage an: „Also, weißt Du, ICH habe ja nicht so viel ERFAHRUNG mit MÄNNERN, aber …“.  In meinem Rücken hörte ich unterdrücktes Kichern. Später merkte ich, dass ich offenbar auch als „Lesbe“ gehandelt wurde. Meine Kommilitoninnen „gingen“ mit Jura-Studenten oder „sparten sich auf“. Mit Mitte 20 waren die meisten verheiratet, so wie es sich gehörte. Allerdings nicht alle. Die, die noch nicht in den Hafen der Ehe eingelaufen waren, hatten, wie sie erzählten, alle einen Langzeitfreund in einer anderen Stadt. Das traf auch auf einige Dozentinnen zu. Fast ausnahmslos gaben sie das Bild erfolgreicher junger Frauen ab: hübsch, ja „zum Anbeißen“, visuelle, sinnenfreudige Menschen mit Geschmack und Stilgefühl, trotzdem unglaublich intelligent, brillant in jeder Hinsicht, insbesondere sprachbegabt. Um Fremdsprachen gab es einen absoluten Hype. Daran erinnere ich mich noch. Die Professoren und Dozenten übertrumpften sich gegenseitig – Es war völlig normal, dass sie allesamt flüssig in mindestens 3, 4 Sprachen parlierten. Kostproben des eigenen Könnens wurden nur zu gern gegeben, wann immer eben das Thema auf „Fremdsprachen“ kam. Obwohl man durchblicken ließ, dass man nicht gedachte, seine Zeit mit so profanen Dingen wie Politik zu verschwenden, machte man sich ganz gern über Linke lustig. „Tja, ICH finde den Vlaams Blok** halt cool!“ witzelte ein Kommilitone über mich als frankophile Linke. Auch hatte man recht wenig Geduld mit den asiatischen Kommilitonen, die vereinzelt in den Seminaren saßen, um etwas über die für sie exotische europäische Kultur zu lernen.

Die andere Außenseiterin

Gundula* – auch sie heißt eigentlich anders – also Gundula, könnte mein Rettungsanker sein, dachte ich. Gundula, eine ältere Studentin, war nämlich damals die einzige, die auch links war. Hieß es zumindest. Unser Verhältnis blieb dennoch frostig. Gundulas beste Freundin, die in diesem Blogbeitrag Carmen* heißt, lernte ich während eines universitären Ausstellungsprojektes kennen, mit dem wir Studentinnen ein wenig Praxiserfahrung sammeln sollten. Carmen war verschrien. Eine Zicke sei sie, die andere mobbt, ein richtiges Scheusal, wurde getuschelt. Heute müsste man Carmen wahrscheinlich mögen: Sie war stark übergewichtig und außerdem Migrantin. Anders als der südländische Name es vermuten lässt, hatte sie allerdings einen deutschen Vater und eine skandinavische Mutter, wie sie jeden, dem sie begegnete, sogleich wissen ließ. Genau genommen konnte man mit Carmen kein Gespräch führen, ohne dass der skandinavische Aspekt einfloss. Allerdings muss man einräumen, dass die sehr dicke Frau mit ihren weißblonden, glatten Haaren und den stahlblauen Augen tatsächlich sehr gut einem Hägar-Comic hätte entsprungen sein können. Das Wikinger-Image konnte sie sich also durchaus auf die Fahnen schreiben. Ich beschloss, Carmen eine Chance zu geben. Schließlich wusste ich, wie es sich anfühlte, ein Außenseiter zu sein. Und außerdem – war sie nicht mit Gundula befreundet? War doch klar, dass all die kleinen Modepüppchen Vorurteile hatten. Nur weil Carmen nicht ganz so hübsch war …

Das Ausstellungsprojekt machte Spaß. Die Dozentin, Frau Dr. Messmer*, wie sie für diese Geschichte heißen wird, hatte ein paar Mal angedeutet, Feministin zu sein. Da das in unserem Fach nicht das Übliche war, war ich fasziniert, obwohl ich bereits mitgekriegt hatte, dass es auch eine feministische Professorin gab und eine Dozentin, die tatsächlich lesbisch war. Frau Dr. Messmer hatte uns zu sich nach Hause eingeladen: Eine kleine, aber feine Villa, wir saßen auf Designerstühlen. Man durfte rauchen und als mich eine riesige Dogge freundlich abschlabberte, fühlte ich mich nicht mehr fremd. Als Frau Dr. Messmer sagte, dass wir für das Projekt, dass sich über zwei Semester zog, eine studentische Hilfskraft bräuchten, zögerte ich, die schon länger nach einem Zuverdienst Ausschau gehalten hatte, dennoch zunächst. Stand das nicht zuerst einmal Carmen als ältester und erfahrenster Studentin zu? Wäre es frech, wenn ich als jüngste mich melden würde? In dem sommerlichen Garten summten ein paar Bienen. Die Dogge hatte sich zu meinen Füßen niedergelassen und grunzte zufrieden. Ansonsten herrschte Stille. Offenbar wollte niemand den Job haben. Also druckste ich herum, ich würde es sehr gern einmal versuchen. Vielleicht könnte ich mir die Stelle ja mit Carmen teilen, die ja viel erfahrener sei und viel mehr Wissen hätte. Carmen winkte gönnerhaft ab. „Dazu habe ich gar nicht die Zeit!“ lachte sie. Frau Dr. Messmer hatte keine Bedenken: „Aber ja, gern, Frau Phunk.“ Später kam noch ein anderer Dozent, der von allen respektvoll „Großväterchen“ genannt wurde, vorbei. Er war mit Frau Dr. Messmer und ihrem Mann befreundet und seine Frau Marion*, deren Name hier, wie der aller auftretenden Personen, geändert ist, leitete das Ausstellungsprojekt gemeinsam mit Frau Dr. Messmer. Er grüßte knapp in die Runde und verzog sich, um mit Frau Dr. Messmers Mann Autorennen zu gucken. Der Abend verlief entspannt, unegahnt lässig für die an sich eher steife Uni-Welt.

Wie kann man nur so blöd sein!

Leider stellte sich schnell heraus, dass ich mit dem Hiwi-Job tatsächlich überfordert war. Einmal sollte ich im Sekretariat Formulare abholen, um sie in den Semesterapparat in der Bibliothek zu legen. „So etwas darf gar nicht in den Semesterapparat!“ schmetterte die Sekretärin meine Anfrage ab. „… und das weiß Frau Dr. Messmer auch.“ Die Sekretärin schnalzte mit der Zunge: „Tz, tz, offizielle Uni-Formulare in den Semsterapparat, für jeden Hans und Franz frei zugänglich …“ Ich erklärte Frau Dr. Messmer das Problem. Die reagierte nicht, sondern ging schnurstracks zur Sekretärin. Um das aufzuklären, wie ich dachte. Genau DIE Formulare konnte man wahrscheinlich doch in den Semesterapparat legen. Aber nein. Ich hörte, wie Frau Dr. Messmer sagte: „Nein, nein, natürlich. Ja, Frau Phunk dachte vielleicht, das ginge, aber NIE habe ich so etwas verlangt! Da hat sie sich wohl versehen. Ja, die ist wirklich noch sehr unreif …“ Ich war wie erstarrt. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Gott, wie kann man nur so blöd sein! Warum haben Sie das mit den Formularen nicht gebacken gekriegt?!“ rieß Frau Dr. Messmer mich aus meinen Gedanken. „Aber …“ stammelte ich. „Ja, die dürfen doch gar nicht in den Semesterapparat! Sollen wir denn trotzdem …?“ „Dürfen gar nicht!“ äffte Frau Dr. Messmer mich nach. „Natürlich müssen die in den Semesterapparat. Aber Sie kriegen das ja anscheinend nicht hin. Also werde ich mal sehen, was ich machen kann.“. Letztendlich musste der Semesterapparat dann aber doch ohne die Formulare auskommen. Wie die Sache geregelt wurde, weiß ich nicht mehr.

Derartige Vorfälle häuften sich. Dass das Verhältnis zwischen Frau Dr. Messmer und mir nicht zum Besten bestellt war, schien sich außerdem überall herumgesprochen zu haben. In der Diathek gab eine Studentin zu Bedenken: „Das mit der Messmer – ich bin sicher, dass Carmen dahinter steckt!“. „Ja“, pflichtete eine andere ihr bei. „Carmen ist eine total dumme Zicke!“ „Aber die wollte den Job gar nicht haben!“ erwiderte ich. Blicke, die irgendwo zwischen Sorge, Mitleid und der unausgesprochenen, etwas herablassenden Frage, ob ich denn gar nichts checkte, lagen, streiften mich. Zum Glück war Leyla* nicht da. Die hatte zwar den gleichen Namen wie ich, aber das war auch schon unsere einzige Gemeinsamkeit. Leyla arbeitete schon seit Langem in der Diathek und „vergaß“ gern mal, meine Dias „auszutragen“, die wir damals, als Powerpointpräsentationen noch nicht so üblich waren, nach den Referaten zurückbringen mussten. In meiner Verzweiflung habe ich sogar mal einer anderen Diathekshilfskraft angeboten, zu mir nach Hause zu kommen und mein Zimmer zu filzen, weil ich die Dias wirklich ordnungsgemäß abgegeben hatte. Irgendwann tauchten sie dann auch immer wieder irgendwo in der Diathek auf. Jetzt, in der Sache mit Carmen, wusste ich nicht – wollten die anderen Studentinnen mich zum Narren halten? Oder hatten sie recht und ich war die Dumme?

Unten durch!

Ich kündigte. Es wurde aber vereinbart, dass ich weiter in dem Ausstellungsprojekt mitmachen würde. Carmen übernahm meine Hiwi-Stelle. Offenbar hatte sie jetzt doch genug Zeit dafür. „Wenn ich so etwas mache, dann klappt es halt, Laila!“ Carmen trug jetzt die Nase hoch. Ich ärgerte mich. War ich nicht als eine der wenigen nett zu ihr gewesen? Frau Dr. Messmer, die mich ein Semester zuvor noch immer ermutigt und gern drangenommen hatte, reagierte jetzt schroff, wenn ich mich im Seminar zu Wort meldete. Ich hatte noch ein anderes Seminar bei ihr belegt. Inhaltlich war es ja nach wie vor interessant. Aber es machte nicht mehr so recht Spaß. „Nein, die Architektur des Olympiastadions in Berlin kann man NICHT als ‚modern‘ ansehen. Meine Güte, das machen wir hier doch die ganze Zeit, dass die Nazis die Tradition wieder aufleben lassen wollten! Das sehen Sie doch auch alle an Adolf Ziegler, dem ‚Maler des deutschen Schamhaars‘!“ trumpfte Frau Dr. Messmer plötzlich jedesmal auf. Da war der Wurm drin. Ich trank gern mal einen über den Durst, schlief schlecht, war ständig erkältet. Erst viele Jahre später – 2013 – sollte sich herausstellen, dass die „Erkältung“ eine hartnäckige Allergie war, die allerdings zwischen 2001 und 2011 wieder aus meinem Leben verschwand. Meine Freunde waren genervt. „Bitte nicht schon wieder, was Frau Dr. Messmer alles gemacht hat!“ hieß es.

In dem Text, den ich für den Ausstellungskatalog verfasst hatte, wurde jeder Satz auseinander genommen. Im Grunde sollte ich es noch einmal komplett neu schreiben. Carmen, die noch keinen Text abgegeben hatte, wurde dagegen jedesmal, wenn sie sich einbrachte, mit Lob geradezu überschüttet. Als Frau Dr. Messmer im Seminar spitzfindig anmerkte „‚Schimäre‘ – das Wort gibt es gar nicht! Das haben Sie erfunden! Ändern Sie diesen Schwachsinn und diskutieren Sie nicht jedes Wort! Sie sind doch gar nicht in der Lage, mit anderen im Team zu arbeiten!“ explodierte ich. Tränenüberströmt verließ ich das Seminar. „Sie sind draußen! Und Sie besuchen auch keine Seminare mehr bei mir!“ rief Frau Dr. Messmer mir noch hinterher.

Ein paar Tage später kam Jo*, der natürlich auch eigentlich anders heißt auf mich zu. Ich war überrascht. Mit Jo, der mit Gundula und Carmen befreundet war und Geschichte in einem höheren Semester studierte, hatte ich bislang wenig zu tun gehabt. Jo war links, ziemlich intellektuell und engagierte sich für Israel. Er reagierte ungehalten und konnte gelegentlich ganz schön überheblich rüberkommen, wenn man nicht seiner Meinung war. Deshalb wusste ich nicht so recht, was ich von ihm zu halten hatte. Jetzt aber war Jo richtig nett. „Laila, die wollen, dass du denen deinen Text für den Ausstellungskatalog lässt!“ Plötzlich tauchte das Gesicht von Carmen vor meinem inneren Auge auf. Sie hatte noch keinen Text abgegeben. „Nie!“ pampte ich. „Außerdem – die Messmer fand das doch so doof!“ „Laila, du wirst richtig Ärger kriegen! Die wollen dich sogar von der Uni schmeißen! Zumindest wirst du hier kein Bein mehr an Deck kriegen!“ versuchte Jo, mir die Situation klar zu machen. „Also, ich an deiner Stelle würde mir diesen Stress nicht machen und denen einfach den Text lassen …“ fügte er noch hinzu.

Nach dem Gespräch mit Jo beschloss ich, meine Freunde doch noch mal mit der Sache zu nerven. Außerdem rief ich Marion Mitschke* an, Großväterchens Frau, die unter der Woche an einer anderen Uni arbeitete. Frau Dr. Mitschke schien ein freundliches, ausgleichendes Temperament zu haben. Vielleicht konnte sie einen Kompromiss erwirken. Frau Dr. Messmer zu kontaktieren, schien mir, nach allem, was vorgefallen war, keine gute Idee zu sein. Frau Dr. Mitschke wich allerdings aus. Nach ein paar Telefonaten war klar, dass sie nichts machen konnte. „Und rufen Sie bitte auch nicht mehr an, Frau Phunk.“ stellte sie klar.

Frauen- und Genderforschung

Irgendwann feierte das Ausstellungsprojekt Vernissage. Natürlich ohne mich. Trotzdem schnappte ich mir den Ausstellungskatalog. Einige Elemente aus meinem Text fanden sich zwar in der Einleitung wieder. „Na ja, das war aber wohl klar, dass die das nicht einfach unerwähnt lassen konnten.“ sagte jemand. Das stimmte natürlich. Vor mir lag meine Zwischenprüfung, der heutige Bachelor. Ich wollte sie bei Frau Dr. Peters ablegen. Frau Dr. Peters* lebte offen lesbisch, d. h. sie erwähnte es hier und da einmal. Am Lehrstuhl von Herrn Prof. Dr. Luchs nahm man die Peters auch nicht sonderlich ernst. Anders am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung von Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann*, zu dem nicht nur Frau Dr. Peters gehörte, sondern auch Frau Dr. Messmer. Ich hatte bei Frau Dr. Peters ein Theorieseminar über Frauen- und Genderforschung belegt und wollte mit diesem Schwerpunkt auch die Zwischenprüfung ablegen. Beisitzerin würde die berühmt-berüchtigte Prof. Dr. Schulze-Lehmann sein, bei der ich noch nichts gemacht hatte. Natürlich war mir nicht ganz wohl dabei. Jo’s Worte hallten nach: „Du wirst hier nie wieder ein Bein an Deck kriegen!“

Nach der Prüfung holte mich Frau Dr. Peters wieder herein. „Nun, was denken Sie? Wie schätzen Sie sich selbst ein?“ fragte sie. „Öh, 3+?“ riet ich, weil ich ziemlich hart gelernt hatte. Für den obligatorischen Fachteil Architekturgeschichte und -terminologie hatte ich mit Fenja*, eine Kommilitonin, die ich ganz nett fand und die zeitgleich mit mir Prüfung hatte, wenn auch nur im Nebenfach, nachmittagelang die ganze Stadt abgegrast. Bis in die frühen Morgenstunden hatte ich mich damit abgeplagt, was Archivoltenbögen sind, und wie oft welcher Bauteil des Doms der Stadt, in der ich studierte, umgebaut worden war. Ich glaubte, in der Prüfung einiges auch parat gehabt zu haben, ein paar Mal aber doch ins Stocken geraten war. Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann übernahm die Gesprächsführung. „Nun, wir haben Ihnen eine 1 gegeben.“ sagte sie knapp, nickte aber ermutigend.

Jo hatte sich offenbar geirrt, dachte ich erleichtert. Oder etwa doch nicht?

*Alle Namen geändert.

** „Vlaams Blok“: heute „Vlaams Belang“: rechtsextreme Partei in belgien, die vorgibt, die Interessen der Niederländisch sprechenden Bevölkerung zu vertreten.